Kein Herz, nirgends

von Sarah Heppekausen

Essen, 17. April 2009. Wahrscheinlich ist es bloß Zufall, dass der Scheinwerfer sein Licht vor Beginn herzförmig auf den roten Vorhang wirft. Vielleicht aber auch ironische Absicht. Denn was in Lulus Leben wohl die geringste Rolle spielt, ist die Liebe als eine Angelegenheit des Herzens. Die Männer verfallen ihr zwar reihenweise, doch deren Trieb ist pure Obsession: Sex.

In Wedekinds Urfassung der Tragödie, die Schirin Khodadadian für ihre Inszenierung am Grillo Theater gewählt hat, ist Lulu weniger die lüsterne Femme fatale, die die Männer verführt, sondern vielmehr das Opfer dieser sie hemmungslos begehrenden Gestalten.

Monster in der Manege

Skurrile Typen sind es allemal. Es ist nicht nur Lulu, die als wildes Tier in der Menagerie auftritt. Die Regisseurin führt diese Idee aus dem Prolog konsequent und schlüssig weiter: Alle Figuren werden in der Inszenierung auf ihre Art zu einer Zirkusnummer. Und Ansgar Silies' Bühne bildet dafür die Manege. Etwa ein halbes Dutzend roter Samtvorhänge unterteilen verschieden hohe Holzpodeste. Je nach Belieben können die aufgezogen, runtergerissen oder auch als Umhang benutzt werden. Auf der Bühne stehen sichtbar die Scheinwerfer. Und mittendrin sitzt Stephan Kanyar an seinem Klavier als musikalischer Begleiter der tragikomischen Varieté-Veranstaltung.

Es tritt zum Beispiel der Maler Eduard Schwarz auf. Er porträtiert Lulu nicht nur, sondern schmeißt sich auch kurzerhand an sie heran, als ihr Ehemann für einen Moment den Raum verlässt. Fritz Fenne ist der banale, leichtgläubige Künstler, der mit riesigen Pinseln und großen Farbtöpfen hantiert, als sollte hier nicht nur das gemalte Bild ausgestellt werden. Bevor Schwarz sich später unter lautem Gebrüll die Kehle durchschneiden wird – weil er erfahren hat, dass Lulu ihn betrügt –, legt er noch eine Art Veitstanz auf die Parkettbühne. Oder Schöning: Andreas Grothgar gibt den Chefredakteur, der Lulu vor Jahren von der Straße in die feinere Gesellschaft holte, als schmissigen Herrn im weißen Anzug. Wenn es brenzlig wird, schwingt er sich den Zylinder auf den Kopf und singt mit tiefstem Bass "My way".

Sich an der eigenen Unnatürlichkeit reiben

Eine wunderbar groteske Nummer ist auch Bettina Engelhardts lesbische Gräfin von Geschwitz. Vor ihren Auftritten verheddert sie sich immer wieder in einem dieser Vorhänge und behält doch strengste Haltung in ihrem schwarzen Rollkragenkleid (Kostüme Pia Janssen). Engelhardt schmachtet, reibt sich auf und verzweifelt so herzzerreißend an ihrer eigenen Unnatürlichkeit, dass man auch ihr endlich einmal die körperliche Zuneigung Lulus wünschen möchte.

An der Seite solch starker Nebenrollen bleibt Barbara Hirts Lulu leider blass. Zwar legt Wedekind seine Titelfigur als ein nicht klar zu definierendes, charakterloses Wesen an. Aber Lulu offenbart ein großes Repertoire an verschiedensten weiblichen Attributen. Rollenbilder, die ihr von den Männern zugewiesen werden und sich somit als austauschbare Klischees erweisen. Das – wenn auch dressierte – Animalische und Kreatürliche zeigt die Schauspielerin noch anschaulich, sie stolziert wie eine Giraffe, springt die Männer an wie ein Affe und hangelt sich am Klettermast empor wie eine Katze. Und immer wieder strubbelt sie sich die kurzen dunklen Haare auf. Wild auszusehen gehört schließlich zu ihrem Image. Aber der tiefere Sinn ihres eigenen Todes durch das Messer von Jack the Ripper ist nur schwer zu erschließen.

Mit Pappnasen zwischen Schein und Sein

Zu beiläufig und zügig werden nach der Pause die letzten Auftritte abgehandelt. Lulus innere Entwicklung bleibt dabei auf der Strecke. Der ungestüme Rollentanz dieser verführerischen Kindfrau, immer nah am gesellschaftlichen Abgrund, überträgt sich bei Khodadadian vielmehr auf die gesamte Inszenierung. Es ist ein permanentes Spiel zwischen Schein und Sein, hier trägt jeder seine Maske. Wie etwa die Gräfin von Geschwitz, die, kurz bevor sie Lulu ganz verlieren wird, mit Pappnase und Papphütchen zusammengeknickt auf der Bühne steht: Ein perfekter tragischer Clown.

Oder die Toten, die als Puppen von der Bühne abtanzen. Wedekind hat mit seiner Tragödie die Strukturen der bürgerlichen Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts transparent gemacht. Psychologischer Realismus war seine Sache nicht. Khodadadian treibt diesen Kunstgriff weiter. In einer Zeit, in der so öffentlich und medienwirksam über Sexualität gesprochen wird wie heute, braucht es eine rasante Zirkusnummer, um als Utopie in die Wirklichkeit einzudringen.

Ein deutlich erkennbares Herz ist auf der Bühne übrigens nicht mehr aufgetaucht.

 

Lulu - Eine Monstretragödie
von Frank Wedekind
Regie: Schirin Khodadadian, Bühne: Ansgar Silies, Kostüme: Pia Janssen, Musik: Stephan Kanyar. Mit: Werner Strenger, Barbara Hirt, Thomas Marx, Andreas Grothgar, Krunoslav _ebrek, Fritz Fenne, Matthias Eberle, Bettina Engelhardt, Nicola Mastroberardino, Rezo Tschchikwischwili, Stephan Kanyar.

www.schauspiel-essen.de

 

Mehr lesen, wie heutzutage Wedekinds Monstretragödie auf dem Theater aufgefasst wird? Im Januar 2009 machte David Marton in Hannover aus Lulu unter Zuhilfenahme der gleichnamigen Oper von Alban Berg ein starkes Stück Musitheater. Im Februar 2008 sezierte Ingo Kerhof am Stadttheater Bern das berühmte Drama.

 

Kritikenrundschau

Lulu, die Frau, die allen Bildern gerecht wird, bleibt ein Rätsel, normalerweise, schreibt Jens Dirksen in der Neuen Ruhr Zeitung (20.4.). "Mit Barbara Hirt wird Lulu im Grillo-Theater nun jedoch zum hüpfenden Koboldmädchen, dessen postmodernes Multi-Tasking sie in allen Sätteln obenauf sein lässt." Sie schlage sich so durch, und dass ihr am Ende Jack the Ripper übern Weg läuft, sei weder tragisch noch eine Ausgeburt der Verhältnisse, "sondern einfach nur Pech, Panne, Pleite". Alles, was grell, schnell und grotesk geraten müsste, "so wie in Khodadadians aktueller Inszenierung von Sybille Bergs 'Goldenen letzten Jahren' in Bonn", gerate in Essen recht "bieder und manchmal fast klamottig". Existenzieller Ernst werde nur im Dr. Schöning von Andreas Grothgar spürbar, "hier ist die Fallhöhe für markerschütternde Komik und Tragik". Immerhin als kunstvolle Zwielichtigkeit auf zwei Beinen komme Werner Strenger daher, "aber auch sein Schigolch hält diese Inszenierung nicht mehr zusammen, die zum Ende hin zu szenischem Konfetti zerbröselt, mal rot, mal schwarz, mal leichenblass."


Auch für Rainer Wanzelius (Westfälische Rundschau, 20.4.) steht mit Barbara Hirt als Lulu ein kleiner quirliger Kobold als Ur- und Wechselbild der Männervorstellungen auf der Bühne. An Frank Wedekinds Lulu-Figur trete der Zuschauer allerdings mit erweiterten Erwartungen heran. In der Opferrolle sei sie in Schirin Khodadadians Inszenierung jedenfalls nicht zu sehen. "Vielleicht eine Besetzungsentscheidung, um gewisse Erwartungen eben nicht zu bedienen und passende Mythenbildungen zu unterlaufen; vielleicht auch nur eine Fehlbesetzung." Bühnenbildner Ansgar Silies biete den Schauspielern eine Mischung aus Rummel, Revuetheater und Künstleratelier als Spielfläche an. Die Inszenierung erlaube sich Züge von Unaufgeregtheit, das auch bei guter Schauspielerarbeit. "Wirklich berührend die Liebe der Gräfin von Geschwitz, die im zweiten Teil der sie immer nur abweisenden Lulu zum Opfer fällt. Da entspinnt sich zwischen Bettina Engelhardt und Barbara Hirt die intensivste Szene des Abends."

 
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