Der Verkannte

von Esther Slevogt

Berlin, Januar 2007. Max Reinhardt gehört zu den großen Verkannten der Theatergeschichte. Das mag angesichts seines geradezu legendären Rufs vielleicht paradox klingen. Doch beim näheren Hinsehen ist Reinhardts Ruf zwiespältig.

Theaterleute von heute beziehen sich lieber auf die zahllosen (und nicht selten dem diskreten Charme diverser Diktaturen erlegenen) Weltverbesserer, die die deutsche Theatergeschichte hervorbrachte, statt auf diesen revolutionären Erneuerer der Bühnenkunst, der mit Theatermachen auch noch Geld verdiente, was ihn für viele noch einmal doppelt verdächtig macht. Reinhardt gilt bis heute eher als Antimoderner, als Verfechter eines zuschauerüberwältigenden Illusionsapparates, der das Theater als Opium des Volkes verstand.

Dass dieses Reinhardt-Bild dringend revisionsbedürftig ist, wurde schon in einer Reihe von Veranstaltungen deutlich, die das Deutsche Theater Berlin in der Spielzeit 2005/2006 zum 100. Jahrestag von Max Reinhardts Übernahme des Hauses initiiert hatte. Besonders die Theaterwissenschaftler Christopher Balme und Erika Fischer-Lichte zeichneten ein differenziertes Bild dieses Theatergiganten, der nicht nur die Regie einst zur eigenen Kunstform erhob, sondern auch die zutiefst von Monarchie und Feudalismus geprägte Bühnenkunst radikal demokratisierte. Erika Fischer-Lichte ging in ihrer Ausdifferenzierung von Max Reinhardts Theatertechniken sogar so weit, sie mit Brechts Begriff vom Epischen Theater in Verbindung zu bringen.

Von dem, was Reinhardt erfand, zehrt das Theater noch heute

Der Mainzer Theaterwissenschaftler Peter W. Marx hat jetzt eine sehr fundierte und umfassende Darstellung von Max Reinhardts Werk vorgelegt, die erste, die sich dieses Theatermannes einmal auf einer breiten, kulturwissenschaftlichen Basis angenommen hat – also die kulturellen, politischen und volkswirtschaftlichen Bedingungen seiner Arbeit ebenso auffächert, wie diese Arbeit selbst, samt ihren einzelnen Etappen, Theaterformaten und massgeblichen Inszenierungen. Das ist insofern fruchtbar, als Reinhardt hier zum ersten Mal als Wegbereiter eines neu-bürgerlichen, demokratisch-großstädtischen Milieus Gerechtigkeit widerfährt. Mit großer Akribie belegt Marx außerdem, dass Reinhardt so ziemlich alles erfunden hat, wovon das Theater bis heute zehrt. Dass er mit seinen höfischen Darstellungstraditionen ebenso abschloss, wie mit den bildungsbürgerlichen Attitüden des Theaters, und statt auf moralische Belehrung auf ästhetische Erfahrung setzte.

Am Anfang steht 1870 die Einführung der Gewerbefreiheit in Preussen, die auch das Theatersystem neu ordnet. Denn fortan kann man Theater wie ganz normale Unternehmen gründen und betreiben. Wie stark Max Reinhardt, beflügelt von den Möglichkeiten des wirtschaftlichen Liberalismus, das Theater strukturell umkrempelte, bis hin zu Marketing, dem Outsourcing der Herstellung von Programmzetteln und Theaterdekoration, oder der Verpachtung der Theatertoiletten, das hat man so in einer theaterwissenschaftlichen Studie noch nie gelesen. Reinhardts Theaterimperium wird mit seiner modernsten Betriebsführung aber nicht nur ökonomisch zum Vorzeigekulturkonzern.

Auch als Kulturphänomen an sich ist es für Marx symptomatisch: das reich gewordene Bürgertum, das im Kaiserreich von politischen Gestaltungsmöglichkeiten immer noch weitgehend ausgeschlossen ist (wovon das jüdische Bürgertum doppelt betroffen ist), steckt seine Energie in die Schaffung von Kulturinstitutionen und kürt das Theater zum gesellschaftlichen Ersatzschauplatz – eine Funktion, die es bis zum Ende der DDR innehaben sollte, weswegen es sicher kein Zufall ist, dass ausgerechnet Reinhardts Deutsches Theater zum Nationaltheater des Arbeiter- und Bauernstaats avancierte.

Gegenentwurf zu entfremdeten Großstadtwelten

Reinhardt selbst konzipiert das Theater, wie auch Marx belegt, als universalen Gegenentwurf zu den entfremdeten Großstadtwelten, bietet den transzendental obdachlos gewordenen Zeitgenossen darin sozusagen einen unentfremdeten Raum im Spiel. Einen Ort im Übrigen, der sich weniger dem Gedanken der Nationalkultur als dem der Weltkultur verpflichtet sieht. Als Leser muss man sich gelegentlich etwas mühsam durch wissenschaftsobligatorische Diskursabsicherungspassagen und methodische Kapitel arbeiten.

Aber es lohnt sich. Marx hat hier wichtige Grundlagen zu einer neuen Reinhardt-Betrachtung gelegt, die neben ihrer Wissenschaftlichkeit bieten, was man in wissenschaftlichen Publikationen sonst selten findet, nämlich eine tiefe menschliche Nähe zum Gegenstand der Betrachtung, zu Max Reinhardt und seiner Geschichte. Peter W. Marx lässt sein Buch am Grab Reinhardts in Hastings-On-Hudson upstate New York enden. Dieses einsame Grab, tausende Kilometer von Berlin entfernt, wird für ihn zum Inbegriff seines abschließenden Befundes, dass Max Reinhardts Kulturentwurf in Deutschland keinen Ort gefunden hat.

zuerst erschienen in Theater Heute 1/07

 

Peter W. Marx:
Vom bürgerlichen Theater zur metropolitanen Kultur,
Narr Francke Verlag, Tübingen 2006, 244 S., 29,90 Euro


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