Parasiten der Sensation

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 19. April 2009. In einem Moment, in dem die Bild-Zeitung eine möglicherweise HIV-infizierte Popsängerin in Untersuchungshaft unter dem Vorwand der Volksgesundheit und des öffentlichen Interesses rufmordet, kommt es einem fast schon harmlos vor, wie die Boulevardzeitungen vor knapp drei Jahren mit dem österreichischen Entführungsopfer Natascha Kampusch umgegangen sind. Vom Lieblingsopfer wurde sie blitzschnell zum Fall, mit dem "irgendwas nicht stimmt", der an Gewicht zunahm, sich nicht opferkonform benahm und alle Ratschläge der "Berater" in den Wind schlug – und der Mittäterschaft verdächtigt wurde. Im Internet kann man diese Entwicklung in hämischen Forumsbeiträgen und scheinheilig besorgten Artikeln immer noch nachverfolgen.

Offenbar ein typischer Mechanismus der Mediengesellschaft: Das Opfer wird in der öffentlichen Meinung mindestens zum Mit-Täter. Es ist leicht erkennbar, dass Kathrin Röggla den Fall als Vorlage für ihr Stück "Die Beteiligten" nahm, um die Mechanismen der Mediengesellschaft vorzuführen. Und zwar mit einem interessanten Trick: Das Stück ist ein auf fünf Figuren verteilter Text, der aus der Perspektive "des Opfers" geschrieben ist – aber es dennoch kein einziges Mal vorkommen lässt.

"Ich" als Leerstelle

Stattdessen referiert das "Ich" im Konjunktiv der indirekten Rede, wie ein professioneller Fan, ein erfolgloser Journalist, eine einfühlsame Nachbarin, ein gefallener Jungstar, ein selbst ernannter Freund es mit Wortrauschen, Bildern, Forderungen, Expertenmeinungen überfallen. Der Name Kampusch wird im Stück kein einziges Mal erwähnt. Das "Ich" taucht in der Inszenierung nur als Leerstelle und Projektionsfläche auf, aber gleichzeitig wird dieser Mechanismus umgedreht: denn eigentlich ist es das "Opfer", das einen entlarvenden Blick auf die Figuren seiner Umgebung wirft. Die Opfer-Täter-Struktur wird gewissermaßen bereits grammatikalisch umgekehrt.

In Düsseldorf erzählt Stephan Rottkamp diese komplizierte Grundstruktur mit einem interessanten und kongenialen Mechanismus, einer Videoinstallation von Robert Schweer: Jeder Zuschauer wird in eine andere schwarze Box auf der Bühne geführt, in jeder stehen fünf Fernseher, mittendrin sitzt einer der Darsteller. Nachdem der Anfang des Stücks auf dem Bildschirm abgespult wurde, werden die fünf Figuren vorgestellt und beginnen ihren Textschwall. Wir sehen also entweder ein sprechendes Original oder sein Fernsehschirm-Abbild, also jenes, das ohnehin das einzige war, das wir im Fall Kampusch ständig präsentiert bekamen.

Von Sprachergüssen besudelt

Dass die Figuren Nacherzählungen aus des Opfers Kopf sind, hindert die Schauspieler nicht daran, voll in ihrer Rolle aufzugehen: Claudia Hübbecker ist großartig als hysterisch-strenge und penetrant allwissende Psychologin mit Perlenkette, Anna Kubin mit Blondhaar und Szenekleidung ein cooler, bewundernder und sensationsgieriger Fan und Internet-Forums-Chefin. Susanne Tremper ist eine pseudo-mitfühlende Nachbarin im Dienste der "Wahrheit" und öffentlichen Meinung, Wolfram Rupperti ein schmieriger Journalist, Karrierist und vermeintlicher Medienberater. Wunderbar heuchelt auch der ältere Quasi-Freund und Vaterersatz Pierre Siegenthaler sein natürlich gemeinnütziges Interesse am Fall, ohne zur Karikatur zu werden.

Gleich fünf Bildschirme füllt schließlich der gefallene Nachwuchsstar Denis Geyersbach, der sich von ihr eine Ruhm-Wiederauflebung verspricht, aber es nicht länger als zehn Minuten mit ihr aushält. Sie, die falschen Freunde, besudeln das Opfer mit Sprachergüssen – und die feine Ironie des Stückes ist, dass es ja zunächst das Opfer ist, dessen Stummheit allenthalben beklagt wird, das letztlich den Textfluss wiedergibt.

Wie im wahren, geschwätzigen Leben

Alle haften sich also parasitär an die Sensation des Entführungsfalls, saugen gierig das vermeintliche Abenteuerliche daran auf, sind stellvertretend Erlebende eines modernen Märchens und durchfallartig kommentierende Experten für Seelenzustände. Wie im wahren, geschwätzigen Leben eben, genau wie wir, die wir in Internetforen und Debatten unsere Kommentare verewigen.

Zwischendurch müssen die Zuschauer einen stau-intensiven Platzwechsel in eine andere Box vornehmen, um eine andere Figur live zwischen Live-Bildschirmen sitzen zu sehen. Sie, das selbst ernannte Team, wollen Berater, Begleiter, Biografen sein, sorgen für Make-Up, Kleidung, Gewandtheit beim Auftritt, haben süßliches Verständnis, wollen angeblich keinerlei Details wissen und das Objekt ihres Interesses genauso haben, wie es in ihrer Vorstellung existiert: dankbar, traumatisiert, hilflos.

Die Einfühlung entgleitet

Doch weil sich das Opfer eben ganz anders verhält, plötzlich selbstbewusst und offensiv, kippt die Stimmung der Experten: die Wände der Boxen fahren hoch und zeigen das auf der Bühne sitzende Publikum. Der Psychologin entgleitet ihre Einfühlung, jetzt ist das Opfer auf einmal "Schnee von gestern" und wird selbst zum Täter und Monster gemacht. Hysterisch beschimpfen, zweifeln, verspotten sie, was sie eben noch vermeintlich einfühlsam bedauerten – aber da gibt es natürlich schon längst andere Skandale.

Und schließlich fährt, nach einer guten Stunde, auch die Rückwand des Bühnenraums hoch. Die Schauspieler setzen sich in den leeren Zuschauerraum, kreischen verzückt: "Die ersten Bilder" – und wir sehen: uns, auf einmal selbst zur Sensation erniedrigt. Ein äußerst intelligentes und berückend realitätsnahes Stück, das uns täglich neu vorgeführt wird – und an dem wir kräftig mitarbeiten. Und das noch auf kongeniale Weise inszeniert: das ist selten.

 

Die Beteiligten (UA)
von Kathrin Röggla
Regie: Stephan Rottkamp, Raum- und Videoinstallation: Robert Schweer, Kostüme: Esther Geremus, Dramaturgie: Christine Besier. Mit: Denis Geyersbach, Claudia Hübbecker, Anna Kubin, Wolfram Rupperti, Pierre Siegenthaler, Susanne Tremper.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de


Mehr zu Kathrin Röggla? Im Oktober 2008 wurde "worst case" in Freiburg, im März 2009 dann in Dortmund inszeniert. Außerdem schrieb Röggla für nachtkritik-stuecke08.de, das Portal zu den Mülheimer Theatertagen, über Mainstream-orientiertes tütentheater.

 

Kritikenrundschau

Auf der Webseite von Deutschlandradio Kultur (19.04.)  schreibt Ulrike Gondorf: In Kathrin Rögglas Stück müsse "das Publikum aktiv die Rolle des Mediennutzers übernehmen und sich klarmachen, dass jeder mitspielt". Die "sensationslüsterne Öffentlichkeit und profitgierige Medien" seien "Die Beteiligten" des Stücktitels, "beteiligt nicht im Sinne von Mitgefühl und Anteilnahme, sondern als Komplizen in einem perfiden Spiel, in dem eine Seite die andere bedingt immer weitertreibt". Das Publikum in Düsseldorf müsse "aktiv die Rolle des Medienkonsumenten übernehmen und sich klarmachen, dass jeder mitspielt dabei". Natascha Kampusch, deren Name niemals genannt werde, sei "das Bild in den Köpfen der sechs Figuren, die Röggla zeigt". Mit einem "verblüffenden Kunstgriff" bringe die Autorin "Medienkritik und die Form ihres Stücks zur Deckung": alle Personen bedienten sich nur "der indirekten Rede, sprechen im Konjunktiv, der Möglichkeitsform, die eben nicht aussagt, was real der Fall ist". Und je länger das gehe, umso "penetranter wird die Unverschämtheit, mit der hier alle das "Ich", die Persönlichkeit ihres Gegenübers usurpieren". Rottkamps Inszenierung setze den "fulminanten, vielschichtigen, dabei auch witzigen Text" einleuchtend um. Die sechs Darsteller erreichten trotz ihrer "schwierigen, sprechopernhaften Parts" eine spielerische Leichtigkeit, "die diesen kunstvollen Text zum Glänzen bringt".

Annette Bosetti schreibt in der online-Ausgabe der Rheinischen Post (21.04.) im "bedrückend engen, tiefschwarzen, rundum geschlossenen Raum" solle man "vielleicht" sich "ganz entfernt so vorkommen, wie sich das Mädchen Natascha Kampusch im Verlies seines Peinigers gefühlt haben muss". Regisseur Rottkamp habe um das "komplex gedachte und virtuos getextete Werk" eine dramatische Bühnenlandschaft und Raumfolge konstruiert, die klarmache, "dass auch das Publikum des Abends von Anfang an dabei gewesen sein kann oder muss". Sechsmal "bricht und spiegelt sich" der Mensch, "der nach seiner Befreiung erneut Opfer – diesmal vor allem der Medien – wird, in verschiedenen parasitären Figuren". Am Ende "werden alle Wände und Decken aufgezogen, der Zuschauer ist wieder öffentliche Person und wird gewahr, dass er selber auf der Bühne sitzt, sogar Mitspieler ist". Die Autorin habe "in genialer Entrückung" eine sechsfache Klageschrift verfasst. Sechs verschiedene "Abgesänge", die die Beteiligten des "näheren Opfer-Umfelds abspulen, jeder aus seiner Sicht". Röggla lässt sie "in ihrer Identität unverbindlich, verwendet nur ein "Ich" – das Ich des Opfers". Die "Qualität von Schauspielkunst und Regie" wie die Video-Installation von Robert Schweer nehme für die Produktion ein. Vor allem besteche der "sprachgewaltige Text, der intellektuell ist, ohne sperrig zu sein." Röggla wage auch Poesie – "neben der Analyse von den sensationslüsternen Menschen aus der zweiten Reihe hat sie sich in den Fall und vor allem in den Menschen tief eingefühlt".

Begeisterung auch bei Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (25.4.), die das Stück raffiniert konstruiert und von Stephan Rottkamps Inszenierung eindrucksvoll umgesetzt findet. Besonders Robert Schweers "kongeniale Raum- und Videoinstallation" bringt für sie die Sache auf den Punkt: "Wir sind live dabei und doch bloß Zugeschaltete. Perfide! Indem der Zuschauer die Gaffer-Position des TV-Konsumenten einnimmt und Schauspielern zusieht, wie sie in Mimik und Gestik höchst wirklich und dringlich ausdrücken, was sie sprachlich nur in der Möglichkeitsform referieren, wird die scheinbare Live-Situation doppelt und dreifach gebrochen, wird jeder einzelne als "Beteiligter" vorgeführt und zugleich auf erhellende Distanz gehalten." Einmal müssten die Zuschauer, wie Dössel schreibt, "wie eine sich drängelnde Herde" die Boxen wechseln, "ehe schließlich die Seitenwände hochfahren und den Blick auf die Gesamtszenerie freigeben, in der sich nun das Publikum gegenübersitzt." Da kippe die Stimmung der 'Beteiligten'. Enttäuschungen, Aggressionen kämen auf, "denn das Opfer verhält sich nicht opfergemäß, es ist selbstbewusst, verweigert sich, führt ein selbstbestimmtes Leben, 'man wisse ja gar nicht mehr, wen man vor sich habe'. Das 'Vollopfer' mutiert in der öffentlichen Wahrnehmung zum undankbaren Ego-Monster. Kaum ebbt das Interesse an dem Fall ab, hebt sich der Eiserne Vorhang und gibt den Blick in den leeren Zuschauerraum frei: Vorhang auf für die nächste Sensation! Applaus."

 

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