Der menschliche Faktor

von Petra Kohse

Berlin, 23. April 2009. Es riecht herbstlich an diesem kalten Frühlingsmorgen in Berlin. Die Sonne kommt zuweilen durch, aber im Tiergarten bedeckt feuchtes Laub den Boden, und die rauchenden Obdachlosen auf den Parkbänken haben die Beine in ihren Schlafsäcken vergraben. Ein Katzensprung vom Tiergarten entfernt, steht vor dem Deutschen Theater noch immer die Schriftzug-Installation "Verweile doch" aus Michael Thalheimers "Faust"-Inszenierung von 2004. Drinnen, im Rangfoyer, kündigen Ulrich Khuon und sein Dramaturgenteam vom Hamburger Thalia Theater indessen die nächste Spielzeit unter ihrer neuen Leitung an.

Es ist eine warmherzige, Vertrauen stiftende und sanft neugierig machende Veranstaltung, so wie alles, was Ulrich Khuon anpackt und vertritt, warmherzig, Vertrauen stiftend und sanft neugierig machend ist. Frühlingsgefühle und Herbstkuscheligkeit haken sich unter, Verweilen und Fortschritt werden auf einen Nenner gebracht. Womit der 58-jährige Schwabe im dunklen Anzug und mit offenem Hemdkragen, der beim öffentlichen Sprechen die Hornbrille abnimmt, in Berlin sicher nicht minder anschlussfähig ist als zuvor in Hannover und Hamburg. Alles soll weitergeführt, aber intensiviert werden, die Risikobereitschaft besteht im Willen zur Kontinuität und zur Verbindlichkeit. Der menschliche Faktor – das Erkennungszeichen des Khuon-Theaters!

Äußerlich zeigt sich das daran, dass das blockartige und kontrastreich vielfarbige DT-Logo nun klein geschrieben (dt) und – Königsblau auf Weiß oder umgekehrt – in einen Kreis gestellt wird. Inhaltlich daran, dass der Khuon-Gefährte Andreas Kriegenburg als dt-Hausregisseur nach vielen Jahren nach Berlin zurückkehrt, andere wie Jürgen Gosch, Dimiter Gotscheff, Stephan Kimmig oder Michael Thalheimer hier weiter beschäftigt werden, es mit David Bösch, Kevin Rittberger, Annette Pullen oder Jette Steckel aber auch Regie-Zuzüge nach Berlin gibt und dass weiterhin Dea Loher und Lukas Bärfuss gespielt werden. Ein Drittel des 47-köpfigen Ensembles (dessen Konterfeis auf einer Leinwand alle einzeln eingeblendet wurden) kommt vom Thalia Theater, die Hälfte bleibt vom bisherigen DT.

Auf das Ensemble zielten auch die einzigen Fragen des Pressekonferenzpublikums. Ob nicht Gäste wie Jens Harzer wieder ans Haus kommen könnten und was überhaupt mit Dieter Mann sei. Da faltete Ulrich Khuon verständnisvoll die Hände und stellte ganz klar, dass er es als Hausvater ernst meine mit der Ensemblearbeit und immer zuerst die eigenen Darsteller besetzen würde. Jung und wild geht sicher anders. Aber in Sachen Team Spirit und Wille zur Wertschöpfung positioniert sich das neue dt in Berlin schon mit der Pressekonferenz als Avantgarde.

Hier geht's zum neuen Ensemble und zum dt-Spielplan in 2009/2010.

 

 
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