In jedem Hafen eine Frau

von Esther Boldt

Mannheim, 30. April 2009. Hinter den Fenstern liegt der Hafen mit seinen Frachtcontainern und Kränen, die bizarr in den Himmel staken, und am Horizont fließen Rhein und Neckar zusammen. Vor den Fenstern plaudern drei Schauspieler und zwei Musiker vor sich hin, singen Lieder zum Mitschunkeln und rahmen den Ausblick mit Anekdoten, mit Geschichten von Käpt’n Ahab, von einem "Fremdländer" mit goldenem Nasenring und anderem Gespinsten.

Pittoresk ist die Kulisse, die sich die Autorin und Regisseurin Gesine Danckwart für ihr Hafen- und Schifffahrtsprojekt "Und die Welt steht still" gesucht hat: Der Mannheimer Hafen, den zweitgrößten Binnenhafen Deutschlands. Schon 2007 war Danckwart am Nationaltheater Mannheim zu Gast, da bespielte sie die Straßenbahn mit "Müller fährt".

Ort der Erinnerung und des Fernwehs
"Und die Welt steht still" beginnt im Regattahaus, wo man sitzt und hinaus auf die Hafen- und Verkehrslandschaft schaut, die unweigerlich zum Bild wird. Diesen Bild-Blick wird man den ganzen Abend nicht mehr los: Alles so schön bunt hier, so fremd-vertraut und fernwehselig. Locker hangelt sich "Und die Welt steht still" an den Leitmotiven Erinnerung und Verlust, Entfernung und Sehnsucht, Verortung entlang. Danckwart hat für diese Uraufführung den drei Schauspielern einige schöne, weitgehend verbfreie Bandwurmsätze geschrieben, die nach Unbehaustheit klingen und mit wunderbaren Neologismen aufwarten wie dem "Wohlfühlinnenraum" und dem "Erinnerungswerthaften".

Irgendwann wird auch mal diffus über die Verfrachtung von Waren und Genmais lamentiert, aber das geht im allgemeinen, wehmutswohligen Meeresrauschen unter. In erster Linie wird der Hafen zum Ausgangspunkt für Geschichtchen von hoher See, von lockender Ferne und dem ewig wartenden Weib, das hier Penelope (Nadine Schwitter) heißt und seit drei Jahren wartet, sie weiß auch nicht warum und worauf. Wartet, bis Max (Marcus Reinhardt) auftaucht, dessen große Liebe sie mal war, früher in der Schule – und ein nicht ironiefreies, aber doch schales Happy End inklusive "Hoffnungseinfamilienhaus" winkt.

Pastorenboot zum Pathoslager
Aber das wird natürlich nicht auf einmal erzählt, sondern Stück für Stück. Nach dem gemeinsamen Start im Regattahaus teilt sich das Publikum, 15 Mann dürfen schon mal in See stechen und mit dem "Pastorenboot" zum "Pathoslager" fahren. Der Rest verstreut sich samt Lageplan und Handlungsanweisung ("Das Unbetreute wird es heute Abend nicht geben!") zu einer losen Schnitzeljagd über das Gelände.

Im "Haus Oberrhein" gibt es eine sensationelle Aussicht von der Dachterrasse inklusive Ton- und Textinstallation, unterwegs begegnen einem Papierschiffchen mit Nachrichten von Penelope, in der "Panoramabar" gibt es Bier und Bratwurst, in der Pèniche "Willi" trifft man auf einen geheimnisvollen Archivar namens Doktor Fleischmann (Hans Fleischmann), der Karten zeichnet und Fotografien an die Wände pinnt. Damen und Herren in leuchtenden Westen helfen dem Publikum auf Boote und in Fahrstühle, winken es zur rechten Zeit zum rechten Fleck und dann wieder weiter. Eine Überbetreuung, die dafür sorgt, dass der Theaterreisende in der Spur bleibt und ja keinen Schritt zur Seite tritt. Der Hafen ist kein Freiraum, sondern ein ausgefeilter Hindernis-Parcours, durch den die Zuschauer wie Schiffsladung punktgenau verfrachtet wird.

Auf die Industriekultur ist Verlass
Darüber hinaus allerdings verlässt sich Danckwart weitestgehend auf die pittoreske Industriekultur-Szenerie, reichert sie mit Fetzen aus süffisant zum Schifferklavier servierten Kalauern an. Das ist charmant und für eine Weile vergnüglich, aber im Verlauf von knapp drei Stunden dann doch ziemlich erlebnis- und ergebnisarm. Zum großen Finale im herabgesunkenen Dunkel dann darf noch einmal geschunkelt werden, bevor Penelope, die Wartende, mit dem Warten aufhört und an ihres Maxens Seite tritt. Und endlich schweigt das Schifferklavier.


Und wie Welt steht still (UA)
Hafen- und Schifffahrtsprojekt von Gesine Danckwart
Szenografie: Gesa Mueller von der Haegen, Sounddesign: Fabian Kühlein, Musik: Florian Scharnofske, Jörg Teichert.
Mit: Nadine Schwitter, Hans Fleischmann, Marcus Rheinhardt.

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Zuletzt haben wir von Gesine Danckwart das Stück Auto gesehen, in Berlin am HAU.

 

Kritikenrundschau

Mit einigem Entzückem hat Ralf-Carl Langhals vom Mannheimer Morgen (2.5.2009) dieser entschleunigten Hafenerkundung beigewohnt. Einerseits. Denn "die Zitatstöffchen", die Danckwart bei ihren Recherchen zum Thema zusammengetragen hat, finder er eher "dünn und redundant". So lebt der Abend aus seiner Sicht ausschließlich vom Kolorit, der liebevollen organisatorischen "Kleinteiligkeit im Zusammenwirken von Hafengesellschaft, Nationaltheater-Abenddienst, Historischer Binnenschifffahrt, Landesmuseum, evangelischer Schifferseelsorge, DLRG und Regattaverein". Doch das war's dann auch. Der Text bleibe akustisch meist unverständlich. Allenfalls Satz-Fetzen dringen ins Kritikerohr, die aber, wie er findet, "als dünn bestrichene Signalworte keinen dreistündigen Theaterabend tragen. Da helfen auch die nette kollektive Würstchenbude und das Schifferklavier von Florian Scharnofske nicht weiter."

 
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