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Geschichten vom totgeschossenen Sohn

2. Mai 2009. In nahezu allen Kritiken von Christoph Schlingensiefs Fluxus-Oratorium Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir wurden die eingespielten Schmalfilmaufnahmen, die Schlingensiefs Vater Hermann-Josef 1966 von seinem Sohn gemacht hat, als Dokumente einer behüteten Kindheit beschrieben. Bilder von Ferien an der Nordsee, der Sechsjährige zwischen Spielkameraden oder mit einem Spielzeuggewehr.

Dabei ist es in höchstem Maße befremdlich, wie der Vater in diesen Filmbildern seinen Sohn inszeniert. Selbst wenn man berücksichtigt, dass diese Bilder vom Sohn über vierzig Jahre nach ihrer Entstehung in gestalterischer Absicht ausgewählt worden sind. Der Mann, der Apotheker in der Stadt der 1954 gegründeten Internationalen Oberhausener Kurzfilmtage war, hatte offensichtlich ein filmisches Auge. Die Dünen- und Meerbilder von Nordseeferien sind schön kadriert, viel Sand und wehendes Dünengras, kaum Himmel und manchmal das Meer. Auch, wie der Sohn darin erscheint, in Badehosen vor dem Meer: mitunter merkwürdig steif allerdings, die Hände fest an den Oberschenkeln, als hätte er Angst, und dürfte es nicht.

Aber dann filmt Hermann-Josef Schlingensief den vielleicht Fünfjährigen mit einem riesigen Spielzeuggewehr. Solche Bilder werden heute manchmal nachträglich von jungen Amokläufern veröffentlicht, als hätte sich darin die noch verborgene, furchtbare Zukunft ablesen lassen, wäre man nur aufmerksamer gewesen.

Auch im Kontext der Aufführung haben die meisten Kritiker ähnlich auf die Kinderbilder Christoph Schlingensiefs geschaut: hier das gesunde Kind, das die Zukunft noch vor sich hat, die man jetzt, während man in einer Aufführung dieser Messe für einen Überlebenden sitzt, schon kennt, weshalb man das unschuldige Kind umso erschütterter in diese Zukunft gehen sieht.

Aber vielleicht erzählen diese Filmbilder weniger von der Zukunft als von der Vergangenheit. Es gibt eine Szene, wo der kleine, nackte Junge beim Waschen gefilmt wird, minutiös die Kamera den Kinderhänden folgt, die mit einem Waschlappen den nackten Körper reinigen. Nicht nur, das dies die Fragen aufwirft, warum in den prüden sechziger Jahren Eltern ihr Kind überhaupt so filmten. In einer anderen Sequenz lässt der Vater den Sohn an einer Mauer seine eigene Erschießung spielen: das Kind sackt leise in sich zusammen, ein kleiner Junge, fünf oder sechs Jahre alt.

Und wenn man sieht, wie der hochgewachsene schlaksige blonde Schlingensief senior zuvor den Sohn an den Füßen durch den Dünensand geschleift hat, denkt man für einen Moment, dass man gerne wüsste, wo dieser Mann im Zweiten Weltkrieg war.

(sle)

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