Theatertreffen 2009

Theatertreffen-Diskussion – Politik und Privatheit

Verkabelt, gepudert, veröffentlicht

von Elena Philipp

Berlin, 2. Mai 2009. Das Private ist politisch, dieser Schlachtruf der 68er ist das Thema der ersten Diskussion beim diesjährigen Theatertreffen. Die Regisseure Volker Lösch und Christoph Schlingensief, Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier und Carolin Emcke, Philosophin und Journalistin, diskutieren mit 3sat-Kulturzeit-Moderatorin Tina Mendelsohn über "Politik und Privatheit. Identitäten und Biografien im Rampenlicht".

In blutrotem tt09-Bühnenbild werden die Talkgäste vor laufendem Publikum verkabelt und gepudert. Vorbereitung für die ZDF-Aufzeichnung, das Private ist öffentlich. Schlingensief trifft als letzter auf dem Podium ein, Steinmeier sitzt da schon länger und lächelt kameratauglich. Aufzeichnung los! Tina Mendelsohn stellt den vier Gästen ihre Eingangsfragen. Wie erklären Sie sich das übergroße Interesse an Ihrer Inszenierung und Ihrem Krebs-Tagebuch, Herr Schlingensief? Gar nicht. Herr Steinmeier, jede ihrer Regungen wird interpretiert, was bleibt da an Privatheit? Genug. "Das Private ist politisch. Wie finden wir das?"

Volker Löschs Sehnsucht nach Wirklichkeit
Der vorproduzierte Einspieler vom ZDFtheaterkanal fragt zurück, ob das Leiden des Subjekts die Politik etwas angehe und ob "der Schrei des Einzelnen" die Chance habe, im "ritualisierten Geflecht des Sprechens" gehört zu werden. "Wo scheinbar alles über den bröckelnden Sozialstaat gesagt ist, da hilft nur, wenn der Einzelne eine Stimme bekommt." Das setzt das Thema, entgegen der Ankündigung des Theatertreffens geht es nicht um den "angemessenen Umgang mit der mediatisierten, inszenierten und politischen Privatheit", sondern um das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, von Kunst und Politik, Ich und Wir – um das, was die Jury des Theatertreffens als verbindendes Element der ausgewählten Inszenierungen erkennt.

Ob Volker Lösch den Hartz IV-Empfängern eine Stimme und politisches Gewicht verleihen wollte? Als Motivation, auch "echte" Arme in seinen "Marat" zu integrieren, nennt der Regisseur seine "Sehnsucht, an andere Dinge heranzukommen". Nach zwanzig Jahren auf diversen Probebühnen habe er das, was er inszenierte, selbst immer weniger geglaubt und brauchte eine "Verbindung nach Draußen". Für Lösch wird ein gesellschaftliches Phänomen, über das er bereits gelesen hat, wieder interessant, wenn es aus dem Mund eines Betroffenen kommt, wenn es dessen ganz eigene Geschichte ist.

"Das Private ist das Unverstellte", sagt Lösch. Er konstatiert eine "Krise des Theaters", die Suche nach anderen Spielweisen, um letztlich "authentisch" und "glaubwürdig" zu sein. Carolin Emcke, klar und präzise, benennt daraufhin einen blinden Fleck in der Diskussion: Die Kunst des Schauspielens setze die gesellschaftliche Verabredung voraus, dass Einfühlung funktioniere. Kämen auf der Bühne nur noch Laien zu Wort und verfestige sich auch der politische Glaube, dass Menschen nur für sich selbst sprechen könnten – was sie den "Mythos der Authentizität" nennt –, dann bröckele der soziale Kitt. Gesellschaft ist Aushandlung, nicht Geschichtenerzählen.

Christoph Schlingensief macht ein Angebot
Theater wie das von Christoph Schlingensief scheint die richtige Form zu sein, individuelle Erfahrung öffentlich zur Debatte zu stellen. Der 48jährige verarbeitet in seiner Inszenierung "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" sein Krebsleiden als Passionsgeschichte und Kritik am christlichen Narrativ. Er lehne den Schauspieler als "Leidensbeauftragten" ab, so der Regisseur, und mache nun dem Publikum das Angebot, das Leiden vor dem Tod kennen zu lernen – denn "nur wenige von uns werden ohne Leiden sterben".

Das Theater ist für Schlingensief – implizit – ein politischer Raum, in dem Menschen gemeinsame Erfahrungen machen, sich über ihre Gemeinsamkeiten verständigen, aber auch ihre Unterschiede erleben – manche weinen, andere lachen, manche reagieren mit Unverständnis, schildert Schlingensief die Reaktionen auf sein Stück. Wird das Private hier politisch, indem sich eine radikal subjektive Leidensgeschichte mit dem Leben der Zuschauer verknüpft? So könnte man vielleicht Schlingensiefs Äußerung verstehen, "der Akt der Einsamkeit ist das Politischste was in unserer Gesellschaft stattfinden kann".

Das Politische ist anderswo
Emcke sieht zwar auch, dass eine Geschichte wie die von Schlingensief die Menschen bewegen kann; ein politischer Akt ist das für sie jedoch noch nicht. Wie Schlingensief hat Emcke Privates öffentlich gemacht. Als enge Freundin der Familie Herrhausen und Patenkind des 1989 von der RAF ermordeten Deutsche Bank-Chefs Alfred Herrhausen wartete sie achtzehn Jahre, bevor sie sich erstmals zum Mord äußerte – bis sie nicht nur die Schock- und Trauererfahrung verwunden hatte, sondern auch ihr persönliches Leid in einer allgemeineren Perspektive aufheben konnte.

In ihrem 2008 erschienenen Buch "Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF" plädiert sie für die Überwindung des Schweigens zwischen RAF-Tätern und -Opfern. "Ich habe kein Interesse an Reue, ich möchte die bis heute unbekannten Täter nicht unbedingt im Gefängnis sehen, aber ich möchte, dass sie sprechen, dass sie mir ihre Geschichte erzählen. Weil es auch meine ist," erklärt sie im ZEIT-Interview zur Buchpublikation. "Wir sind sprachliche Wesen. Wir verstehen uns nur im Gespräch mit anderen. Nur so könnten Opfer wie Täter die damaligen Ereignisse verarbeiten", heißt es in ihrem Reportage-Essay Stumme Gewalt. Die Verständigung, der Prozess des Aushandelns ist für Emcke das genuin Politische.

Was in den Kleidern hängen bleibt
Auf dem Podium wird jedoch weitgehend monologisch gesprochen, man legt seine Sicht der Dinge dar, und nur Steinmeier gestattet sich gelegentlich eine, vor allem an Lösch gerichtete, direkte Replik. Abgesehen davon bleibt der Kanzlerkandidat blass. Der geballten künstlerischen und intellektuellen Individualität kann Steinmeier nichts entgegensetzen. Seine Einlassungen fehlt die Glaubwürdigkeit, die Schlingensief und Emcke ihren Geschichten verleihen können, weil diese zugleich durchlebt und durchdacht wirken.

Steinmeier berichtet in staatsmännisch getragenem Ton, wie schwer es sei, beim Besuch in Afghanistan zu erfahren, dass ein 21jähriger Soldat bei einem Anschlag zu Tode gekommen ist. "Ich kenne keinen, den das kalt lässt", sagt er, und dann folgt eine verstörend äußerliche Beschreibung dessen, was die Erfahrung eines fremden Todes bei einem Politiker auslöst: "Das hängt einem in den Kleidern", sagt Steinmeier – und nichts könnte technokratischer klingen.

Beglaubigend ist das "Ich", nicht das "Man", auch wenn jedes "Ich" in einem "Wir" aufgehoben werden muss, damit aus Privatem Politisches werden kann. Tina Mendelsohns Märchenton, mit dem sie die Diskussion beginnen ließ, bleibt beim "Man": "Es war einmal, meine Damen und Herren, da war Sterben privat, Politik war politisch und Theater eine moralische Anstalt." Die Regie unterbricht: Probleme mit dem Mischpult. Noch einmal muss sie den Spruch aufsagen, er klingt exakt wie zuvor.

 

tt09 - Diskussion I
Politik und Privatheit. Identitäten und Biografien im Rampenlicht
Es diskutierten: Carolin Emcke, Volker Lösch, Christoph Schlingensief und
Frank-Walter Steinmeier. Moderation: Tina Mendelsohn.
Die Aufzeichung der Diskussion wird am 7. Mai 2009 um 21:10 Uhr im ZDFtheaterkanal gesendet.

www.berlinerfestspiele.de


Mehr lesen? Das Theatertreffen 2009 wurde mit Christoph Schlingensiefs Fluxus-Oratorium Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir eröffnet.

 

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