Röcke rauschen, Kragen schwitzen

von Regine Müller

Recklinghausen, 3. Mai 2009. Es dürfte ein Abend im Sinne des Bundespräsidenten gewesen sein: Im Schiller-Jahr weiland hatte Horst Köhler während einer Matinee-Veranstaltung des Berliner Ensembles vehement der Werk- und Texttreue das Wort geredet und dem Regietheater eine deutliche Abfuhr erteilt. Zur Eröffnung der traditionsreichen Ruhrfestspiele reiste er nun mit allem sicherheitstechnischen Pomp an, um sich an jenem angeblich texttreuen Theater zu ergötzen, das hierzulande doch ach so rar geworden ist. Statt beim Berliner Theatertreffen die – durchaus streitbare – Auswahl von Spitzenproduktionen der deutschsprachigen Theaterlandschaft zu beehren, zieht der Bundespräsident es also vor, eine international koproduzierte Inszenierung zu besuchen, die auf großer Tour ist und sich mit glamourösen Hollywood-Namen ziert.

Nordlicht Tschechopeare

Seit Intendant Frank Hoffmann die Ruhrfestspiele leitet, ist das Programm. Es sichert bei niedrigem künstlerischen Risiko die Quote und steigert den Promifaktor auf der Liste der Ehrengäste.

In diesem Jahr lautet das Motto des immerhin 223 Aufführungen bietenden Festivals "Nordlichter" und im Zentrum stehen Werke skandinavischer Autoren von Ibsen bis Strindberg. Als Höhepunkte werden die Aufführungen des "Bridge Project" angepriesen, einer "transatlantischen Theaterinitiative", die in Kooperation mit dem New Yorker BAM und dem Old Vic Theatre London entstanden sind und Filmstars wie Ethan Hawke und Rebecca Hall unter der Regie des Oscar prämierten Sam Mendes in den Ruhrpott bringen. Freilich sind weder Shakespeare ("Wintermärchen") noch Tschechow den skandinavischen Autoren zuzurechnen, aber was soll’s.

Regisseur Sam Mendes, dessen jüngster Film "Zeiten des Aufruhrs" aufs Unbarmherzigste die Pathologie einer amerikanischen Musterehe in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf die Leinwand brachte, nähert sich in Recklinghausen Tschechows "Kirschgarten" auf den Zehenspitzen falsch verstandener Ehrfurcht.

Hölzernes bebildert

Auf der Bühne liegen alte Teppiche, ein paar abgenutzte Möbelstücke stehen herum, und ein paar Petroleumlampen geben funzeliges Licht. In historischen Kostümen tritt das Personal in artiger Reihenfolge auf und liefert gediegenes Boulevard-Rampen-Theater ab: vorwiegend heiter, mäßig geistreich, wenig bissig und unterfüttert mit gut abgehangener Melancholie. Die Übertitelungsanlage übersetzt den von Tom Stoppard neu gefassten und respektvoll gestrafften Text Wort für Wort und sorgt für reibungsloses Verständnis der ohnehin sattsam bekannten Geschichte.

Man bemüht sich um russische Atmosphäre und gepflegte Morbidezza, die Röcke rauschen und die Pelzkragen schwitzen, die ästhetischen Details sind geschmackvoll und nichtssagend. Gekonnt und solide erzählt Mendes das Drama des Untergangs des einst hochherrschaftlichen Landgutes und seines legendären Kirschgartens, reibungslos schnurrt die Maschine altmeisterlicher Theaterkonvention vor sich hin, will aber nicht recht auf Touren kommen. Allzu lang wird schon die erste Hälfte, und auch in der zweiten will sich brennendes Interesse an den zumeist hölzern bleibenden Figuren nicht wirklich einstellen. Denn Mendes führt seine Darsteller zwar routiniert, doch er deutet Tschechow nicht, sondern bebildert ihn bloß.

Störrische Hall, blasser Hawke

Aus diesem Mittelmaß finden auch die Stars nur selten heraus: Am ehesten noch die in Woody Allens "Vicky, Christina, Barcelona" in Erscheinung getretene Rebecca Hall, die als Warja störrischen Charme entwickelt und das wunschlose Unglück der russischen Langeweile zumindest ahnen lässt. Eher Behauptung bleibt jenes Lebensgefühl bei Sinéad Cusacks dick auftragender Ranjewskaja, die vor allem verkleidet wirkt. Simon Russell Beale hat als emporgekommener Kaufmann Lopachin im letzten Drittel anrührende Momente, während der groß angekündigte Ethan Hawke als ewiger Student Trofimow mit strähnigem Haar und heiserer Stimme seltsam blass bleibt. Das restliche Personal agiert wacker bis chargierend, von einer geschlossenen Ensembleleistung kann keine Rede sein.

So wollte der so sicher kalkulierte Beifall nur matt und schleppend in Gang kommen und verebbte sehr rasch.

 

Der Kirschgarten
von Anton Tschechow, Textfassung: Tom Stoppard
Regie: Sam Mendes, Bühne: Anthony Ward, Kostüme: Catherine Zuber, Musik: Mark Bennett, Licht: Paul Pyant, Choreographie: Josh Prince.
Mit: Simon Russell Beale, Michael Braun, Selina Cadell, Morven Christie, Sinéad Cusack, Richard Easton, Rebecca Hall, Josh Hamilton, Ethan Hawke, Paul Jesson, Aaron Krohn, Dakin Mathews, Mark Nelson, Charlotte Parry, Gary Powell, Tobias Segal, Jessica Pollert Smith, Hannah Stokely.

www.ruhrfestspiele.de

Mehr zum Glam-Faktor der Ruhrfestspiele: im letzten Jahr inszenierte Cate Blanchett und Kevin Spacey spielte.

 

Kritikenrundschau

Michael Laages schreibt in der rekonstruierten Fassung seines Live-Gespräches in Fazit auf Deutschlandradio Kultur (3.5.), die Inszenierung repräsentiere "eine Art von Theater, wie es im Theaterland Deutschland selbst in entlegeneren Provinzen niemand mehr ernstlich zu zeigen wagt". Mendes' inszeniere "vor allem im ersten Teil Geh-und-Steh-Theater der vorkonventionellen Art". Da müsse ein "armer Arbeiter als Ausdrucks tiefen Elends noch richtig kränklich husten (das ist sozialer Realismus!)", da gelte es als "exzessivster Ausdruck von Emotion", wenn jemand Stühle umwirft. Nichts, schreibt Laages, gegen eine ganz auf den Text und auf "knappe szenische Arrangements reduzierte" Aufführung - aber diese hier sei darüber hinaus "einfach nur lahm und zäh und ohne jede Idee".

"Horst Köhler kommt pünktlich", schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.5.). Die Wiederwahl gelte zwar als sicher, doch könne es nicht schaden, "sich vorher auf dem grünen Gewerkschaftshügel … blicken zu lassen". In seiner Eröffnungsrede habe der BuPrä davon gesprochen, dass Kultur in Zeiten des "globalen Austauschs" regionale Verankerung brauche. Blöderweise treffe das auf die Ruhrfestspiele nun gerade nicht zu. Denn die hätten den Bezug zur Region "weitgehend aufgegeben". Frank Hoffmann setze auf Prominenz. Sam Mendes blättere den Kirschgarten im "Retro-Look" auf. "Alles sehr gepflegt, ein gediegener Rahmen, dem sich die Schauspieler mühelos anpassen." Die Ranjewskaja der Sinéad Cusack schluchze den Erinnerungen an ihre Kindheit wie ihrem verflossenen Liebhaber "melodramatisch hinterher. Äußerlich ergriffen, innen hohl." Erst die "verschluckte Liebesgeschichte" zwischen Warja, "der Rebecca Hall eine tapfere Würde gibt", und Lopachin, "hinter dessen robuster Schale Simon Russell Beale einen weichen Kern erkennen lässt", bringe doch noch "emotionale Abstufungen in eine Aufführung", die Tschechows Komödie zum "edelschnulzigen Salonstück verflacht: ein Kitschgarten".

Stefan Keim schreibt in der Welt (5.5.): "Ästhetisch aufregendes Theater" dürfe man von den mit Stars besetzten internationalen Koproduktionen nicht erwarten. Es herrsche da "ein hierzulande aus der Mode geratener Begriff des theatralischen Handwerks". Bestehend aus: "deutlich Text sprechen, passende Bewegungen machen, klar die Geschichte erzählen. Das Theater ist ein abgeschlossener Raum, den Übertrag in die Wirklichkeit muss jeder Zuschauer selbst leisten." Mit "live gespielter atmosphärischer Untermalung" gelinge Mendes ein "stiller, starker Beginn". Doch schnell entpuppe sich die Inszenierung als "kreuzkonservatives Geh-, Steh- und Sitztheater". Dabei liefere jeder Schauspieler für sich eine "ordentliche Leistung". Mit "kratziger Stimme und jungenhaftem Charme" schwadroniere Ethan Hawke von der neuen Zeit, "die er nicht ansatzweise begriffen hat". Und Rebecca Hall sehe aus wie das "Urbild einer Britin", die ihre Gefühle verdrängt und hilflos aber "mit Haltung zusieht, wie sie immer weiter ins Unglück gleitet". Das stehe alles so im Stück, die Regie lasse weder eine Deutung noch einen Standpunkt erkennen. Wenn der Regisseur "mal ein Bild schafft", wirke das "fast wie ein Fremdkörper". Einmal geht die Rückwand hoch, da stehe "stumm das Lumpenproletariat", ein "Lüftchen soziale Unruhe weht durch den Raum". Das Thema verliere die Aufführung allerdings gleich wieder aus den Augen.

In der Frankfurter Rundschau (6.5.) beschreibt Stefan Keim seine Eindrücke von der Premiere noch einmal etwas anders sls zuvor in der WeltANZEIGE
: "Das Licht auf der Bühne geht aus. Noch in der Dunkelheit rasen schemenhafte Gestalten auf einen Mann in der ersten Zuschauerreihe zu. Blitze flackern auf, eine Handvoll Fotografen nimmt ihr Opfer ins Visier. Dass sich auf der Bühne gerade ein namhaftes Schauspielensemble verneigt, darunter immerhin Hollywoodstar Ethan Hawke und die gerade von Woody Allen in seiner Komödie 'Vicky Cristina Barcelona' entdeckte Rebecca Hall, ist den Bildjournalisten egal. Sie wollen nur einen: den Bundespräsidenten Horst Köhler, das Klatschen seiner Hände, seinen Blick direkt nach der Aufführung. Und Köhler klatscht. Sensationell!" Die Eröffnungspremiere der Ruhrfestspiele in Recklinghausen sei stets mehr ein "gesellschaftliches als ein künstlerisches Ereignis". Die Sponsoren müssten "gebauchpinselt" werden, es gebe "Empfänge vorab und danach", "Hollywoodstars zum Abendbrot" und diesmal sogar den "dauerlächelnden" Bundespräsidenten. "Zu dessen Eintritt ins Festspielhaus sich alle Besucher mit Ausnahme von ein paar stoffeligen Journalisten brav erhoben." Mendes habe den "Kirschgarten" vom Dramatiker Tom Stoppard in eine neue Fassung bringen lassen. Der habe die Sprache sanft aktualisiert, Charaktere und Handlung nicht angetastet. Die meiste Zeit beschränke sich die Aufführung auf "Stehen, Gehen, Sitzen und Texte aufsagen". Das alles solle in Russland spielen, doch im Kern wirke die Aufführung "eher britisch", vielleicht sei das Absicht. "Nach der Aufführung … eilen die Schauspieler zum Empfang. Die Sponsoren warten. Beim Verlassen des Ruhrfestspielhauses sieht man Live-Bilder von den gedeckten Tischen auf einer großen Leinwand. Alles ist wichtig an so einem Eröffnungsabend. Nur die Aufführung nicht, die ohne die Stars nicht der Rede wert wäre, reiner Mainstream …".

In der Zeitung Neue Westfälische (5.5.) vermerkt Hartmut Braun: Mendes setze ganz auf das "erhebliche Können" seiner Schauspieltruppe. Auf dem "riesigen Podest" allerdings blieben stünden "die Mimen" bisweilen "recht hölzern und einsam" herum. Niemand rage heraus, keiner falle ab, also könne sich das Publikum auf den Text von Tom Stoppard konzentrieren. Selten seien Tschechows Träumer, Versager und Phantasten "mit so viel Verständnis auf die Bühne gebracht worden". Sie seien "unfähig zu scheitern, weil sie nichts verändern wollen; sie lernen nichts, verstehen nichts, sind ohne Widersprüche". Aufregend sei das nicht. Aber: "Hoffmann hat für seinen Kurs den Segen des Festival-Gründers Gewerkschaftsbund, wie dessen Chef Michael Sommer auf der Premierenfeier im Glanz Tausender flackernder Kerzen bekennt. Der Kartenvorverkauf läuft glänzend, die Treueschwüre der Sponsoren klingen süß. Sogar die Bank of America hat sich, mit der Förderung von Mendes’ 'Bridge-Projekt', an der Seite der örtlichen Sparkasse in den Sponsoren-Pool eingeklinkt."

In der Westfälischen Rundschau (5.5.) schreibt Arnold Hohmann: Der Bundespräsident habe es "einfach großartig" gefunden, "was er gerade als Eröffnungspremiere der Ruhrfestspiele gesehen hatte." Doch sei Vorsicht angebracht, wenn Horst Köhler Theater lobe, schließlich habe er erst kürzlich in einer Rede am Berliner Ensemble "mehr Werk- und Texttreue gefordert" und dem "Regietheater eine Abfuhr erteilt". Das "Aufbrechen, das Abhorchen eines Textes", bei Sam Mendes müsse man dergleichen nicht befürchten. "Hier sieht das alte Kinderzimmer der Ranjewskaja tatsächlich aus wie eine Puppenstube, hier tragen die britischen und amerikanischen Schauspieler wahrhaftig noch historische Kostüme." Der Begriff "bieder" wolle sich aufdrängen, doch Halt!, damit täte man Mendes Unrecht. Er habe "Absichten mit der neuen Textfassung des Dramatikers Tom Stoppard". Der "tragische Faktor Zeit" spiele eine nicht unwesentliche Rolle. "Da die Zeit vorwärtsstrebt, kommt es zu den unvereinbaren Brüchen, wie sie uns der ‚Kirschgarten’ präsentiert. An Lethargie geht hier eine Ära zugrunde." Stärker akzentuiert als sonst erscheine auch "die soziale Frage". Mit "brüchig-heiserer Stimme" halte Ethan Hawke als ewiger Student Trofimow "eine flammende Rede über die immer größer werdende Kluft zwischen den Schichten". Rampentheater, na klar, schließlich liebe das "anglo-amerikanische Theater" den "großen Schauspielerauftritt". Am Ende könne man nicht "von einem großen Abend reden, eher schon von überdurchschnittlichem Schauspielertheater".

 

 
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