Umwälzung in der Sackgasse der Geschichte

von Ralph Gambihler

 

Bautzen, 9. Mai 2009. Wenn die Altstadt von Bautzen in der Abendsonne liegt, ist das altdeutsche Postkarten-Idyll perfekt. Brächte man amerikanische Touristen hierher und nicht nach Heidelberg, würden sie es vielleicht gar nicht merken. Indessen ist Bautzen nicht für seine Schönheit berühmt, sondern für seine beiden Gefängnisse. Als Inbegriff des DDR-Unrechts stehen sie ziemlich unübersehbar in der deutsch-deutschen Gedenklandschaft herum, gleich neben Berlin-Hohenschönhausen, durchnummeriert wie Kraftwerksblöcke: Bautzen I und Bautzen II.

Verdunkelte Räume
Während Bautzen I, im Volksmund "gelbes Elend" genannt, dem bundesrepublikanischen Strafvollzug eingegliedert wurde, ist "Mielkes Privat-Knast" Bautzen II seit Anfang der 90er Jahre eine Gedenkstätte – und wird nun zur Kulisse. Der Schatten der Zeitgeschichte verdunkelt darin selbst hell erstrahlte Räume, die Beklemmung spürt der Theatergänger auf der Stelle. Und wenn Antigone tatsächlich die Treppe im Hauptzellentrakt herunter steigt, eine von diesen mittigen Stahlgitter-Treppen, die in allen Alcatraz-Filmen vorkommen, wird die attische Tragödie auch zum Dissidentendrama. Als Biermanns und Bahros Schwester im Geiste steht sie vor uns, sehr jung, sehr blond, sehr unbeugsam. Germanisiert gewissermaßen.

Die Idee, mit Sophokles einen theatralen Beitrag zum 89er-Gedenk-Kalender zu gestalten, hat eine offensichtliche Logik. Als Ikone des Widerstands strahlt Antigone über alle Zeiten und Epochen hinweg. 40 Jahre SED-Herrschaft passen problemlos in ihr großes Tragödinnenleben.

Alcatraz' Mittelgang
Christoph Twickel und Martin Kreidt, die zwei in Hamburg beheimateten Autoren von "Antigone in Bautzen", belassen es aber nicht bei unausgesprochenen Bezügen. Sie ziehen zwei ergänzende Ebenen in den stark gekürzten Urtext ein: zum ersten eine dokumentarische Zeitzeugen-Ebene, auf der Thomas Klein, ein ehemaliger Bautzen-Häftling, und der Ex-DDR-Punk Bernd Stracke per Videoeinspielung erzählen, wie sie damals in Konflikt mit der Obrigkeit gerieten und wie sie im Nachhinein darüber denken.

Zum zweiten gibt es eine Ebene, auf der Erinnerungskultur reflektiert wird. Auf ihr führte eine chinesische "Besucherreferentin" durch den Abend und wundert sich dabei über die deutsche Gründlichkeit beim Aufarbeiten der Geschichte. Der Bühnenbildner Stefan Rändel hatte eigentlich nichts zu tun. Er lässt einfach den Ort mit seiner Aura aus Authentizität sprechen.

Man sitzt in der untersten Zellenebene auf dem Mittelgang, Schulter an Schulter aufgereiht zwischen den verschlossenen Zellentüren. Der schlauchartige Raum wirkt erstaunlich eng, intim fast, hat aber durch seine kirchenähnliche Höhe einen irritierenden Hall, der überraschende akustische Möglichkeiten eröffnet. Das einzige Requisit ist ein alter Drehstuhl, in den sich Kreon bisweilen plumpsen lässt in seinem Zorn über die Starrheit seiner Nichte.

Antigone gegen die Staatsräson
Wie ehedem hat Antigone Polyneikes begraben und damit gegen die symbolische Grenze der neuen Ordnung Thebens verstoßen. Staatsräson steht gegen das Gebot der Götter und die Liebe der Schwester zum toten Bruder Polyneikes. Die unerschrockene junge Frau, die Anna-Maria Brankatschk gibt, ist nicht auf dem Rebellen-Egotrip. Sie ist ganz klassisch alten Idealen und Geboten verhaftet. Und auch der technokratisch-kalte Kreon von Rainer Gruß ist ein klassischer Betonkopf.

Sobald die Tragödie Format und Eigenleben gewinnt, folgt nun aber der Sprung auf die nächste Ebene. Wie ein didaktisch motiviertes Störmanöver kommt es einem vor, wenn der Historiker Thomas Klein auf Bildschirmen erscheint und im Zeitzeugen-Interview berichtet, dass er das Misstrauen des Systems gegenüber Zweiflern schon als Kind zu spüren bekam, in Gestalt seines systemtreuen Vaters nämlich.

Gefolgt von dem locker plaudernden Kommunalpolitiker und Ex-Punk Stracke, der eine Groteske aus Schülertagen schildert, in der ihm ein selbst gebasteltes, von Pippi Langstrumpfs Taka-Tuka-Land inspiriertes Totenkopf-Abzeichen als vermeintliches SS-Symbol zum ersten sozialistischen Verhängnis wurde. Dann blinken Neonröhren, die desillusionierende Normalbeleuchtung geht an und es folgt der Sprung auf Ebene Nummer drei. Die gebürtige Taiwanesin Nai Wen Chang steht nun mit dem Blick der Außenstehenden auf der Metaebene der nationalen Gedenkkultur. Sie sagt in sachlich-freundlichem Ton pointierende Sätze wie: "In Deutschland erinnert man sich an alles. Die Deutschen sind sehr sorgfältig beim Erinnern. Ich bewundere ihre Sorgfalt."

Im Zeichen des Gedenkens
Stets schließt sie ihre kleinen Reflexionen mit einem Zitat aus Brechts fernöstlich grundierter Schrift "Me-ti. Buch der Wendungen", in dem es zum Beispiel heißt: "Umwälzungen finden in Sackgassen statt." Und am läppisch-heiteren Ende hat sie eine Schulklasse zu dirigieren, die die deutsch-deutsche Teilung als Märchen im Stil chinesischer Massenchoreografien nachspielt. Das mit gut 80 Minuten ziemlich kompakte, von Co-Autor Kreidt (Regie) ohne Mätzchen umgesetzt Stasi-Knast-Projekt verdient den Respekt des Nachgeborenen.

Es macht aus Geschichte kein falsches Drama, sondern versucht eine multiperspektivische Aufschlüsselung, die unmittelbar auf die DDR-Vergangenheit abhebt. Das ist schön gedacht, auch für die Stadt Bautzen, die sich auf diese Weise mit dem bekanntesten Teil ihrer Geschichte konfrontiert. Prädikat: humanistisch wertvoll! Der Abend bleibt aber ein uneingelöstes Versprechen. Zu sehr ist er Konstruktion und Stückwerk. Zu sehr ist er Kopfgeburt im Zeichen des Gedenkens. Kalkulierte Brüche im Text, so scheint es, sind nicht notwendigerweise die richtige Antwort auf eine brüchige Geschichte.

 

Antigone in Bautzen (UA)
von Christoph Twickel und Martin Kreidt
Ein Gemeinschaftsprojekt des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen und der Gedenkstätte Bautzen
Regie: Martin Kreidt, Bühnenbild: Stefan Rändel, Kostüme: Katharina Lorenz.
Mit: Anna-Maria Brankatschk, Marie-Luise Lukas, Rainer Gruß, Benjamin Kneser, Michael Lorenz, Marcus Staiger, Nai Wen Chang.

www.theater-bautzen.de

Mehr lesen? Im Oktober 2008 erzählten am Potsdamer Hans Otto Theater ehemalige Stasi-Häftlinge in Clemens Bechtels preisgekröntem Dokumentartheaterstück Staats-Sicherheiten ihre Geschichte.

 

Kritikenrundschau

Positiv bewertet Anett Böttger von der Lausitzer Rundschau (11.05) dieses Theaterprojekt, das das berüchtigte Stasi-Gefängnis selbst zur Bühne gemacht hat. "Antigone in Bautzen" beschränke sich jedoch nicht nur auf Dokumentation, sondern setze sich auch mit dem "widerstreitenden Erinnern an die DDR" auseinander. Die Rolle der "unbefangenen Betrachterin von außen" überlassen die Autoren der Kritikerin zufolge einer jungen Chinesin. "Die aus Taiwan stammende Nai Wen Chang spielt Ling, die sich als Besucherreferentin der Gedenkstätte ihre ganz eigenen Gedanken über die DDR und Vergangenheitsbewältigung macht."

Hier spricht Ling alias Nai Wen Chang herself über die DDR im Reflex der Erinnerung.

 

 

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