Alles kommt wieder hoch

von Elena Philipp

Berlin, 13. Mai 2009. Sieben Minuten genügen, um ein Ei hart zu kochen oder ein ordentliches Pils zu zapfen. Um sich als Dramatiker mit seinem Wollen und Wirken zu präsentieren, sind sieben Minuten aber recht wenig. John von Düffel, seit 2004 Leiter des Dramatikerworkshop beim Theatertreffen, widmete daher den ersten Teil des diesjährigen Workshops der Vorbereitung auf die Präsentation. Nun stehen die fünf Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Moderatorin Marion Hirte in alphabetischer Reihenfolge Rede und Antwort, bevor Samuel Finzi, Ronald Kukulies, Judith Rosmair und Katharina Schüttler siebenminütige Ausschnitte aus ihren Dramen lesen.

 

Nina Büttner stellt dem Publikum die Prostituierte Nori Gahl vor, die von Katharina Schüttler mit einem Tiefe andeutenden Hall in der Stimme, aber ohne Sentimentalität überzeugend gesprochen wird. Menschen, die nicht ohne und nicht miteinander können, will Büttner zeigen. Ursula Knoll dagegen tritt mit einer "Hyperkomödie" an, in der eine Wiedergängerin von Magda Goebbels eine BWL-Graduierte auf ihrem "Weg ins Glück" begleitet – in eine aus Statuserwägungen eingegangene Ehe, und Judith Rosmair genießt es hörbar, die Figur der Erna/Magda mit einem satten Bayrisch auszustatten. Nazistische Formulierungen und Riefenstahl-Bilder von Golf spielenden Neokonservativen deuten an, warum Knoll ihren Text als "satirisches Propagandastück" bzeichnet.

Viel Stoff, viel Wollen
Dem attraktionslosen Leben eines Fahrgeschäftbetreibers widmet sich Stephan Lack in "Stanko, der Rummel um seine Person". Ein 18-jähriger träumt von einer Karriere als Astronaut; seine Freundin setzt zu verbalen Höhenflügen an, sobald er sich mit Stankos Bahn in die Schwerelosigkeit katapultiert. Dem Budenbetreiber sind die Träume längst ausgegangen – er googlet einen US-amerikanischen Namensvetter, der in einem Gefängnis auf seine Hinrichtung wartet. Desillusion pur. Samuel Finzi hat das Programmheft ernst genommen, in dem von einer "Erstbegegnung zwischen Schauspielern und Text" die Rede ist, weswegen er gelegentlich falsch blättert und sich verhaspelt.

Dafür lässt er sich lustige Dinge einfallen und ahmt in Charlotte Roos’ "Hühner.Habichte." mit zugehaltener Nase ein Tierstimmenmegaphon nach. In ihrem Stück verflicht Roos das nachbarschaftliche Verhältnis zweier Wohnparteien mit einer Tierparabel um Hühner und Habichte. Wer ist Huhn, wer Habicht? Wer hat Angst und wer hat Hunger? Viel Stoff, viel Wollen für sieben Minuten. Die Zeit genügt bei den vier Stücken nicht ganz, ihre dramatische Relevanz zu offenbaren – sie sind noch unfertig und die Verfasser schließlich im Workshop, um an den Texten zu feilen.

Ein Drama überzeugt jedoch trotz Zeitknappheit: Davide Carnevali erforscht mit "Variationen über das Kraepelin-Modell" wie der Kopf eines Alzheimer-Kranken funktioniert. In Inhalt und Form umkreisen die Variationen den zunehmenden Verlust des Gedächtnisses und die Auswirkungen auf Persönlichkeit und zwischenmenschliche Beziehungen. Zeitebenen schieben sich ineinander, der Krankheitsverlauf ist unkalkulierbar – eine Welt löst sich auf, wenn das Gedächtnis einer Person verlöscht. Atmosphärisch dicht ist der Text, die gedanklichen Voraussetzungen wie textinternen Bezüge wirken stimmig.

Tanzen auf dem Grab
Das fünfte Stück beim Stückemarkt, "Zwei nette kleine Damen auf dem Weg nach Norden" von Pierre Notte, überzeugt hingegen weniger: Eine Komödie um zwei ältliche Schwestern, die sich nach dem Tod der Mutter auf eine Reise in ihre Vergangenheit machen. Der Text beginnt mit einer amüsanten Szene in der Theaterloge. Die Schwestern sehen ein Krankenhausstück des Literaturnobelpreisträgers Harold Pinter. Bernadette findet es ätzend, Annette rührend; wie Waldorf und Statler in der Muppet Show zanken und kichern sich die beiden durch die Aufführung. Doch unbeschwert sind sie nicht: Sie wissen ihre Mutter im Krankenhaus – und während sie "ein Mal nur ausbrechen", stirbt die 82-jährige.

Annette und Bernadette wollen die Asche ihrer Mutter im Grab des Vaters beisetzen. Vor 25 Jahren waren sie zum letzten Mal auf dem Friedhof, und daher klappern sie an einem Sonntag jedes Dorf nahe Amiens ab, um in der Realität das Bild des rechteckigen Friedhofs wieder zu finden. Trotz traurigen Anlasses drehen die beiden kessen Damen noch einmal richtig auf: Sie rauchen, trinken und tanzen schließlich auf dem Elterngrab.

Komik kann Notte. Scheinbar kriminalistisch konstruiert, baut das Stück jedoch keine Spannung auf. A und B werden in der fünften Szene auf dem Polizeirevier verhört. Ihr Vergehen: Sie haben in Amiens einen Bus entwendet und mit ihm mehrere Dutzend Autos zu Schrott gefahren, weil Annette vor 19 Jahre das letzte Mal am Steuer saß. Mehr nicht? fragt sich der Zuschauer, der Fährten witterte. Angedeutet werden in auch familiäre Verwerfungen, ungelebte Träume, die Reue nach dem Muttertod. Doch diese Seite des Textes wird semantisch und strukturell nicht unterfüttert, es bleibt bei Oberflächlichkeiten.

Substanzlose Verwirrung
Verdrängtes will sich den Figuren, scheint’s, lediglich als Erbrochenes entäußern: "Alles kommt wieder hoch (mir kommt’s hoch)", jammert Bernadette, die seit 50 Jahren an Brechreiz leidet, ohne sich je zu übergeben. Aufarbeitung funktioniert so nicht. Und gibt es nun ein Geheimnis in Zusammenhang mit dem Tod des Vaters oder nicht? Das Verwirrspiel mag Prinzip sein, doch es wirkt seltsam substanzlos – als wäre die Handlung ein zur Stützung der Comedy-Elemente erbautes Behelfsgerüst und allein nicht tragfähig.

Katharina Thalbach hat die szenische Lesung eingerichtet und spielt die Bernadette als rüstige Schnodderschnauze; Peggy Lukac hält als damenhaftere ältere Schwester dagegen. Mit textgetreuen Requisiten wird herumgerumpelt – Bierflaschen, Thermoskannen, Weidekörbe, Hüte, Handtaschen, Schaufeln und die Urne beschäftigen die Schauspielerinnen. Eher fad. Schön hingegen das simple Bühnenbild: Eine Treppe, die als Theaterloge, Gebetsbank oder Bartresen dient. Insgesamt aber enttäuschend.

 

Hier und Jetzt – Welche Krise?
Präsentation der Autoren des Dramatikerworkshop
Minidramen von Nina Büttner, Davide Carnevali, Ursula Knoll, Stephan Lack, Charlotte Roos.
Mit: Samuel Finzi, Ronald Kukulies, Judith Rosmair und Katharina Schüttler. Leitung: John von Düffel, Moderation: Marion Hirte.

Stückemarkt V
Deux petites dames vers le Nord – Zwei nette kleine Damen auf dem Weg nach Norden
von Pierre Notte, Deutsch von Dorothea Renckhoff und Fedora Wesseler.
Szenische Einrichtung: Katharina Thalbach, Dramaturgie: Wenka von Mikulicz. Mit: Peggy Lukac, Katharina Thalbach.

www.berlinerfestspiele.de

Mehr über die szenischen Lesungen des Stückemarktes beim Theatertreffen 2009? Wir berichteten natürlich auch über Stückemarkt I und II und über Stückemarkt III und IV.


 

 
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