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Triumph der Kollektive?

Rüdiger Schaper schreibt in der Berliner Zeitung Der Tagesspiegel (19.5.): "Als Nicolas Stemanns Hamburger "Räuber"-Bande die Bühne des Festspielhauses stürmte, gewann jener routiniert-zynische Ton wieder die Lufthoheit, mit dem sich Regisseure und Schauspieler gern über Stücke und Zeiten hinwegsetzen, in diesem Fall Schiller." Ein "gesättigtes, sich nach allen Seiten absicherndes Kraftmeiern" sei "lange Zeit der Grundton des deutschsprachigen Theaterbetriebs gewesen". Dem sei man auch in Martin Kusejs "Weibsteufel"-Arbeit begegnet und dass ausgerechnet die drei Weibsteufel-Darsteler den 3sat-Preis bekommen hätten, verstünde niemand. Aber: dieses Theatertreffen "hat wieder gezeigt, was Theater ist und was Theater kann. Es hat sich des Menschen angenommen, des größten Themas überhaupt." Die weinende Jutta Lampe bei der Alfred-Kerr-Preisverleihung an Kathleen Morgeneyer, Jürgen Goschs Schauspieler in der "Möwe" wie in Roland Schimmelpfennigs "Hier und Jetzt", die ein "unzynisches Verständnis vom Dasein auf der Bühne" verkörperten, stünden dafür. "Irritierend" nennt Schaper den "Triumph der Kollektive" in Kriegenburgs "Prozess", in Schlingensiefs "Kirche der Angst" und natürlich bei Volker Lösch. Der Hartz IV-Chor sei ein "mächtiger Resonanzkörper", der "sozialen Druck" erzeuge. "Löschs Krawall- und Discounter-Theater" nerve, aber es sei unmöglich, sich der Energie des Laienchores zu entziehen.

Ulrich Seidler macht sich in der Berliner Zeitung (19.5.) Gedanken über die Tränen von Jutta Lampe: "Mit diesen Tränen hat Jutta Lampe dem Nachwuchs mal gezeigt, wie man das macht mit der Seelendarstellung. In solchen Tränen schwimmt das ganze Theatertreffen wie ein Trauerkloß in der Affektesuppe. Wir haben es genossen, aber es war auch ein bisschen dicke." Seidler fragt sich, ob die Juroren vielleicht diesmal die zehn "tränentreibendsten Inszenierungen eingeladen" hätten. Danach widmet er sich eingehend den Tränen der Jutta Lampe, die er als den Nukleus der derzeitigen Tränensucht des Theaters – "Weinen ist derzeit Konsens im Theater"-  begreift.  Bei der Verleihung des Alfred Kerr-Preises an Kathleen Morgeneyer, berichtet Seidler, habe Jutta Lampe "unter Anwendung ausgefeiltester Seelenspieltechnik" folgenden Satz formuliert: 'Sie ist so...' (Sie nimmt das Tempo raus und fügt ein bisschen Tremolo in die Stimme) '.außer.' (Sie schöpft Atem, hebt scheinbar hilflos ihren Blick, als wolle sie das Publikum fragen) '.ordentlich.' (Genau an dieser Stelle lässt sie alle Mittel kulminieren - fragender Blick, Atemnot, Tremolo, Ritardando. Und setzt ihre teichgroßen dunkel-funkelnden Seelenfenster unter Wasser. Pause, Pause, Pause.) '.wahrhaftig'. Und nachdem sie sich wort- und gestenreich für ihre Gefühle entschuldigt habe, habe sie ihr Ideal von Schauspielkunst formuliert: 'Kathleen Morgeneyer spielt nicht, sie lebt auf der Bühne.' "

"Nein", schreibt Katrin Bettina Müller in der tageszeitung, "nein", die Wende ins Politische am Ende des Theatertreffens habe nicht funktioniert. "Der Einbruch der Wirklichkeit ins Theater, den Lösch so sehr herbeisehnt", bleibe ein Unternehmen, das "keinen diskursiven Anschluss findet an die Reflexionen der Geschichte, die Peter Weiss dem Marquis de Sade, Marat und der Charlotte Corday in den Mund gelegt hat". Der Chor der Laien sei "viel besser zu verstehen als der Streit zwischen Marat und de Sade". Der Chor habe "eine bedrängende, moralische Energie", doch seine Texte träten "kaum in einen Dialog mit den Stücktexten" und an den "Schnittstellen zwischen den historischen Horizonten der Französischen Revolution und der Gegenwart" knirsche es nur "gewaltig". "Reden im Chor" sei "unheimlich en vogue", nicht nur bei Lösch. Doch während der nach einem Wir suche, das "tatsächlich kollektiv für viele sprechen kann", sei der Chor etwa für Nicolas Stemann eher "Mittel, dramatische Strukturen aufzubrechen, neue Wege des Verstehens literarischer Figuren zu finden".

In der Frankfurter Rundschau (19.5.) freut sich Jürgen Otten, dass beim Theatertreffen wieder "Geschichten" erzählt worden seien. Joachim Meyerhoffs "narrativ hinreißender Abend" "Alle Toten fliegen hoch" etwa könnte "Proustsches Format" erlangen, vielleicht sogar "ein neues Format auf dem Theater initiieren". Denn nichts Geringeres unternähme Meyerhoff, "als den Versuch, die verlorene Zeit wiederzufinden". Meyerhoff versuche erst gar nicht, "seine Authentizität zu verbergen". Er sei "maßlos involviert" in dieses Ich, aber seine  Geschichten berührten und trügen den "romantischen Dualismus" von Lachen und Weinen "in unsere unromantische Welt" hinein. Während Meyerhoff "nur Geschichten aus dem Leben erzählt, die aus sich selbst heraus wirken", erzähle Christoph Schlingensief "Geschichten aus dem Leben, um dieses Leben zu beurteilen".  Dass sei ein feiner, indes "essentieller Unterschied". In Roland Schimmelpfennigs "Hier und Jetzt" gelinge es der wundervollen Christine Schorn, "die Formelhaftigkeit des Textes einfach wegzuspielen"; sie spreche das Wesentliche aus, wenn sie nach dem "Sinn von Geschichten" frage. In Schimmelpfennigs Stück sei dieser Sinn "suspendiert zugunsten der leeren Rituals". Diese "Trostlosigkeit des Lebens" könne derzeit niemand "eindringlicher" in Szene setzen als Jürgen Gosch. "Sein Theater ist eines der Vergeblichkeit". Es verlange nach der weltumspannenden, kindlichen Liebe. Alle Menschen in "Hier und Jetzt" treibe die Sehnsucht an, dass das eigene Ich mit einem anderem Ich verschmilzt. Gosch zeige das mit zwei Eigenschaften, "die das Theater immer dann, wenn es politisch wird (zu sehen bei Volker Löschs "Marat" aus Hamburg), gerne aufgibt: Wahrhaftigkeit und Selbstironie." 

In der Welt (19.5.) schreibt Matthias Heine: "Zwei Wochen lang wurde auf dem Berliner Theatertreffen der Kult ums "Echte" betrieben. "Alles war so furchtbar authentisch, (…) mit echtem Krebs, einem echten Mörder und echten Armen". Es habe mit den Inszenierungen zweier Männer – Schlingensief und Gosch - begonnen, "deren allgemein bekannte lebensbedrohliche Erkrankungen ihrer Kunst in den Augen des Publikums eine Beglaubigung ausstellten, die Theater durch noch so große mimetische Raffinesse nie erlangen könnte." Schlingensief müsse man dankbar sein, "dass er so allgegenwärtig mit seiner Krankheit hausiert". Durch diese "Inflation" würde die "Aura der Heiligkeit", die jeden Sterbenskranken umgibt, ein wenig "verdünnt", und "seine Produktionen werden wieder kritisierbar". "Man darf … daran erinnern, dass er schon früher … mit dem echten Tod flirtete: Da zeigte Schlingensief Filme, in denen echte Katzen geschlachtet, echtes Erbrochenes gegessen und echte Menschen von Krokodilen verschlungen wurden. Damals (…) wendeten sich alle angeekelt ab. Um zum Liebling der Kulturschickeria zu werden, musste er sein eigenes Leben drangeben." Das Interessante an Volker Löschs Marat-Inszenierung sei ihr "paradoxer Umgang mit dem Authentischen". 24 echte Arme stünden "schreiend auf der Bühne. Sie werfen echte Wut und echte Anekdoten alltäglicher Armutsbedrängnis in die Wagschale." Aber die "soziale Unruhe", die sie darstellen, sei eben nicht echt, "sondern höchst kunstvoll inszeniert" – mit "finanzieller Unterstützung des Sponsors Fielmann, dessen Name auch auf der Millionärsliste steht."