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Der Wolf frisst das schwächste Kind

von Petra Hallmayer

München, 20. Mai 2009. Schon Schopenhauer wusste, "dass der Mensch an Grausamkeit und Unerbittlichkeit keinem Tiger und keiner Hyäne nachsteht". Das führt uns Esteve Solers Stück "Gegen den Fortschritt", das im Marstall Premiere feierte, noch einmal eindringlich vor. Allein den Schopenhauer‘schen Glauben an die Zähmungkraft der "Civilisation" hat der Katalane Soler gründlich verloren, der in "sieben burlesken Szenen" die emotionalen Brutalisierungen und moralischen Krankheiten der Moderne ausstellt.

Gelangweilt liegt zu Beginn ein Ehepaar (Marcus Calvin, Katharina Hauter) vor dem TV-Apparat. Sie krault seinen Nacken, er mault über das Programm, bis plötzlich bei einer Afrika-Reportage dem Kasten ein kleines schwarzes Mädchen entsteigt, das sich partout nicht mehr wegzappen lässt. Zu Straßenbahngeklingel stürzt kurz darauf ein Schwerverletzter (Jörg Malchow) zu Boden, aus dessen Bauch Blut quillt. Eine Passantin (Ulrike Arnold) weigert sich lächelnd Hilfe zu holen und sieht ungerührt zu, wie er stirbt. Ein Dramatiker, der als Bußprediger auftritt, löst unwillkürlich Unbehagen auf.

Surrealismus gesättigt

Dass Solers Stück nicht im zähen Morast der Moral versinkt, liegt an den überraschenden Wendungen ins Phantastische und den ironischen Verfremdungen der albtraumhaften Momente. Bei aller Ernsthaftigkeit mangelt es seinen gallenbitteren Miniaturen nicht an Komik. Die erwächst vor allem aus dem Widerspruch zwischen dem Einbruch des Surrealen ins Leben und den Reaktionen der Figuren darauf, die sich an pseudovernünftige Argumente, die vertrauten Haltegriffe der Normalität klammern: Das Ehepaar, aus dessen Bildschirm ein Dritte-Welt-Kind schlüpft, wechselt erst einmal die Batterien der Fernbedienung, ehe es den Fernsehtechniker anruft und schließlich zum Müllsack greift.

Jan Philipp Gloger, der mit "Contra el progrés" seine zweite Regiearbeit im Bayerischen Staatsschauspiel präsentiert, gelingt es mit dem in wechselnden Rollen agierenden Schauspielerquartett das Alltägliche und das Skurrile, Witz und Monstrosität geschickt ineinander übergleiten zu lassen. Manchmal allerdings hätte es gut getan, das Tempo anzuziehen, das Gruselkarussell rasanter an uns vorbeizujagen. Auch auch dann wäre jedoch der sich im Text immer wieder emporreckende Zeigefinger unübersehbar geblieben.

Eine Religion, mächtiger als Coca-Cola
So reihen sich bald mehr, bald weniger überzeugende Szenen aneinander. Ein riesengroßer in eine Wohnung niederschwebender Apfel führt zu lustig gagaesken Ping-Pong-Dialogen zwischen einem Mann und einer Frau in Unterwäsche. Den putzigen Gag, dass ihre Kinder Kain und Abel heißen, hat Gloger gestrichen, was der Passage jedoch nichts von ihrer Harmlosigkeit nimmt. Dafür gewinnt die Inszenierung satirische Schärfe im Gespräch zwischen einem Abteilungsleiter, der basierend auf der kapitalistischen Ideologie eine neue Menschenopfer gestattende Religion gründet, und seinem Kollegen, der kurzerhand zum Konkurrenten auf dem religiösen Markt wird.

Während eine Lehrerin eine zusehends unheimlicher werdende "Rotkäppchen"-Version vorliest, verschwinden die Kinder sukzessive unter dem Bühnenboden. Anhand eines Paares, das zur Trennung gezwungen ist, weil sein Ehevertrag endet, wird die gegenwärtige Rationalisierung von Beziehungen ins Groteske getrieben. Entgegen der juristischen Abmachung schwören die Zwei sich ewige Liebe.

Trügerische Überlegenheit des Menschen
Was zunächst wie die uralte Opposition von romantischer Passion und sozialen Zwängen erscheint, mündet in eine hundsgemeine Zuspitzung. Tatsächlich haben beide heimlich vorgesorgt: Er hat einen Vertrag für ein gemeinsames Kind - der natürliche Feind aller Kurzzeitarrangements - abgeschlossen, um sie an sich zu binden, sie hat bereits seinen Nachfolger bestimmt. Die rebellische Kraft der Leidenschaft, an die er berauscht gestikulierend appelliert, ist nur mehr Zitat, die Tür in ein Gegenreich der reinen Gefühle längst verschlossen.

In der letzten Szene, wenn sich die Schauspieler Robbenköpfe überstülpen, rächen sich die Tiere an ihren Mördern. Auf der mit Kinderleichen bedeckten Bühne erläutert ein plauderndes Robbengrüppchen, warum es notwendig ist, die Bestie Mensch zu töten, die die "biologische Vielfalt der Erde" zerstört und ohne die "die Welt viel friedfertiger" wäre. Bei solch einer Überdosis an pädagogischem Pathos hilft es wenig, dass die Akteure die Absurdität der Konversation prächtig ausspielen. Da grünt es einfach gar zu grün und schwillt der Zeigefinger knüppeldick an.


Gegen den Fortschritt (DEA)
von Esteve Soler 
Regie: Jan Philipp Gloger, Bühne: Bettina Kraus, Kostüme: Karin Jud, Musik: Moritz Gagern.
Mit: Ulrike Arnold, Katharina Hauter, Marcus Calvin, Jörg Malchow.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de

Mehr über Esteve Soler und seinen Regisseur Jan Philipp Gloger? Beim Stückemarkt des Theatertreffens 2008 wurde in einer szenischen Lesung Solers Stück Gegen den Fortschritt präsentiert wurde. Im Dezember 2008 inszenierte Jan Philipp Gloger Die Unbeständigkeit der Liebe von Marivaux in München.

 

Kritikenrundschau

Der Autor des Stückes "Gegen den Fortschritt", das am Bayerischen Staatsschauspiel zur deutschen Erstaufführung kam, – der Katalane Esteve Soler – sei Journalist, "und das merkt man", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (22.5.). "Die geglückten der sieben Szenen (…) sind Miniaturglossen in Dialogform. Mal erinnern sie an Werbespots für Unicef – ein schwarzes Kind kommt aus dem Fernseher hervor und lässt sich nicht wegzappen wie das Elend in Afrika –, mal an solche für den Tierschutz: Robben sinnieren darüber, dass sie jedes Jahr 500 000 Kinder erschlagen müssen. Das Ganze ist, von einigen Spitzen abgesehen, naiv, putzig, ehrenwert und mit sanften Surrealismen Richtung Kunstanspruch geschoben." In seiner Inszenierung vertraue Jan Philipp Gloger "dem Text allein, was Tempo, Farce und Schräges zu sehr vermissen lässt".