Die Liebe in den Zeiten der BRD

von Kerstin Edinger

Recklinghausen, 22. Mai 2009. Es wird viel geraucht auf der Bühne, als wäre irgendwo hinter den Nebelschwaden vielleicht doch die alleinige Wahrheit zu finden. Der Industrielle Alexander von Brücken lässt kurz vor seinem Tod einen etwas abgehalfterten Schriftsteller zu sich kommen, um ihm die Geschichte von Sofie zu erzählen. Es ist die Geschichte ihres Lebens und die Geschichte seiner unerfüllten Liebe zu ihr.

"Es wird Zeit, etwas festzuhalten. Nicht unbedingt mein Leben, aber die Geschichte einer Liebe. Meiner Liebe. Sie ist bisher unerzählt, muss aber erzählt werden, sonst geht sie verloren und ist nie geschehen." Es ist nicht die objektive Wahrheit, die er diktieren wird, es ist seine Wahrheit. Doch in der Recklinghauser Bearbeitung gibt es gleich mehrere Wahrheiten, die Geschichte wird hier nicht nur von Alexander erzählt, sondern von allen beteiligten Figuren.

Überlappende Handlungsstränge

Auf der Bühne, die einzig mit einer dreiteiligen ockerfarbenen Sitzgarnitur aus Leder möbiliert ist, mühen sich die sechs Schauspieler redlich ab. Doch Christine Eders Inszenierung macht es weder ihnen noch dem Zuschauer leicht. Die mit Dramaturgin Katja Friedrich für die Ruhrfestspiele Recklinghausen und das Münchner Volkstheater erarbeitete Bühnenversion von Helmut Kraussers Roman "Eros" gleicht einer Nummernrevue und wird in ihrer gestrafften Fassung und der rasanten Spielweise den tragischen Inhalten und geschichtlichen Verweisen der Vorlage nicht gerecht. Zu oberflächlich, zu hektisch wird hier agiert: wenn zwei Handlungsstränge überlappen, wenn einerseits die krankhaft obsessive Liebe Alexanders zu Sofie erzählt wird, andererseits 50 Jahre deutsche Zeitgeschichte am Publikum vorbeiziehen.

Bühnenbild und Kostüme im schlichten 60er Jahre-Stil bleiben den ganzen Abend unverändert, doch die Schauspieler wechseln im Minutentakt Rollen und Erzählperspektiven und jagen in einem irren Tempo durch die Jahrzehnte, die Geschehnisse unsentimental hinter sich lassend. Von der aufkeimenden Liebe im Luftschutzkeller hin zur 68er-Revolte und Sofies Wandlung zur Terroristin. Christine Eder streicht heraus, dass alles eben nur Erzählung ist.

Ich war im Unendlichen

Sie liefert uns mit ihrer Bearbeitung keine Dialogfassung des Romans, in der wir uns als Zuschauer verlieren könnten. Die Tiefe der Figuren, ihre Gefühle und Emotionen bleiben durchaus gewollt auf der Strecke. Die tragischen Momente der Romanvorlage, wie der Selbstmord der nazigläubigen Eltern von Alexander, der Unfalltod von Sofies Freund Henry oder die Ermordung zweier Polizisten, werden persifliert und ins Lächerliche gezogen.

Slapstickartig fallen die Schauspieler von Kugeln getroffen um, nur um zwei Sekunden später wieder aufzustehen und die nächste Szene zu spielen. Oft werden die Geschehnisse wie Mord, Unfalltod oder Depression aber allzu ernst vorbereitet, als dass man sie anschließend einfach ins Komische ziehen könnte. Christine Eder findet keine einheitliche Regiesprache. Die Schicksalsschläge ihrer Figuren werden nicht ernst genommen, was beim Zuschauer nicht nur Distanz, sondern schließlich auch Desinteresse zur Folge hat.

Christine Eder übergeht jedes Gefühl, fügt immer wieder distanzierende Erzählpassagen ein. Doch den Spielfluss hemmt dies. Gerade wenn die Schauspieler in Fahrt kommen (allen voran Jean-Luc Bubert, der sich als Henry in wilden übertriebenen Sexstellungen probiert oder als Martin den lockeren Taxifahrer mimt), wenn sie in ihre Rollen finden, dann werden sie abrupt gestoppt und das weitere Geschehen wird von einem der Darsteller oder von ihnen selbst kommentiert.

Im Schleudergang einer Waschmaschine

Nur einmal verharrt die Inszenierung – wenn Alexander und Sofie sich endlich näherkommen. Auf einer Party küssen sie sich beim Tanz. Das Lied dauert nur drei Minuten, doch für Alexander ist es als würde die Zeit stillstehen: "Ich war im Unendlichen." Dann ein Schrei. "Die haben Benno getötet!", der von allen mit mehrmaligem "Scheisse" kommentiert wird.

Und weiter geht der kunterbunte Erzählreigen, mitten hinein in die 68er-Zeit. Auch wenn Christine Eder mit dieser Erzählweise auf die Flüchtigkeit des Augenblicks und die Nähe von Privatem und Geschichtlichem hinweisen will, fühlt sich der Zuschauer wie im Schleudergang einer Waschmaschine, bei der man nicht den Aus-Knopf findet.

Rasant und verwirrend erzählt sie die Geschichte von Alexander und Sofie. Am Ende wird man als Zuschauer herausgeschleudert, reibt sich verwundert die Augen, die Darsteller zappeln nach dem Schlussapplaus noch einmal wild herum, entkleiden sich teilweise, rufen ihre privaten Namen, wie um zu sagen. "Seht her es war nur ein Spiel, wir sind nur Schauspieler!" während man selbst immer noch auf der Suche nach der Geschichte ist, die hier erzählt werden sollte.

Eros
nach dem Roman von Helmut Krausser
Bearbeitung von Christine Eder und Katja Friedrich
Regie: Christine Eder, Bühne: Monika Rovan, Kostüme: Annelies Vanlaere. Mit: Wolfram Kunkel, Friedrich Mücke, Stefan Murr, Jean-Luc Bubert, Xenia Tiling, Mareile Blendl.

www.ruhrfestspiele.de

 

Mehr lesen? Alice Buddeberg bei den diesjährigen Ruhfestspielen ihre Inszenierung von Henrik Ibsens Hedda Gabler, die am 3. Mai 2009 mit Anton Tschechows, von Hollywood-Regisseur Sam Mendes ins Szene gesetztem Klassiker Der Kirschgarten eröffnet worden waren.

 

Kritikenrundschau

In der Neuen Westfälischen (25.5.2009) bezeichnet Manfred Strecker Helmut Kraussers "Eros" als einen Roman, "der die Nachkriegsgeschichte Deutschlands beispielhaft schildern soll." In der Fassung der von Strecker nicht namentlich genannten Regisseurin Christine Eder indes, die bei den Ruhrfestspielen zur Uraufführung kam, trete "krass die Kolportage hervor". Zwangsläufig durcheile das Publikum "die teils nur aufgesagte Historie des Landes im Galopp." Sobald das Ensemble "mit seinen fließenden Rollenwechseln auf offener Bühne richtig in Fahrt gekommen" sei, gebe es aber auch "bühnenträchtige sowohl wie farbig groteske Momente. Vor allem Szenen aus der Zeit des Schah-Besuchs und der Studentenproteste vergegenwärtigen in ironisch kräftigen Strichen die Lebenshaltung der politisierten Generation. Spaß bringt diese Bühnenadaption also schon, nach theatralischem Gehalt beurteilt überzeugt sie über weite Strecken nicht."

Ein "Leseerlebnis" sei Helmut Kraussers "Eros", meint Stefan Keim auf Deutschlandradio Kultur (22.5.2009), "ein Roman über die deutsche Seele und ihre Deformierungen, hart am Rande zur Kolportage, aber auch vielschichtig, gewaltig, emotional." Christine Eder habe "den Text auf ein knappes Handlungsgerüst zusammengestrichen. Atmosphäre und Gefühle sind weg, nur das Gerippe der Geschichte ist geblieben." Das Ensemble des Münchner Volkstheaters jage "im Höllentempo" durch den Text, lasse kaum Bilder entstehen, "albert aufgekratzt herum, tobt über die Sitzgarnitur. Für eine groteske Geschichtsrevue fehlt der Biss, Emotionen sind uncool, eine Auseinandersetzung mit deutscher Identität findet nicht statt." Doch wenn eine eigene Idee fehle, sei so eine Bearbeitung "mehr als überflüssig. Das Volkstheater sollte die Einsicht haben, diese völlig verunglückte Produktion einfach in die Tonne zu kloppen".

Das ist schon erstaunlich: Da sitzt man im Hotel vorm Fernseher, schaut sich eine der vielen 60-Jahre-Grundgesetz-Dokumentationen an, gehe danach ins Theater und sieht das alles noch einmal. Ganz anders natürlich, aber im Wissen darum, dass das Theater "ohne das kollektive Bildreservoir der Geschichte, gar nicht möglich wäre", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (26.5.2009). In der Suche nach einer Jugendliebe spiegele Krausser die "Geschichte der BRD von 1944 bis in die Gegenwart, und - weil er schon gerade dabei ist - die der DDR gleich mit". "Eros" sei Evokation von Geschichte und Kolportage, "solipsistisch und zugleich von so überschießender Phantasie wie ein Jugendbuch". Dass der Roman nun für die Theaterbühne adaptiert wurde, sei das Beste, was ihm passieren konnte, so Tholl. Christine Eder habe einige Handlungsstränge gekappt, vor allem die spekulative DDR-Episode. Vom cognacfarbene Ledersofas könnten die "Schauspieler leicht in andere Rollen schlüpfen können". "Aus der Kolportage gewinnt sie Rasanz und Komik". Die vielen Lücken in der Plausibilität und Motivation, die Krausser im Roman stehen lässt, überspringe Eder mit Verve und Tempo.

 

 
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