Da, wo die echten Kastanienbäume blüh'n

von Willibald Spatz

München, 23. Mai 2009. Wenn Thomas Jonigk ein Stück schreibt, dann recherchiert er ordentlich. Und dabei kann es passieren, dass ihm Material übrigbleibt. Das stopft er dann seinen Figuren in den Mund, ob sie es brauchen können oder nicht. So erfahren wir unter anderem in "Diesseits", dass eine "Moslemin" durchschnittlich vier komma fünf Kinder zur Welt bringt, dass die Scheidungsrate in Österreich bei 46 % liegt und dass die Wahrscheinlichkeit, einen Menschen durch einen Herzschuss zu töten, lediglich 39 % beträgt.

Eigentlich geht es jedoch um Paula, eine Frau um die vierzig, die weiß, dass sie einen Gehirntumor hat, und morgen vom Arzt erfahren wird, ob er bösartig ist oder nicht. Dieser letzte Tag der Ungewissheit ist emotional äußerst aufgeladen und turbulent: Wir erleben, wie sie versucht einen Mediziner zu überfallen, um an Betäubungsmittel zwecks Suizid zu gelangen.

Mehr Leben als auf dem Papier

Sie schmeißt ihren Job hin, treibt sich auf dem Friedhof und im Beerdigungsinstitut rum, lässt sich von ihrer Schwester schwach anreden, hat schnellen Sex, findet schließlich sogar die Liebe und redet vor allem unheimlich viel und kippt dabei ihr ganzes Herz aus. Und weil diese Menge an Worten keiner ihrer Bühnengegenüber ertrüge, wendet sie sich immer wieder ans Publikum, damit jenes etwas anfange mir dieser ausweglosen Lage.

Thomas Jonigk hat seine Paula für Juliane Köhler entworfen. Doch die konnte sie im Herbst 2007 bei Stephan Rottkamps Uraufführung in Düsseldorf nicht spielen. Hier in München, unter der Regie von Tina Lanik, steckt sie jetzt tief in der Rolle. Sie zerwühlt ihr Gesicht mit der Hand, wenn andere vom Tumor reden, sie ist aber auch immer wieder mädchenmäßig begeistert, wenn die Situation Hoffnung verspricht. Da kommt sie mit selbstgemalten Schildern daher, auf denen schlicht "Warum?" steht. Manchmal ist sie auch kleinkindisch enttäuscht, wenn die Menschen an ihr vorbeiziehen ohne Verständnis und Mitgefühl – kurz: sie gibt der Paula mehr Leben als sie auf dem Papier besitzt.

Dort ist sie eine Leerstelle, ein Gedankenkonstrukt. Eines der drängendsten Probleme, die sie mit sich herum trägt, ist, dass sie noch nie einen echten Orgasmus hatte. Aber Thomas Jonigk geht es auch nicht darum, die Realität möglichst gültig nachzuzeichnen. Er will Fragen an diese Realität stellen: Was wäre, wenn man selbst so einen Tag erleben müsste? Gibt es grenzenlose Liebe zwischen Menschen, denen biologische Schranken gesetzt sind? Ist reiner Sex auch schon was wert?

Ins Diesseits zurück

Tina Lanik setzt in ihrer Inszenierung auf Komik und Poesie und kratzt alles, was in dieser Hinsicht verwertbar ist, aus der Textvorlage heraus. Heiter wird es, wenn Robert Joseph Bartl in diversen Nebenrollen erscheint. Er ist mal verklemmter Ladenbesitzer, der Paula feuert, dann ein Internet-Date mit derbem bayerischen Dialekt; und wenn Gelfrisuren und Mundart nicht mehr wirken, schlüpft er ins Hasenkostüm und ist darin Paulas Schwager, der anbietet, ihr Sterben und ihren Tod organisatorisch zu regeln.

Die Poesie bringt Paulas Vater ins Spiel, der vor dreißig Jahren, ebenfalls an einem Hirntumor, gestorben ist. Plötzlich ist er wieder da und redet mit Paula, dirigiert sie im Diesseits auf den rechten Weg und holt so nach, worin er als Vater versagt hat zu Lebzeiten. Es kann sein, dass Paula sich das alles einbildet, im Spiel ist er Realität und hat die Gestalt von Janko Kahle.

Der tritt von ganz draußen, von da, wo echte Kastanienbäume blühen, auf die ansonsten mit Heizungsrohren und Gittergerüsten recht karg ausgestattete Bühne. Ein schönes Bild. Nun bleibt er bei Paula und bringt ihr bei, was wahre Liebe wert ist und dass es egal ist, ob man sie einen Tag oder Jahrzehnte hindurch erfährt, Hauptsache, sie hat einen mal berührt.

Vielseitigkeitsterror, Überangebotstotschlag

Um tatsächlich etwas zu bewegen ist "Diesseits" allerdings ein gutes Stück zu naiv. Paula kann sich nichts vorwerfen, sie hat immer weitergemacht wie gewohnt und auf einmal stellt sie fest, dass alle anderen Menschen sie überholt und irgendwie – sexuell oder karrieretechnisch – etwas aus sich gemacht haben. Sie fragt gar nicht mehr, ob die anderen dadurch glücklich geworden sind, sie verzweifelt allein für sich: "Ich ersticke an diesen zehntausend Wahlmöglichkeiten, an diesem Vielseitigkeitsterror und Überangebotstotschlag. Ich weiß gar nicht, welche Fehlentscheidung ich zuerst treffen soll. Jedes Engagement wird sofort von der allgemeinen Schieflage der Welt erschlagen. Wie kann ich Angesichts von Kriegen, Bürgerkriegen, Welthunger, Ausbeutung und so weiter noch einen sinnvollen Finger rühren?"

Gute Frage, allerdings nicht grandios originell, dafür aber immerhin unterhaltsam für eindreiviertel Stunden.

 

Diesseits
von Thomas Jonigk
Regie: Tina Lanik, Bühne: Magdalena Gut, Kostüme: Su Sigmund, Musik: Rainer Jörissen. Mit: Beatrix Doderer, Juliane Köhler, Robert Joseph Bartl, Janko Kahle, Felix Rech.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de


Mehr lesen? Im Januar 2009 inszenierte Hanna Rudolph am Berliner Deutschen Theater die Uraufführung von Thomas Jonigks Donna Davison.

 

Kritikenrundschau

Mit der Krebspatientin und Hartz IV-Empfängerin Paula sei Thomas Jonigk eine "hinreißende Theaterfigur in den zarten Amok-Fußstapfen von Botho Strauß' Lotte aus "Groß und klein"' gelungen und mit "Diesseits" das Kunststück, "die schwersten und letzten Fragen in ein leichtes Spiel zu verwandeln, eine intelligente Boulevardkomödie", schreibt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (25.5.). Noch mehr aber gelte es Juliane Köhler zu preisen, "die nun in München das Nervenbündel Paula mit so heller Spiellust aufschnürt, dass man ihr huldvoll den Mantel über alle Fettnäpfchen breiten möchte, in die sie zielsicher tappt." "Schroff und verletzlich, linkisch und bezaubernd" sei Juliane Köhlers Paula, und nirgendwo leuchte München "so magisch wie in ihrem Gesicht". Tina Laniks Regie hebe "nicht nur die traumartigen Szenen, sondern das ganze Stück sanft ins Surreale", sie inszeniere "ein Clownsspiel mit grell überzeichneten Episodenfiguren" und setze "auf Tempo und Witz, im Wissen darum, dass die Abgründe von 'Diesseits' ein bisschen oberflächlich bleiben."

Wie ein Unglücksrabe sich emanzipiere, beschreibe Thomas Jonigks Stück "Diesseits" von "mit viel trockenem Witz und Ironie", meint Gabriella Lorenz in der Münchner Abendzeitung (25.5.), und Juliane Köhler brilliere auch "als armes verschusseltes Hascherl, das verwundert seine Stärken entdeckt." Nur Regisseurin Tina Lanik verweigere "jeden Hauch von Poesie oder Surrealismus" und serviere dafür "platte Regieeinfälle".

Thomas Jonigks "Diesseits" stelle "nichts weniger als die Frage nach dem Sinn des Lebens hienieden und versucht bei allem angemessenen Ernst den Humor nicht zu verlieren", sagt Christoph Leibold auf Deutschlandradio Kultur (24.5.). Leider wirke "die Komik des Stücks eher forciert und der Tiefsinn bemüht. Und beides findet nicht zusammen. So wie auch Paula als Figur unstimmig bleibt: einerseits naiv, sich voll der Verzweiflung hingebend; andererseits reflektiert, als wären Überlegungen des Autors zu Sinn- oder Unsinnhaftigkeit des Lebens in manchen Passagen ungefiltert in die Figurenrede Paulas eingeflossen." Tina Laniks Regie stelle "die Schwächen des Stücks eher aus, als sie auszubügeln." Und Juliane Köhler schließlich spiele die Paula "mit burschikoser Aufgekratztheit und ist dann am stärksten, wenn sie ihrer Figur kleinlaute, verzagte Momente gönnt." Wann immer aber sie sich in Zorn und Zynismus ergehe, "verrutschen ihr die großen Gesten und ihr Spiel wirkt aufgesetzt."

 

 
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