Im Komödien-Gulag

von Esther Slevogt

Berlin, 27. Mai 2009. Dass die Orte der Komik meist veritable Stätten des Grauens sind, beweist bereits ein Blick ins Horrorkabinett deutscher Fernseh-Comedy-Formate, wo einem angesichts so verbissen ihrem Geschäft nachgehender Zeitgenossen wie Mario Barth, Oliver Pocher oder Atze Schröder der Spaß am Humor für immer vergehen kann. Auch die Szenerie, mit der man nun in der Agora, also der Freilichtersatzspielstätte der Berliner Volksbühne konfrontiert wird, lässt nichts Gutes befürchten: ein Galgen im Hintergrund, abgehackte Füße im Sand, ein leicht verfetteter und vulgärer Impresario (Andreas Frakowiak) im Zirkusdirektorenkostüm, der einen Komödienwettbewerb ankündigt.

Links fläzt sich eine fette Pappkameradenformation in einer Sitzreihe: das ist die Jury, wie wir gleich aufgeklärt werden. Allerdings scheint sie schon vor Beginn der Veranstaltung ins Koma gefallen zu sein. Und auch die drei wettstreitenden Komödienschreiber, die alsbald in die Arena einlaufen, sehen alles andere als komisch aus. Speziell ein verquältes Bürschchen namens Aristophanes (Martin Olbertz), bei dem es sich immerhin um den berühmtesten Komödiendichter der Antike handelt und dessen knapp zweieinhalb Jahrtausende alte Komödie über die Unzulänglichkeit menschlicher (und auch sonstiger) Glücksvorstellungen "Die Vögel" heute hier auf dem Programm steht.

Bob und Bill beim Vögeln … äh … bei den Vögeln

Beziehungsweise "Vögel ohne Grenzen", wie der französische Theatermacher Jérôme Savary seine Variation auf das Lustspiel nannte, in dem er uns vor allem tief in die Abgründe der Komik blicken lässt – und lebhaft Anteil daran nehmen, was für eine Knochenarbeit ihre Erzeugung mitunter ist. Auf welchem Niveau auch immer.

Aber fangen wir von vorne an, mit dem, was man gemeinhin unter Plot versteht: zwei Athener haben sich auf den Weg gemacht, einen Ort zu suchen, wo sie ein besseres Leben finden. Sie tragen die komplizierten Namen Pisthetairos und Euelpides, in deutschen Übersetzungen werden sie manchmal Ratefreund und Hoffegut genannt, was auch keine wirkliche Verbesserung ist, weshalb man Savary sehr dankbar ist, dass er ihre Namen kurzerhand als Bob und Bill quasi heutigen globalisierten Gepflogenheiten angepasst hat.

Bob (Axel Wandtke) und Bill (Christoph Letkowski) kommen also ins Reich der Vögel, wo ihnen der tänzelnde und eitel hüpfende König Wiedehopf (Matthias Rheinheimer) begegnet, der die beiden Menschenkinder, die sich in ihrem Vorleben unter anderem mit so hässlichen Dingen wie dem Grillen von Hühnern (die ja zur Spezies der Vögel zählen) befasst haben, alles andere als willkommen heißt. Aber da hat der listige Bob eine Idee: er stiftet die Vögel an, ihre ursprüngliche Macht, die sie als fliegende Wesen ohne Grenzen über Götter und Menschen einst hatten, zurückzuerobern und zwischen Himmel und Erde ein Zwischenreich zu errichten – auf dass der Duft der Opfer nicht mehr zu den Göttern dringe.

Penisplätzchen und schräge Späße

Wolkenkuckucksheim, jawohl, so heißt dieser paradiesische Ort bei Aristophanes, dessen Errichtung natürlich zunächst mal gewisse Maßnahmen erforderlich macht: die Errichtung von Grenzen, die Ernennung eines Königs nämlich, zu dem das von der giftigen Pfauin Triballos (Anne Lebinsky) immer wieder aufgehetzte Vogelvolk den frisch zum Vogel gewordenen Bob ausersieht, der sich seiner Aufgabe sogleich mit diktatorischer Inbrunst bemächtigt. So weit so gut. Schließlich wissen wir Kinder des 20. Jahrhunderts genau, was geschieht, wenn Leute zu fanatisch an die Verwirklichung ihrer Weltverbesserungskonzepte gehen, zu diesem Zweck Mauern, KZs oder Gulags errichten. Insofern trägt Savary hier Eulen nach Athen. Zumindest theoretisch.

Praktisch geraten wir schnell in eine Comedy-Maschine hinein, in einen brachialen Komödien-Gulag, in dem man manchmal nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Das fängt schon damit an, dass am Anfang von Damen in Togen Plätzchen in Penis-Form verteilt werden (obwohl, man schlägt das extra noch mal nach, das Subjekt im Titel ohne "n" am Ende geschrieben wird). Und auch im weiteren Verlauf wird kein schräger Spaß ausgelassen. Die griechischen Götter und verwandtes Personal sehen aus, wie einem Asterix-Heft entsprungen und benehmen sich auch so.

Furchtbar peinlich, witzig, wahr

Besonders möchte man in diesem Kontext auf Prometheus hinweisen, der bei Savary in der Bodybuilder-Figur von Jorres Risse mit Goldhöschen und draufmodelliertem Musterpenis erscheint und den Vögeln Tipps zur gütlichen Einigung mit den Göttern gibt. Ein Prometheus, der so schöne Sätze sagt, wie "Zeus hatte einen Nervenzusammenbruch", weil er die schönen Düfte von geopferten Hühnern und Hamburgern nun nicht mehr riechen kann. Ein Satz, bei dem wahrscheinlich auch Dimiter Gotscheff einen Nervenzusammenbruch bekommen hätte, der sich am gleichen Ort in der Woche zuvor mit Heiner Müllers hochtrabend gemeißelter Aischylosversion des "Prometheus" befasste. Und der bei der Entfaltung des heiligen Ernstes seiner Kunstanstrengung die gleiche Verbissenheit an den Tag gelegt hat, wie nun Savary bei der Arbeit am Komikkomplex.

Wobei Savary sich selber während der Premiere von Reihe eins aus stark in seine Inszenierung einmischt, dirigiert, mehr Tempo fordert und wirkt, als sei er von sich selbst ins Stück geschrieben. Quasi als Pendant zu seinem depressiven Aristophanes, der sich permanent vom Bühnengeschehen distanziert und sich am Ende zu erhängen versucht. Das alles ist furchtbar peinlich, witzig, wahr. Auch ist einem grundsätzlich die hohle Einfalt des Goldpenisträgers Prometheus deutlich näher als das bedeutungsschwangere Skandieren pathetischer Müllersentenzen am klirrenden Fahnenmast bei Gotscheff. Ja, so sind die Zuschauer eben. Wir sind das Volk, und wehe, wenn wir darüber bestimmen dürfen, wie das Paradies aussehen soll.

 

Vögel ohne Grenzen
nach Aristophanes "Die Vögel" von Jérôme Savary
Regie: Jérôme Savary, Bühne und Kostüme: Jérôme Savary, Eva Humburg, Übersetzung und künstlerische Mitarbeit: Simone Strickner, Soundtrack: Steve Binetti.
Mit: Andreas Frakowiak, Franziska Hayner, Henry Krohmer, Anna Kubelik, Anne Lebinsky, Christoph Letkowski, Martin Olbertz, Matthias Rheinheimer, Jorres Risse, Axel Wandtke. Als Gäste: Friedrichstadt-Dancer, Maike Möller, Alexej "Neon" Tursan. Vögel Band: Steve Binetti, Tim Schallenberg, Nikolai Gogow.

www.volksbuehne-berlin.de

 

Mehr zur Agora? Hier geht's zur nachtkritik des Prometheus in Dimiter Gotscheffs Regie.

Kritikenrundschau

Ulrich Seidler berichtet in der Berliner Zeitung (29.5.) wie konsterniert er und offenbar viele andere Zuschauer waren, ob des von Jerome Savary im Amfiteatr abgelieferten "ganz-und-gar-nicht-mehr-komischem und nachgerade unfreiwillig-tragischem Theater-Ulks". Bei Aristophanes stünde die Vogelwelt für eine "anarchische Utopie", bei Savarys Unternehmung dagegen handle es sich um einen "Altherren-Schlüpfersturm". "Es werden frisch mit Mayonnaise gefüllte Penisse aus Brotteig verteilt; die gemieteten Show-Tanz-Mädchen schwenken im chicken-rythm ihre nur spärlich gefiederten Gesäße und Brüste. Die Schauspieler - wahlweise in Pappschachteln, ein Riesenei oder in mit Federn gespickten Ganzkörperstrumpfhosen verpackt - brüllen bestürzend ideenlose Vögeldialoge … Man kifft sich die Birnen mit Friedenspfeifen weg, grapscht unter Lendenschurze, wenn die goldenen Eier nicht ohnehin offen getragen werden. Mit geradezu übermenschlicher Disziplin halten die Schauspieler das Lachen zurück…". Aber als "das Traurigste von allem" bezeichnet Seidler die Auftritte des Maestros Savary, der aus der ersten Reihe seine Schauspieler auch in der Premiere noch versuchte zu inszenieren.

Auch Christine Wahl würdigt im Berliner Tagesspiegel (29.5.) zunächst einmal den Auftritt von Savary. Dann schreibt sie weiter: Savary suche in Aristophanes’ Komödie "nach der kürzesten Verbindung zwischen den Vögeln und dem Vögeln". "Wie aus "Germany’s next Topmodel" entstiegene "Mädchen" gäben einen Teil der "Vogel-Crew in Stringtangas oder Glitzerbikinihosen": Die Volksbühne, ätzt Wahl, habe endlich "formvollendetes Friedrichstadtpalast-Niveau erreicht". Beim "leitmotivischen Vogeltanz, ist noch gewaltig Spielraum nach oben – findet Savary und brüllt erneut: 'Come on!': Die Bikinigirls und ihre männlichen Kollegen in fleischfarbenen Ganzkörperanzügen mit Federn an Knie und Kopf singen im Chor 'Quak, quak' und deuten dazu choreografische Elemente aus dem 'Ententanz' an." Fürs "gemeine Zuschauerauge" schaue das eigentlich "ganz top" aus: "stilecht nach Betriebsfeier in Wanne-Eickel anno 1981!" Nach eigenem Bekunden saß Wahl mit einer Mischung aus Faszination und Fassungslosigkeit im Theater und fragte sich, "wie es eigentlich möglich ist, die Regie so derart flächendeckend zu vergeigen. Noch drei Stufen unterirdischer, und das Ding wäre schon wieder ein echter Knaller!"

In Savarys Inszenierung, schreibt Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung (29.5.), zögen die beiden Alten Athener, bei Savary Bob und Bill, aus, um "eine Lanze für das alternde Theater des Jéräme [konsequent so geschrieben in der Süddeutschen] Savary" zu brechen. Darum hätten Bob und Bill, Axel Wandtke und Christoph Letkowski, "statt der politischen Agora und den Tricks der Demagogen" allein Clownstricks im Sinne. Savary müsse den Schauspielern dankbar sein für "den Schwung, mit dem sie bei dem Versuch mitspielen, die Vögel des Aristophanes in eine anarchische Komikertruppe zu verwandeln". Doch die "Hingabe der Schauspieler ans Detail" nütze leider wenig. Denn dem Ganzen fehle es "entschieden an Charme und Intelligenz, an einer Idee, die aus eigenem Recht an die Stelle der scharf umrissenen politischen Komödie treten könnte", an der Savary nicht interessiert sei. So fände der interessanteste Teil des Abends auf dem Platz in der ersten Reihe statt, auf dem Jéräme Savary "seine eigene Komödie" aufführe. "Ständig redet er in die Aufführung hinein, korrigiert die Schauspieler, und bald ist unverkennbar, dass hier einer den impulsiven Prinzipal eines anti-autoritären Theaters nur mimt." Dieser Zirkusdirektor sei, schreibt Müller, "ein Mann der Peitsche".

 
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