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Die Anatomie der Destruktivität

von Andreas Wilink

Oberhausen, 28. Mai 2009. Das Stück stammt von Joe Orton, sein Motto von George Bernard Shaw – "Anarchismus ist ein Spiel, das die Polizei gewinnt" –, die Übersetzung von René Pollesch, die Inszenierung von Herbert Fritsch. Eine Steigerung ist also nicht mehr möglich. Höchstens könnte sie sich noch in Aktionen und Übersprunghandlungen des "Beute"-Ensembles ereignen. Was im Malersaal des Theaters Oberhausen auch passiert, indem über den Rand des kollektiven Nervenzusammenbruchs hinaus, bis in die organisierte Applaus-Unordnung hinein und selbst über eine anfängliche Panne hinweg überzogen wird, was das Zeug hält.

Oder eben nicht hält, denn auf der Bühne – einem mit Blümchentapete dekorierten Schlafzimmer mit zerwühltem Doppelbett und mehrtürigem Kleiderschrank – bleibt nichts unversehrt und unverwüstet. Sondern geht in Stücke und Fetzen. Der Mechanismus klemmt an diesem Polter- und Stolper-Abend nur einmal, als die Tücke des Objekts die Schlüsselgewalt des Schauspielers Klaus Zwick außer Kraft setzt, ansonsten läuft die Wirkungsmechanik der Körper wie geschmiert. Blaue Flecken gehören auf dieser Intensivstation Theater dazu.

Ein Oscar Wilde des Proletariats

1933 als John Kingsley geboren, 1967 erschlagen von seinem Lebensgefährten Kenneth Halliwell am Tag, bevor er die Beatles treffen sollte, für die er ein Drehbuch verfasst hatte, war Joe Ortons kurzes Leben selbst bühnen- oder filmreif. Wurde es dann dank Stephen Frears auch, der mit "Prick up your ears" 1987 die Geschichte des schwulen Misfit erzählte, der dem britischen Establishment, Kirche und Krone, Werten und Normen die Zunge rausstreckte.

Der Absolvent der Royal Academy of Dramatic Art, der berühmt wurde mit "Seid nett zu Mister Sloane", ist ein proletarisierter, ungezogener Oscar Wilde. Kultiviertheit als äußerste Form der Unbotmäßigkeit und letzte Bastion einer antiautoritären Verfassung. Ortons Sprache und sein Humor sind sehr trocken und sehr schwarz, vor allem durch den gleichbleibend höflichen Konversationston, in dem die haarsträubenden Geschehnisse gewissermaßen formalisiert und vergesellschaftet werden, um unterm Strich zu zeigen, dass Rechtschaffenheit sich nicht bezahlt macht.

Gelenkig, geschwinde und gerissen

"Beute" ("Loot") ist eine ausschweifende Leichenfledderei, deren Ver- und  Entwicklungen man dann doch mit leise wachsender Ungeduld beiwohnt. Sie bieten indes die ideale Vorlage für Fritsch, der Theater als Ort begreift, "an dem Moral und Realität zerbröseln" und man die Ökonomie der Vorstellungs-Verhältnisse über den Haufen werfen kann. Fritsch, der bereits "Das Haus in Montevideo" und den "Raub der Sabinerinnen" von Curt Goetz inszenierte und als Sensationsdarsteller sowieso die Gelenkigkeit, Geschwindigkeit und Gerissenheit für Nonsens und Possen besitzt, versteht es ganz offensichtlich als Regisseur, diese Eigenschaften auf ein Ensemble zu übertragen, das sich bei ihm zu sprungfedernden Vätern, Söhnen und Töchtern der Klamotte aufschwingt.

Die Beute beläuft sich auf 104.000 Pfund. Sie entstammt einem Bankraub, der vom neben dem Geldinstitut gelegenen Bestattungsinstitut aus verübt wurde. Täter sind die Burschen Hal und Dennis, die das Diebesgut im Sarg der soeben verblichenen Mrs. McLeavy verstauen, Hals Mutter, und die Leiche im Kleiderschrank deponieren. Dort steht die Tote Kopf, was auch für die daraus folgende Handlung und ihre Permanenzkrisen gilt.

Der lustige Witwer

Hal, der vom rechten Weg abgekommene Pfadfinder, knackt Spielautomaten, entjungfert die Töchter braver Männer, pflegt zudem gleichgeschlechtliche Praktiken und ist nach häufigeren Aufenthalten im Jugendgefängnis gleich seinem ihm adäquaten Gespielen Dennis (Caspar Kaeser) eine "Witzfigur des organisierten Verbrechens". Sein Vater, Mr. McLeavy, erwägt bereits nach drei ehelosen Tagen eine neue Heirat, wobei ihn allerdings die physischen Begleitumstände zögern lassen.

Animiert dazu wird der trauernde Witwer, den Torsten Bauer in die leidvolle Verstörung und Vernichtung bürgerlicher Existenz führt, von der Krankenschwester, die sich selbst als Gattin anpreist. Diese Fay alias Phyllis McMahon, päpstlicher als der Papst in ihren religiösen Prinzipien, ist, was es erst zu entdecken gilt, eine berüchtigte Todesbraut und One-Woman-Massenvernichtungswaffe. Bei Susanne Burkhard keine Eiserne Lady, vielmehr ein blondes Gift mit dem – wenngleich etwas grimmig entstellten – Liebreiz einer Jessica Lange.

Eine akrobatische Emanation des Jenseits

Orton legt hier sein eigenwilliges Glaubensbekenntnis ab, das göttliche Vorsehung, menschliches Irren und kriminalistischen Furor zur Farce verquickt. "Beute" versprüht katholisches Parfüm im protestantischen England, versetzt mit einer Kafka-Duftnote, indem der omnipotente Vollzugsbeamte und Scotland Yard-Inspektor Truscott (Marek Jera als Nick Knatterton-Mime) das undurchschaubare Behördensystem vertritt und dabei die Auslegung von Wahrheit ziemlich weit fasst.

Beginnend in fast zögernd langsamer Umdrehung, als müsse Fritsch sich seines Gegenstandes erst vergewissern, dessen Energiebedarf testen und die Antriebskräfte umsichtig zügeln, findet das Spiel ohne Grenzen fix seine Mittel und Marotten: der Regisseur als Anatom der Destruktivität, der Schauspieler in der Rolle panischen Schreckens, die Leiche (Brigitte Cuvelier) als akrobatische Emanation des Jenseits und der Kleiderschrank als Vehikel des Schrankenlosen.

 

Beute
von Joe Orton
Neu übersetzt von René Pollesch
Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Wibke Winterwerber, Dramaturgie: Tilman Raabke.
Mit: Susanne Burkhard,  Brigitte Cuvelier, Torsten Bauer, Marek Jera, Caspar Kaeser, Jürgen Sarkiss, Klaus Zwick.

www.theater-oberhausen.de

 

Mehr zu Herbert Fritsch?  In Oberhausen inszenierte er bereits den Tartuffe sowie in Halle (Saale) Das Haus in Montevideo und den Raub der der Sabinerinnen.

Kritikenrundschau

Grundsätzlich mit Begeisterung bespricht Andreas Rossmann Herbert Fritschs Inszenierung der schwarzhumorige Gruselgroteske des "pop-poetischer Oscar Wildes der Arbeiterklasse" in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.5.2009). Fritsch verlange den Darstellern ab, was ihn aus Rossmanns Sicht selbst als Schauspieler auszeichne: "Sie drehen auf zu schneller, auch scharfer Form, staksen und stolpern, jagen und japsen, fallen und fliegen, hechten und hangeln sich durch das Stück, dass es nur so kracht." Und auch Fritschs blasphemisches Stochern im verlogenen Untergrund der Bürgerlichkeit findet reinstes Wohlgefallen. Leider werde die Sache aber zu sehr durch Kapriollen der schönen Leiche in die Länge gezogen: "So wird die Dynamik des Dialogs überrollt und geschwächt."

"Feinsinnige Krudität", "durchgeknalltes Action-Theater" und ein "umwerfendes Ensemble" feiert Monika Idems in der NRZ (30.5.2009). Speziell Susanne Burkhard "ist grandios als Katholikin, die, weil Sterbehilfe eine Sünde ist, lieber einen Mord begeht und nichts anderes im Auge hat als ihren Vorteil und Mr. McLeavy als Ehemann Nummer acht. Dass dessen Frau noch gar nicht unter der Erde ist, stört da wenig. Tänzerin Brigitte Cuvelier gibt sie als schaurig-schöne Leiche: Selten war partielle Leichenstarre so grazil – und so witzig."