Der Irrwitz des Ungewissen

von Andreas Wilink

Köln, 6. Juni 2009. Es gibt zweierlei Ängste im Theater-Leben des Jürgen Kruse. Einerseits den horror vacui, weshalb seine zugestellten Bühnenräume neuronale Netze knüpfen, Bezugsrahmen setzen oder schlichtweg als Rumpelkammer seelischer Ablagerungen dienen. Zum anderen ist es die Angst vor der Stille nach dem Schluss. Kruse-Inszenierungen finden kein Ende; selbst wenn alles gesagt und abgetan ist, hängen die Schauspieler herum, tanzen cheek to cheek, musizieren, rauchen, bleiben bei ihren Verrichtungen.

So könnte es fortdauern, bis irgendwann die normale Zeitrechnung wieder gilt und das Gewebe von Gespanntheit und Abschlaffung, Trübsal und Trotz, Hitzigkeit und Coolness einen frei gibt. Manchmal sind die Stücke Nebensache und lediglich Anlass für die Inbetriebnahme des Kruse-Karussells, sind, wie es bei Hitchcock heißt, ein MacGuffin. Das war jedenfalls am Kölner Schauspielhaus, wohin ihn Karin Beier verpflichtet und die lange Kruse-Abstinenz an Rhein und Ruhr aufgehoben hat, vor einem Jahr mit Kerouacs Beat Generation so.

Immer wieder girrendes Lachen

Bei Harold Pinters "Geburtstagsfeier" ist es anders. Fast könnte man sagen, Kruse unterwirft sich dem Text, auch wenn er ihn mit seinen typischen Zwischenräumen füllt und seltsame Inseln im Strom der Handlung schafft. Da passiert dann wenig und doch das Eigentliche während lässig konzentriert gespielter Ein- oder Zweisamkeiten. Natürlich geht es nicht ohne die musikalische Liturgie  – den speziellen Sound, bei dem Rock und Beat, der sogar Beethoven integrieren kann, teils ohrenbetäubend wummernd aufgedreht wird. Trotzdem ist es ein eher zart besaiteter Abend. Eine stille Revolte.

Entstanden 1957 als erstes großes Frage-ohne-Antwort-Stück und deutsch erstaufgeführt in Kruses Geburtsjahr 1959, fühlt sich der Irrwitz des Unerklärlichen und Ungewissen besonders gut in den saturnischen Kruse-Kosmos ein. Dem Realen ist zwar der Boden entzogen, aber unterirdisch wirken die Erschütterungen tatsächlicher Gefahr und Gewalt.

In Kölns Schlosserei reißt die Gitarre den Blues, man hört Meeresrauschen, Möwengeschrei, das Tuten von Schiffen und immer wieder girrendes Lachen zweier Sirenen und Nymphchen, die über die Veranda huschen oder sich das Haar kämmen wie eingemeindete Loreleien. Als einmal das Zirpen der Grillen abrupt abbricht, hinterlässt der Gedankenstrich der plötzlichen Ruhe mehr Schrecken, als der von Menschen verursachte.

Das Gesetz der schwarzen Serie

Volker Hintermeier hat die Bühne mit kleinbürgerlicher Gemütlichkeit voll gestopft, hinter den Fenstern zieht sich schmal die Silhouette der See. Wenn Jan-Peter Kampwirth und Michael Weber als Agenten des Schicksals auf- und aus dem gerahmten Blau heraustreten, könnten sie einem Magritte-Gemälde entstiegen sein. Der eine der penible Handlanger einer namenlosen Todesmaschine, dem die eigenen Neurosen Struktur geben, der andere ihr verteufelt smarter und leutseliger Propagandist.

Der Aufführung pflegt den verstaubten Charme eines Robert-Aldrich-Films – weitere Paten, ob gute oder böse, sind John Huston, Marlon Brando und Edward G. Robinson. Auch wenn Kruse das Gesetz der Schwarzen Serie bricht und gewissermaßen mit stoischer Buster-Keaton-Miene als Zitat komisch darbietet, gelten die Genre-"Limits of Control".

Was sich bei Pinter in der kleinen Pension eines britischen Seebades manifestiert, wo bei dem Ehepaar Boles ein einsamer Gast, Stanley Webber, logiert, bis zwei Besucher, Goldberg und McCann, vorsprechen und nach einem Party-Schwoof mit Verhör, foppender Quälerei und tyrannischem Blindekuhspiel Stanley wegschaffen, wird von Kruse in schummriges Halbdunkel gehüllt und in den Underground seines heroischen Fatalismus geführt.

Wirkungsvoll wie Johnny Depp

Dazu taugt im Besonderen die Profession von Stanley als Piano-Player und dessen Besetzung mit Lucas Gregorowicz, der unter der Hand seines Regisseurs so wirkungsvoll inszeniert wird wie ein Johnny Depp. Als Stanley zum späten Frühstück äffisch herein turnt, pult er sich in den Zehen, kratzt sich den Kopf, juckt sich im Schritt. Träumerisch buchstabiert sich Gregorowicz durch seine bohèmehafte Künstler-Phantasie. Ein verlorener Junge, der mit einem Fuß noch in Neverland steht.

Zum Geburtstag, den er gar nicht hat, bekommt er von seiner Wirtin Meg (Helga Uthmann mit der ruppigen Naivität eines späten Mädchens) eine Blechtrommel geschenkt, die er sich umhängt, während er in eine zweite Trommel hineinstolpert und – solchermaßen in seiner Bewegungsfreiheit behindert – in der Klemme steckt. Ein abwesend und in sich versunken scheinender Schmerzensmann und Märtyrer des Widersinns, der ihm zustößt und ihn wie eine Blume knickt, bis am folgenden Morgen nur noch ein gequältes Fiepen, Röcheln und Krächzen aus Stanleys Kehle dringt.

Erlösung kann es hier nicht geben, nicht mal mit Hilfe von Jürgen Kruses Ritualen und Unendlichkeits-Formeln.


Die Geburtstagsfeier
von Harold Pinter
Regie: Jürgen Kruse, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Caritas de Wit; Darsteller: Lucia Peraza Rios, Helga Uthmann, Lucas Gregorowicz, Jan-Peter Kampwirth, Albert Kitzl, Michael Weber.

www.schauspielkoeln.de

 

Mehr lesen? Am Schauspielhaus Köln inszenierte Karin Henkel im Mai 2009 Iphighenie nach einer Fassung des Autorenkollektivs Soeren Voima, die auf Euripides zurückgeht. Auf Jürgen Kruses Kölner Inszenierung des Kerouac-Stücks Beat Generation vom Dezember 2007 wurde auch im Text verlinkt.

 

Kritikenrundschau

Jürgen Kruse schenke dem "wunderbaren, Furcht einflößenden Stück", der "Geburtstagsfeier" von Harold Pinter, am Schauspiel Köln "gewissermaßen seine Jungfräulichkeit" wieder, schreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (7.6.). Wo es eigentlich "mächtig stauben" müsste und normalerweise ein 90-Minuten-Pinter geboten werde, behandele Kruse dessen Text mit großer "Hochachtung vorm geschriebenen Wort": "Hier wird an jeder Silbe gefeilt, kalauernde Doppelbedeutungen freigelegt und Shakespeare-Zitate eingefügt" – "ein dionysisches Sprachfest". Dabei wirkten die "Gewohnheitsdialoge" eher wie von Loriot als wie von Pinter erdacht, Lucas Gregorowicz' als Stanley dürfe sich "ausführlich in Verkrachter-Künstler-Klischees von anno dunnemals aalen" und "viele gute Rockplatten, die der manische Vinylsammler Kruse seinem Publikum auch diesmal vorspielen muss" fingen die Stimmungen ein. "Wie ein DJ die Tänzer" treibe Kruse das Ensemble zu "Höchstleistungen" an, wobei Michael Weber als Goldberg "die seiltänzerischste Leistung eines Schwindel erregenden Abends" biete. "Das Publikum jubelte zurecht."


Kruse halte "das Bedrohliche aufreizend lange vom Einbruch ins Belanglose ab", so Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau (7.6.). Wenn es dann sogar ihm selbst "zu langweilig" werde, verpasse der Regisseur "dem Zeitlupen-Auftakt fragwürdige Temperamentsspritzen" in Form der "Lieblingsstücke seine Plattensammlung in Stadionlautstärke" oder Trommelstock-Attacken von Stanley aufs Mobiliar. Das Abründige komme mit Michael Webers und Jan Peter-Kampwirth "eher als 'Pulp Fiction'-Duo für Arme daher", wobei ersterer es immerhin schaffe, "trotz breiten Dieter-Bohlen-Slangs auch ein wenig Gefahr zu verströmen". Irgendwann greife "die Pinter-Mechanik trotz aller Albernheiten doch". Erst nach der Pause gehe Kruse jedoch "wirklich entschlossen (...) auf die Suche nach der verplemperten Zeit und der vertändelten Spannung", erst jetzt breche endlich "der ungeheuere Krater mitten im Alltag auf" und werde noch ein "starkes Schlussbild" präsentiert. Ein "ausufernder Abend", dem der Rezensent mehr von der "Stringenz" des Schlusses gewünscht hätte.

 

 
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