Den Sand kneten, die Toten meinen

von Anne Peter

Berlin, 17. Juni 2009. Was sind das für Wesen? Vier Frauen, in ausladenden Kleidern, sich bauschende Sinnlichkeitshüllen aus glänzend rauschendem Stoff, den sie wie eine Last hinter sich herziehen, der sie beschwert und am Boden hält, obwohl sie barfuß gehen. Barock-Zitate, Brautkleider von Todesvermählten, die es hinabzieht, hinunterdrückt zur Erde, in den Sand, an den sie sich schmiegen. "O Grab! O Brautbett!" sind die ersten Worte, klar und ganz ohne Schaudern von Anne Ratte-Polle in den vögeldurchzwitscherten Sommerabendhimmel gesprochen. Sie ist Antigone. "Allein! Weh, ganz allein", klagt Dörte Lyssewski und greift in den Sand der Volksbühnen-Agora: "Agamemnon! Wo bist du Vater?" Sie ist Elektra.

Regisseur Werner Schroeter hat die beiden Frauenfiguren, die Antigone von Hölderlin und Hofmannsthals Elektra, zusammen mit seiner Dramaturgin Monika Keppler zu einem anderthalbstündigen Theaterabend verschweißt. Es sprechen dabei allein die Frauen. Frauen, die allein stehen. Auf dem Grund der Toten, für deren Rache und Recht sie einstehen, jede felsenfest auf ihrer Idee beharrend, wie fanatisch in ihr verwurzelt.

Männer zum Verschwinden gebracht

Das Entschlossen-Sein wird ihnen zur Lust, in die sie sich hineinsteigern. Sie kennen keine Zweifel, ihr Plan ist unverrückbar: die Mutter morden, den Bruder begraben. Die Absolutheit ihrer Haltungen eint sie. Es ist ihrer beider Alleinstellungsmerkmal, zeichnet sie aus und macht sie einsam. So denken es sich wohl die Macher, "Alles ist tot – Formen der Einsamkeit" untertiteln sie ihre Unternehmung, die Elfriede Jelinek im Programmheft mit einem Originalbeitrag zur Textfassung adelt.

"Elektra macht Orest zu dem, was er sein muß. Und was er sein muß, ist das, was er tun muß, und er muß es tun, weil es ihm gesagt worden ist: das Orakel erfüllen. Das Orakel aber ist das, was er will, doch es ist armselig gegen die wütende, rasende Energie der Schwester", schreibt sie darin. So sind die Männer hier gleich ganz zum Verschwinden gebracht und aus der Besetzungsliste einfach gestrichen. Klytämnestra spricht auch ein bisschen Orest, Antigone sagt sich die Urteilsworte Kreons selber vor.

Zum hohen Ton gedrängte Frauen

In den letzten Jahren hat Werner Schroeter vornehmlich Opern inszeniert und bisweilen über den Umweg Cannes oder Venedig mit albtraumhaft opulenten, düster romantischen Spielfilmen von sich reden gemacht. Er verehrt die Callas, porträtierte Marianne Hoppe in einem Dokumentarfilm als "Die Königin" und machte Isabelle Huppert zum Zentrum mehrerer seiner Filme (u.a. in der Bachmann-Verfilmung "Malina" oder seinem vorletzten Film "Deux"). Schroeter ist ein Spezialist fürs Diven-Fach und selbst ein bisschen eine.

Für seinen Antiken-Abend holt er nun, neben der Kostümbildnerin Alberte Barsaqc, die schon oft für ihn die Ausstattung besorgt hat, drei der derzeit tollsten Theaterfrauen in Bert Neumanns "Amfitheatr": neben Ratte-Polle und Lyssewski gibt Almut Zilcher die Klytämnestra. Und Pascale Schiller, die u.a. in Schroeters letzten Film "Le Nuit de Chiens" mitwirkte, übernimmt den doppelten Schwesternpart Ismene/Chrysothemis.

Schroeter drängt sie zur großen Form, zum hohen Ton, zur hinaustreibenden Geste – ganz ohne Scheu vor Pathos. Zwischendurch schenkt ihnen das Trio aus Percussion (Neide Alves Pilger), Bratsche (Martin Stupka) und Keyboard (Sir Henry) Atmosphärenaufladung mit Barockklängen und Trommelschlag – ein bisschen Oper eben. Über weite Strecken pflanzt Schroeter seine Spielerinnen dabei statuarisch vors mächtige Säulenportal.

Alternativversuch der Antike

Das alles mutet erstmal ziemlich befremdlich an. Unterscheidet es sich doch – und allein das ist als Alternativversuch anerkennenswert – von den Klassiker-Aktualisierungs- und Heranholungs-Bemühungen, die man sonst meist geboten bekommt, wenn Antike gespielt wird. Lyssewski beschwört innig ihren Agamemnon, der sich irgendwo unterm Sand befinden muss. Ratte-Polle bannt ihre quirlige Spielfreude in stolzes Stehen. Und Schiller beschwört zagend gekrümmt mal die eine, mal die andere Schwester, nicht zu tun, was doch unumstößliche Entscheidung ist.

Unweigerlich rutscht das Großtonspiel bisweilen ins unfreiwillig Komische, wenn die Arme allzu weit gereckt, der Sand allzu inbrünstig geknetet wird. Wo äußerste Konzentration erstrebt ist, wird schon ein in der Halbrund-Orchestra umher hüpfender Spatz zum nicht unwesentlichen Störungsfaktor – mit Unterhaltungspotential freilich, das der Veranstaltung sonst eher abgeht.

Zu sehr bleibt er schwer durchdringbare Kopfgeburt. Doch sie alle haben ihre großen Momente. Anne Ratte-Polles aufgerissenen Verzückungsaugen; der Kreideengel in Märtyrerpose, den sie um sich an eine der Säulen malt. Almut Zilcher als vor Angst schon halb wahnsinnige Klytämnestra, die erst auf allen Vieren der drohenden Tochter entkreucht und sich dann zu irrem Lachen erhebt. Dörte Lyssewskis Elektra, die die Mutter mit ihrer Vorhersage des kommenden Opfers bis zum Äußersten reizt. Am Ende, als es vollbracht ist, spricht sie vom Tanzen, von der "Last des Glückes" und wühlt sich noch einmal ganz tief in den Sand hinein.

 

Antigone//Elektra. Alles ist tot – Formen der Einsamkeit
von Friedrich Hölderlin und Hugo von Hofmannsthal nach Sophokles, in der Fassung von Werner Schroeter und Monika Keppler
Regie: Werner Schroeter, Kostüme: Alberte Barsacq, Musikalische Leitung: Sir Henry, Dramaturgie: Monika Keppler, Sabine Zielke.
Mit: Anne Ratte-Polle, Dörte Lyssewski, Almut Zilcher, Pascale Schiller; Musiker: Neide Alves Pilger, Martin Stupka, Sir Henry.

www.volksbühne-berlin.de

 

Mehr über die Inszenierungen in der Freiluft-Agora vor der Berliner Volksbühne? Frank Castorf hat dort Medea inszeniert. Jérôme Savary versuchte Aristophanes' Vögel ohne Grenzen von der komischen Seite zu nehmen. Und viel Sand gab es auch in Prometheus, von Dimiter Gotscheff inszeniert.

 

Kritikenrundschau

In Fazit auf Deutschlandradio Kultur (17.6.) sagt Irene Bazinger: "Ich hatte den Eindruck, die Zuschauer waren geradezu froh, dass ihnen einmal etwas abverlangt wurde an Konzentration, an intellektueller Spannung, und dass ihnen auch an darstellerischem Niveau etwas geboten wurde, wofür sie dann auch sehr stark und sehr leidenschaftlich geklatscht haben."

In der Berliner Zeitung (19.6.) schreibt Dirk Pilz: Bei Dörte Lyssewski sei Elektra eine "schroffe Figurenskulptur, ganz aus Worten, Gesten und Wut gemeißelt." Die Figur sei in einen "höheren Wahn gepanzert", der sie so "unangreifbar wie unergründlich" wirken lasse. Elektra, "ein erratischer Figurenblock wie kaum nur noch anzutreffen in unseren irdischen Theaterkreisen". Derweil es sich bei Elektra um eine "Wortwerferin" handele, sei Anne Ratte-Polle eine "Blickschleuderin".  Das "Einsamkeitsbewusstsein" finde bei ihr andren Ausdruck als bei der Schwester im Geiste, Elektra: Ratte-Polle habe "alles Gestische und Großtönende in ihre Augen verlegt". Ihr "Umhergeblicke" alleine genüge, um "der Tragödie Tiefe und Aberwitz zu verleihen". Elektra und Antigone, Lyssewski und Ratte-Polle zusammen seien "ein Schauspielerinnenpaar von seltenen Vehemenzgnaden". "Allerdings" verführe Werner Schroeter seine Schauspielerinnen "mitunter zum leerlaufenden Deklamieren und Gestenmachen", offenbar berausche er sich am "bloßen Vorhandensein von vier Großschauspielfrauen". Gelegentlich auch schaue aus diesem "dezidiert nicht in die Gegenwart herübergeholten" Abend überdeutlich "das Konzepthafte heraus". Dann bestürme die Tragödie nicht den Himmel, "sondern das Herabstürmen des Himmels stiftet die Tragödie".

In der Tageszeitung Die Welt (19.6.) schreibt Reinhard Wengierek: Werner Schroeter, "die legendäre Extravaganz des deutschen Autorenkinos", zelebriere mit "heiligem Ernst das Hohelied vornehmster Dichtkunst". Ein Fest antiker Dramatik sei das. Nur gelegentlich würden sich die "bravourösen Damen Anne Ratte-Polle, Dörte Lyssewski, Almut Zilcher und Pascale Schiller" ins irdische Element werfen, ansonsten lasse das Quartett "der verzweifelt todes- und doch liebessüchtigen Einsamkeiten" die Texte "leuchten, die Verse klingen". Für das Castorf'sche Trümmer-Theater sei "schon das überwältigend viel". Dennoch werde das Ganze "nicht ergreifend, nicht wirklich wuchtig. Weil die "Verschachtelung ausgewählter Szenen zweier Großtragödien" nicht dramatisch doppelt stark mache. So bleibe es bei einer "Best-of-Arien-Show".

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.6.) schreibt wiederum Irene Bazinger vom "doppelten Zuschauerglück" angesichts der kombinierten Tragödie. Wie die "riesigen, bunten Blütenblätter einer gefährlich schönen Blume" lägen zu Beginn die vier Schauspielerinnen "im Kreis auf dem Bauch", hielten "einander an den Händen und lassen einfach die Pracht ihrer üppigen, schweren Roben sprechen". Bei seiner Inszenierung "zweier intelligent-sinnlich ineinander verschachtelter Stücke" vertraue Werner Schroeter "vollkommen auf die Kraft der Worte". Ohne "jedes Zubehör und jeden Schnickschnack" stünden die "großartigen Darstellerinnen" im Mittelpunkt. Tragödie sei hier "eine reine Frauensache". Der Regisseur betone "nachdrücklich die weibliche Perspektive". Werde ein Mann als "Stichwortgeber oder verbaler Sparringpartner gebraucht", übernähmen die Damen den Part "gleich mit". Als "Formen der Einsamkeit" beschreibe Schroeter "diese Aufführung und die historische Position seiner Heroinen, zerrieben zwischen Pflicht und Neigung, Gesetz und Leidenschaft, Erinnerung und Erwartung". So blieiben die Figuren "isoliert" in ihren Schicksalen. Auf Tuchfühlung gingen sie nur, wenn sie "Hilfe oder Solidarität" brauchten oder "ihren Zorn nicht länger beherrschen können". Ohne dass "viel geschieht", brenne in dieser "schnörkellosen, gekonnt verdichteten Inszenierung konstant die Luft". "Meisterlich" sei Schroeter in der "Konzentration auf das Wesentliche und in der Kunst der beredten Nahaufnahme".

Hilflos mühe sich Werner Schroeter, schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (19.6.), um die "Wiederbelebung ausgedienter Theatermittel". Seine Strafe fürs Publikum sei "das grobschlächtige Pathos hohler Textverehrung". Anne Ratte-Polle als Antigone und Dörte Lyssewski als Elektra illustrierten die "Arroganz der Rache" abwechselnd mit dem "ganzen darstellerischen Ach! und Oh!, über das sich gerade an der Volksbühne früher mit so viel Recht und Zunder lustig gemacht wurde".

 

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