Wandelndes Warnsystem im Garten

von Esther Boldt

Mainz, 17. Juni 2009. Gefrorene Hummer und Schlüpfer, die durch den Garten schwimmen. Ein entführtes Flugzeug und Kerosin, das aufs Hausdach tropft. Eine Mutter und ihre beiden Töchter nehmen in dieser Nacht Abschied von ihrem Haus unter der Einflugschneise, das verkauft wurde. Und während die Garantie aller elektronischen Geräte auf einen Schlag abläuft und das Wasser im Keller steht, kramen sie in Erinnerungen und stoßen sich hart an der Gegenwart.

In ihrem Stück "too low terrain" umkreist die junge Autorin Lisa Danulat den Mikrokosmos Familie, die Frage der angeborenen Zugehörigkeit, erzählt in zeitgenössisch-verstockter Sprache und mit sich weit öffnenden Assoziationsräumen. Danulat hat in Frankfurt Schauspiel und Philosophie studiert, zurzeit studiert sie Szenisches Schreiben in Graz. Bei der Biennale "Neue Stücke aus Europa" 2008 wurde ihr Stück im Wettbewerb "Text trifft Regie" präsentiert und gewann dort gleich beide Preise für Text und Regie. Und Regisseur Robert Borgmann wurde auch mit der Uraufführung in der kleinsten Bühne des Mainzer Staatstheaters betraut.

Alles in einer Nacht

Danulats herrlich lakonisches und witziges Stück ist ein fragmentarischer Einnerungsreigen, die Beobachtung des omnipräsenten Verfalls und eine Spielwiese der Seltsamkeiten, auf der etwa ein Warnsystem namens bitchingbetty umherläuft, das Flugzeuge bei zu geringer Bodennähe warnt, sowie sein Erfinder Don Bateman, der als Gärtner und Ingenieur den Frauenverein mal kurz durcheinander bringt, bevor er wieder den sensenschwingenden Tod mimt.

Dann kippt das Spiel ins Bedrohliche und der Zorn der drei Frauen mündet in eine Flugzeugentführung. Oder haben die das jetzt nur geträumt? Fantastische und reale Ebenen purzeln im Stück munter durcheinander, Wohnzimmer-, Fantasie- und Flugszenen werden ineinander geschnitten. Bei der Uraufführung wurden einige Winkelzüge gestrichen und das Stück wohltuend konzentiert.

Hoch-fliegende Wünsche und tief-liegende Erinnerungen

Jochen Schmitt hat dem Verfall eine einfache, aber starke Bühne geschaffen: ein umgekippter Kleiderschrank dient als Bett, eine umgestürzte Kommode als Podest zum Monologisieren oder Rauchen, ein Sofa zum Sich-fallenlassen. Mutter und Töchter, die auf die sprechenden Namen lok, reh und stau hören, sind auf den ersten Blick Einsamkeitsvertreterinnen, die hassliebend ihre Nächsten nicht von ihrer Seite kriegen und im Zweifelsfall durchaus befinden, dass Blut dicker sei als Wasser.

Monika Dortschy macht aus lok eine hingebungsvolle, energische Mutter, die sich sanft in den Hüften wiegt und wie sauer Bier die zwanzig Jahre Liebe anpreist, die sie noch zu geben hat. Auch reh (Verena Bukal) hätte gern eine Liebe, aber trotz ihrer Schönheit ist ihr der letzte Mann fortgelaufen. Und stau besitzt nichts außer ihrer Angst, wo sie doch gern eine "harte Sau" wäre, und so kippt Nicole Kersten zwischen tougher Macherin und wehem Kindchen. Alle drei fühlen sich fehl an dem Fleck, der "Welt" heißt.

Totentanz der Seltsamkeiten

In einer Art Totentanz der Seltsamkeiten schauen sie dem Zerfall ihres Hauses zu, mit einer Mischung aus Genugtuung, Zorn und Hingabe. Schließlich ist die Familie selbst schon ein Sinnbild ist für das Vergehen der Zeit und die Sterblichkeit also einkalkuliert. Bei aller Sehnsucht und Traumbegabtheit bleibt diesen Frauen nur ihr Verlust, ihre Perspektivlosigkeit.

In Borgmanns Inszenierung schwingt ein schnittiger Schnitter (Stefan Graf) die Sense, raspelt Lebensfäden und rhythmisch die Luft in Stücke. Ohnehin greift der Regisseur die Danulat'schen Sprachbandwürmer gern von ihrer musikalischen Seite und verschafft ihnen beiläufig eindrückliche Bilder. Denn "too low terrain" ist ein Sprachstück, dass viele Worte um wenig Taten macht, in dem ohne Punkt und Komma gesprochen wird. Und doch wirken die Sätze stummelig, als würde stets was verschluckt, unterschlagen oder in die Tasche gelogen.

Aus dieser Handlungsarmut macht Regisseur teils urkomisch, teils etwas krampfhaft hochgetunte Hysterientänze. Bei aller zeitweiligen Forciertheit ist die Inszenierung berührend und unterhaltsam, wie der Stücktext auch bei aller Lakonie dem Allzumenschlichen zuneigt. Und die Familie? Die befindet sich ja ohnehin im Sturzflug.

too low terrain (UA)
von Lisa Danulat
Regie: Robert Borgmann, Bühne: Jochen Schmitt, Kostüme: Esther Krapiwnikow.
Mit: Verena Bukal, Monika Dortschy, Nicole Kersten, Stefan Graf, Tatjana Kästel, Florian Hänsel.

www.staatstheater-mainz.de

 

Mehr zu Lisa Danulat gibt es auf www.szenen.nachtkritik.de. Robert Borgmann hat zuletzt in Bielefeld im März 2009 die Herrmannsschlacht inszeniert. Und im Frühjahr 2008 war er mit an der Deutschlandsaga der Berliner Schaubühne beteiligt.

Kritikenrundschau

Judith von Sternburg, von der Frankfurter Rundschau (19.6.2009), litt in Mainz unter den "gefühlten 45 Grad Raumtemperatur". Deshalb schränkt sie ihre Beurteilung ein,  "Too Low Terrain" sei ein nur "momentweise fesselndes Kammerspiel". Es erzähle "in erster Linie" von "einer Mutter, zwei Töchtern und einer lebhaften Flugwarnsystemautomate", die im Auszug aus ihrem Haus begriffen seien. Bloß, wohin das gehen solle, bleibe undeutlich. Anstatt das zu klären, wendeten die drei Menschen "als anständige Theaterfiguren" ihre Gedanken lieber der Vergangenheit zu. Das "plätschert" einige Zeit allgemein dahin, "ein bisschen leidenschaftlich, ziemlich witzig". Die Darsteller ignorierten die Bruthitze "engagiert". "Aufschwung (!)" bekomme die Handlung, als klar werde, "dass der Typ (Stefan Graf) am Anfang nicht von ungefähr eine Sense dabei hatte." Aber die Frauen merkten nix. "Der Tod ist ihr Eintänzer und das Ende schön".

Matthias Bischoff, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.6.2009), möchte die Hitze in Mainzer TiC am liebsten für einen Regieeinfall halten. Denn das Stück "Too Low Terrain", das im TiC seine "von Robert Borgmann wirkungsvoll umgesetzte Uraufführung feierte", sei ein "Brutkasten der Gefühle", ein "poetisch-surreal verdichteter Bilderfetzenbogen" aus einem "Familientreibhaus". In anderthalb zugleich "kurzweiligen wie quälenden Stunden" würden  "Sehnsüchte, Hassausbrüche und Erlösungshoffnungen abgespult", eine "absurd-komische Assoziationskette", auf deren "eigene Gesetzmäßigkeiten man sich als Zuschauer einlassen muss". Das vielleicht das "Erschreckendste und Beeindruckendste" an diesem "Theaterexperiment": dass eine "nicht einmal dreißigjährige Autorin den Tod und das Aufbäumen gegen ihn" zum zentralen Thema ihres Stückes mache. Zukunft und Gegenwart würden "mal spielerisch ausagiert, mal kommentiert und durch hohen Körpereinsatz und unter mehrfacher Einbeziehung des Publikums in szenische Splitter aufgelöst" – eine "furiose Kaskade teils schwer verdaulicher Brocken". Lisa Danulat und Robert Borgman muteten, schreibt Bischoff, ihren Akteuren "einiges zu". Ohne die "Sicherheit einer stabilen Handlung" wechselten "Dialoge und Sprechgesang", ohne "einen Moment der Ruhe", in dem hohen Tempo eines "vorüberrauschenden Assoziationsgeflechts". Die "teils urkomische, teils schockierend drastische" Auflösung des an hochkomplexen Bandwurmsätzen reichen Textes in "eindrucksvolle Bildfolgen" überspielte die "handlungsarme Patchwork-Struktur des Stückes".

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