Neustadt ist immer und überall

von Matthias Schmidt

Halle, 19. Juni 2009. Die Universität Halle ist besetzt, ein kleines Zeltlager errichtet, der Platz mit Transparenten beflaggt. "Wir können auch anders: Streik back!" ist darauf zu lesen und: "Bei den Banken seid ihr fix, für die Bildung tut ihr nix!". Was für eine Kulisse für das Theater, dem ja eine gewisse Affinität zur Bildung nicht abzusprechen ist! Das Thalia Theater setzt zudem nicht auf einen der typischen Sommertheatertrümpfe, sondern mit Brigitte Reimanns "Franziska Linkerhand" auf vermeintlich schwere und zumindest geschichtlich gehaltvolle Kost. Direkt überfüllt ist es trotzdem nicht. Vielleicht ja auch deshalb.

Brigitte Reimanns Roman ragt aus der DDR-Literatur der sechziger Jahre heraus, weil er anhand der Architektin Linkerhand zeigt, was aus den Träumen des Einzelnen und auch einer ganzen Gesellschaft werden kann, nämlich: nichts.

 

Die junge Hochschulabsolventin meldet freiwillig sich zur Arbeit nach Neustadt, dem "Arsch der Welt", wie es heißt. Hier will sie eine neue Stadt für eine neue Welt gestalten und muss erfahren, wie statt einer schönen, neuen Stadt ein Billigparadies aus Plattenbauten entsteht. Eine "Bankrotterklärung der Architektur", wie ihr älterer Kollege Landauer sagt, um anschließend resigniert den Dienst zu quittieren. Auch Franziska Linkerhand wird daran verzweifeln, wird scheitern, bevor sie richtig anfangen konnte, wie es am Ende des Romans heißt.

Gegen das arbeitsscheue Gesindel

Katka Schroths Fassung setzt allerdings nicht auf eine konkrete geschichtliche Verortung der Geschichte. An der DDR der 60er Jahre arbeitet sie sich gar nicht erst ab; sie will mehr, und sie erreicht mehr. Um zu verstehen, dass die junge Frau gegen starre Strukturen und bequemes "Funktionieren" rebelliert und dass sie schließlich genau daran abprallt, braucht es kein Wissen um den politischen Mief in der DDR.

Sogar der Zufall der Studentenproteste bekräftigt die Ansprechhaltung der Inszenierung. Als Franziskas Chef Schafheutlin sie wegen ihrer provokativen Äußerungen angreift, wettert er direkt weiter gegen das "arbeitsscheue Gesindel da hinten", wobei er in Richtung der besetzten Uni zeigt. Sind es nicht Leute wie er, gegen die da eben protestiert wird?

Das Spiel gelingt auch, weil die Figuren in angenehmer Weise karikiert sind: Schafheutlin wirkt nicht als dümmlicher SED-Funktionär lächerlich, sondern als dümmlicher Mensch. Dieses Gespür trägt die Inszenierung bis zur Pause, mit viel Witz und Esprit und, wie im Fall der ständig saufenden Sekretärin Gertrud, mit einer angesichts des Stückes unerwartet großen Portion Sommertheaterkomik. Christina Papst gibt die Gertrud schrill und körperbetont: großartig, immer haarscharf am Klamauk vorbeischrammend.

Ebenso überzeugend Melina von Gagern als Franziska. Sie ist keine Kämpferin gegen die Diktatur, sondern ein aufgekratztes Mädchen, das die Welt verbessern will, ein bisschen naiv und ein bisschen dreist.

Ehrerbietung an die Autorin

Nach der Pause ersetzt Katka Schroth dann Tempo und Witz durch zunehmende Bedrückung und Ernst. Die Selbstmordrate in der neuen Stadt Neustadt steigt rasant, es kommt zu Schlägereien und sogar zu einer Vergewaltigung - der Traum ist endgültig aus. Dabei bringt die Inszenierung nun doch noch den historischen Kontext der Handlung ins Spiel: den 17. Juni, den Ungarn-Aufstand, die Säuberungen in Verlagen, den Unrechtsstaat DDR.

Das mag als Ehrerbietung an die Autorin Brigitte Reimann und die subversive Kraft ihres Romans sehr anständig sein, aber es wirkt eben ziemlich steif, und die Inszenierung leidet merklich unter dem Stimmungswechsel. So schleppt sie sich dann etwas mühsam bis zum Ende, abgesehen vielleicht von einer Balkonszene, in der Franziska und ihr Liebster Ben ein bisschen wie Romeo und Julia wirken. Hier ist noch einmal zu ahnen, dass sich "Franziska Linkerhand" erstaunlich gut für sommerliches Theater eignet.

Wenn nur nicht diese diffuse zweite Hälfte wäre und die fast schon verkrampfte Suche nach einem sinnvollen und ergreifenden Schluss. Allein, es gibt ihn nicht, denn dass Franziska scheitert, ist von Anfang an angelegt. Und wie sie es tut, ist nicht bekannt: Reimanns Roman ist unvollendet. Nach fast drei Stunden ist es dann vorbei.

In der Uni brennt noch Licht.

 

Franziska Linkerhand
von Brigitte Reimann in einer Fassung von Katka Schroth
Regie: Katka Schroth, Ausstattung: Ralf Käselau.
Mit: Melina von Gagern, Jan Kersjes, Jörg Kunze, Christina Papst, Florian Stauch, Paul Mailänder, Florian Schiemann, Mille Maria Dalsgaard.

www.thaliatheaterhalle.de

 

Kritikenrundschau

Beim Freilichtspiel des Thalia Theaters Halle habe die Regisseurin Katka Schroth Brigitte Reimanns Roman "Franziska Linkerhand" aus dem Jahr 1974 "bewusst nicht auf eine Analyse der DDR" verengt, meint Hartmut Krug auf Deutschlandfunk (20.6.2009). Es werde "nicht die DDR nachgebaut, sondern eine grundsätzliche Auseinandersetzung von jungen Leuten mit den gesellschaftlichen Strukturen gezeigt, in der sie ihren Platz suchen und gegen die sie ihre Vorstellungen verwirklichen wollen." Und es werde nicht um "die richtige Theorie oder um sozialistische Politik gestritten, sondern um praktische Dinge und um den einfachen Weg zum Glück. Diese energische, verzweifelte oder resignierte Glückssuche kommt beim Hallenser Ensemble herrlich komödiantisch, ja, manchmal sogar fast karikaturesk daher." Am Ende habe "man etwas Historisches, aber zugleich auch Grundsätzliches und Aktuelles über das menschliche Verlangen erfahren, in der Gesellschaft glücklich zu werden. Das ist weit mehr, als der Zuschauer gemeinhin von einem Freilicht-Sommertheater geboten bekommt."

Katka Schroth und ihr Ensemble "gehen den Linkerhand-Stoff, die sozialistische Tragödie schlechthin, sehr präzise an", schreibt Andreas Montag in der Mitteldeutschen Zeitung (22.6.2009): "ohne Sentimentalität und doch mit so viel Gefühl (und auch mit bitterem Humor), dass man als Zuschauer auf den Stufen des schönen Platzes für knapp drei Stunden nicht allein durch die Härte des Steins sinnfällig an den Schmerz erinnert wird, den das große Planspiel der Genossen Planer verursacht hat – und daran auch, welche Narben es hinterließ."
Es werde "nicht ein fernes, exotisch anmutendes Zeitalter besichtigt, kein Bild von bemitleidenswert putzigen Panoptikumfiguren entworfen, aber auch kein wohlfeiles Verständnis angeboten, mit dem man jede Debatte so gründlich verkleistern kann, bis alle an das große Wohlfühlen im neuen Kollektiv der freien Bürger glauben."

 

 
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