Im Angstraum der Mobilität

von Sarah Heppekausen

Essen, 24. Juni 2009. In knallroten Buchstaben prangt der Titel weit sichtbar auf dem Dach der U-Bahn-Station: Eichbaumoper. Die Buchstaben "o" und "p" wurden in den vergangenen Monaten gerne mal entwendet. Die echten "Eichbaumer", die Anwohner der U18-Haltestelle zwischen Mülheim und Essen, haben wohl nicht daran geglaubt, dass hier tatsächlich irgendwann eine Oper aufgeführt würde. Vielleicht nicht einmal die Macher selbst. Aber das "o" und das "p" haben sie immer wieder neu montiert.

2007 hatten die Architekten Matthias Rick und Jan Liesegang die Vision einer Oper am Unort Eichbaum, einer U-Bahn-Haltestelle, die viele Gitterstäbe, Graffitis und noch mehr Beton zu bieten hat, dann aber lange nichts. Die nächsten Häuser sind weit entfernt, im Dunkeln ist Eichbaum vor allem ein Angstraum für alle, die ihn passieren müssen. Oberhalb rauschen die Autos auf der A40. Eichbaum ist Teil eines Verkehrsnetzes, das Ende der 60er Jahre aus der Idee einer grenzenlosen Verbindung von Modernität und Mobilität entwickelt wurde.

Klang der Großstadt

Heute ist es der unschöne Überrest einer Utopie. "U(topie) 18" hieß auch das erste Projekt von raumlaborberlin im Ruhrgebiet vor zwei Jahren, ein künstlerischer Einblick in die Entwicklung der U-Bahn-Linie. Diesmal gehen sie einen gehörigen Schritt weiter. Sie öffnen den Raum für eine neue, eigentlich absurde Idee: die Entwicklung einer Oper, der artifiziellsten Kunstform am dafür scheinbar unmöglichsten Ort.

Lärm, schlechte Akustik und Publikumsverkehr, all das, was für gewöhnlich aus dem sicheren Hort der Opernhäuser verbannt wird, gehört hier zum Konzept. Und aller Vorbehalte zum Trotz funktioniert das mutige Projekt mit dem Gelsenkirchener Musiktheater im Revier (MiR), Ringlokschuppen Mülheim und Schauspiel Essen hervorragend. Denn dem außergewöhnlichen Ort wird nicht bloß ein kitschiges Opern-Event aufgedrückt. Die Geschichten und Kompositionen sind am Ort und für den Ort entstanden und genau darin liegt die Qualität dieses besonderen Abends.

Warten, warten, warten

Los geht's in der U-Bahn. Die bleibt plötzlich stehen, mitten im Tunnel, das Licht geht aus – "technische Störung" wird durchgesagt. Dann fängt die U-Bahn quasi an zu singen, mit Bassstimme durch die Lautsprecher: "Warten, warten, warten…". Im Vierer-Sitz gegenüber entpuppt sich ein Mitreisender als der Grillo-Schauspieler Rezo Tschchikwischwili. Mit visionärem Wahnsinn in den Augen erzählt er von seiner Idee, an Eichbaum einen Bioladen zu eröffnen.

Piotr Prochera (MiR) tourt als Gitarre spielender Jesusfreak durch den Wagen. An Eichbaum angekommen, sammeln sich die Zuschauer auf dem Bahnsteig und Bernadette La Hengst singt in bedrückender Pop-Manier eine Arie (mit Orchester-Begleitung) über die Geschichte der U18 ("Ich bin als Kind des Wachstums geboren, die Vision ist verraucht und gedankenverloren"). Zum Libretto der Musikerin und Performerin hat Ari Benjamin Meyers minimalistische Klänge komponiert. Überraschende Momente und Figuren mit realem Wiedererkennungswert zeichnen diesen ersten Teil aus.

Mythologische Geschichte eines russischen Waisenkinds in Mülheim

Drei verschiedene Teams und drei völlig unterschiedliche Werke formieren sich zur Eichbaumoper. Traditioneller folgt Isidora Žebeljans (Musik) und Borislav Čičovačkis (Libretto) "Simon der Erwählte". Nach Motiven von Thomas Manns "Der Erwählte" erzählen sie eine mythologische Geschichte über ein ausgesetztes Waisenkind aus Russland, das nach Mülheim kommt und sich zum Ende als heilbringender Kohleheizer entwickelt.

Selbst diese zeitgenössische Kammeroper wirkt nicht bloß als Fremdkörper an Eichbaum. Auch sie geht – wenn auch weniger offensichtlich als die beiden anderen Teile – auf den Ort ein: als ironischer Kontrast bricht sie leichtfüßig mit seiner Hässlichkeit. Ab Teil zwei sitzen die Zuschauer auf einer Tribüne zwischen den Gleisen, der übertunnelte Schacht wird zum Orchestergraben, die Schauspieler und Sänger agieren auf einem kleinen Podest – oder auf dem Haltestellen-Vorplatz, oder auf dem Dach, oder auf dem Containerbau der Opernbauhütte. Jeder Raum wird zum Spielort. Vorgänge wie Ankommen und Flucht bekommen dank Rolltreppe und Bahngleisen eine realistischere Bedeutung als jeder Bühnenraum sie illusionieren könnte.

Am Schluss wieder die Lastwagen der A40

Akustisch hörbar hat sich auch Komponist Felix Leuschner im dritten Teil auf Eichbaum eingelassen. Zu Reto Fingers in ihrer warmherzigen Knappheit urkomischen Satzfetzen hat Leuschner in einem unermüdlichen Crescendo – Decrescendo die Geräusche der Haltestelle musikalisch nachempfunden. Man hört das Näherkommen der Bahn oder das eindringliche "Klong", wenn Metallgegenstände am Gittergeländer entlang gezogen werden.

Alle Künstler haben sich seit Beginn des Projekts mit Geschichten und Texten der Anwohner auseinandergesetzt, sie in der Oper verarbeitet oder als Anlass für Motive genommen. Diese Nähe überträgt sich: Entstanden ist ein liebenswürdiger, humorvoller, berührender und alles andere als anbiedernder Abend. Gefühlvoll, wie eine Oper sein sollte. Vielstimmig und kantig wie dieser Ort ist. Unsaubere Töne oder nicht immer harmonisierende Chöre verzeiht man da gerne.

Am Schluss lauschen dann alle wieder den Lastwagen auf der A40, der abfahrenden Bahn. Das klingt auf einmal richtig gut. Der Ort wurde von der Oper eben nicht übertönt, er wurde belauscht und künstlerisch verwandelt. Eine sehr charmante Provokation.

 

 

 

Die Eichbaumoper (UA)
Eine Standortbestimmung in drei Zügen

Entgleisung. Eine Kammeroper
Musik von Ari Benjamin Meyers, Libretto von Bernadette La Hengst

Simon der Erwählte
Musik von Isidora Žebeljan, Libretto von Borislav Čičovački

Fünfzehn Minuten Gedränge
Musik von Felix Leuschner, Libretto von Reto Finger

Regie: Cordula Däuper, Künstlerische Gesamtleitung und Bühne: Jan Liesegang, Matthias Rick, Kostüme: Beata Kornatowska, Choreinstudierung: Christian Jeub, Dramaturgie: Anna Melcher, Sabine Reich, Matthias Frense. Musikalische Leiter: Askan Geisler, Bernhard Stengel, Clemens Jüngling.
Mit: Engjellushe Duka, Elise Kaufman, Rechetta Manager, Noriko Ogawa-Yatake, Piotr Prochera, William Saetre, Dong-Won Seo, Bernadette La Hengst, Judith van der Werff, Siegfried Gressl, Carsten Otto, Rezo Tschchikwischwili, Sierk Radzei, Anna Agathonos, Hyun-Seung Oh.

www.eichbaumoper.de
www.theater-essen.de

 


 
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