Die ganze komplexe Vergeblichkeit

1. Juli 2009. Der Deutschlehrer war schockiert. "In ihrem Alter habe ich die Stones gehört!" sagte er, als er von unseren, aus seiner Sicht höchst morbiden Reisen nach Wuppertal erfuhr, wohin wir als Schüler von Düsseldorf aus mit der Eisenbahn fuhren, um die Tanzabende von Pina Bausch zu sehen. Manchmal so oft, dass wir auf dem Schulhof ganze Sequenzen schon damals klassischer Bausch-Stücke wie "Komm tanz mit mir" nachzutanzen versuchten, wie später unsere jüngeren Geschwister den Moonwalk von Michael Jackson. "Komm tanz mit mir/ tanz mit mir/ ich hab ne weiße Schürze für/ ich hab noch eine drunter/ die ist noch viel viel bunter/ lass nicht ab, lass nicht ab/ bis die Schürze Löcher hat."

Denn dieser refrainhafte Reim, der Bauschs, aus Volksliedern komponierten Tanzabend "Komm tanz mit mir" durchzog, und damals Josephine Ann Endicott, die australische Tänzerin mit dem trotzigen Kindergesicht und den verzweifelt überdrehten Schrittfolgen zu unserer Heldin machte, traf die ganze komplexe Vergeblichkeit unserer Sehnsucht nach dem Leben und auch der Liebe viel existenzieller, als zum Beispiel Mick Jaggers imperialistischer hedonistischer Machtanspruch "I can't get no/ satisfaction", der unseren Deutschlehrer so begeisterte und dessen frauenverschlingende Brutalität wir eher abstoßend fanden.

Und dann in Pina Bauschs "Blaubart" verstanden, warum. Pina Bausch erzählte von Dingen und Abgründen, die wir spürten, und für die wir ebenso wenig Worte hatten, wie sie. Erzählte von Erniedrigung, Gewalt, Körperenteignung und auch dem berühmten Benjamin-Diktum, dass Kultur eben immer auch ein Zeugnis von Barbarei ist, weshalb gerade dem klassischen Ballett und seiner Tradition zutiefst zu misstrauen sei. Wie dem Theater an sich. Haltungen, die wir in ihren Tanzstücken langsam zu spüren und viel später auch zu begreifen begannen.

Dass sie ihre Tanztheaterabende aus der Position der Ohnmacht entwickelte, buchstäblich Schritt für Schritt Terrain zu gewinnen versuchte, Stücke und Musiken aufbrach, nein, eigentlich öffnete und dabei besonders der Sprachlosigkeit eine magische Wucht, eine verstörende Präsenz zugestand, beeindruckte uns, die wir als Schüler an Wochenenden also mit dem Zug, der auf dem letzten Stück tatsächlich durch das Tal der Wupper fuhr, an alten, verfallenden Industrielandschaften vorbei zu Pina Bausch gereist sind, die gestern auf einmal gestorben ist.
(sle)

Hier geht's zu den gesammelten Blog-Beiträgen im Menü "gemein & nützlich".

 

 
Kommentar schreiben