Menschenbilder einer Ausstellung

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 4. Juli 2009. Eine wahre Naturerscheinung. Ein Weib von botanischer Naivität. Fruchtiges Blümchenrosa im musealen Grauschwarz. Unsicher, aber umso wuchtiger beginnen ihre Hüften nun zu kreisen. Langsam und unrund wie das Leben einer verzweifelten Arztgattin. Eine kostümierte Seinsvergessenheit tanzt mit dem Licht. Von der Decke baumelt eine sehr lange Neonlichtstange und Moritz, der gescheiterte Direktor des Kunstvereins, bringt auch sie in Schwung.

Die kuhäugige Ruth weiß, so eine Chance kommt kein zweites Mal. Solch verwegen daherplappernden Typen wie Moritz interessieren sich normalerweise nicht für frustrierte Volkshochschulzicken wie sie. Aber Moritz ist angeschlagen, eine Nacht lang kunstblind. Seine Ausstellung mit dem Titel "Kapitalistischer Realismus" wurde von oberster Stelle abgesagt, wegen angeblicher Zusammenhanglosigkeit der Exponate.

Tausendundein Tod

Und während Ruth die erotische Vorstadtzentrifuge gibt, rast der gedemütigte Kunstfex Moritz mit nietzscheanischem Furor: "Wo gibt es schon Zusammenhänge, mein Gott...? Diese Künstler sind doch alle, wie sie da sind, ohne Ausnahme, jeder gegen alle, sind sie verbissene Einzelkämpfer, ein heroisches Ich neben dem anderen. ... Das ist meine persönliche Antwort auf das Varieté der Kinkerlitzchen, die Marotten und Effekte, die Zwergleidenschaften, die tristen fixen Ideen..." Ruth gibt zu verstehen, nix zu verstehen. Umso besser.

Was folgt, ist die schnelle Vereinigung zweier Menschen ohne kulturelle Annäherung. Welch eine Fallhöhe. Eine schlimmschöne Szene, in der Christoph Gawenda und Anna Windmüller zeigen dürfen, wie es ist, wenn einem das Lächeln im Gesicht schmerzt. Wenn das Erhabene im Profanen erstickt. Der alte, unheilbare Straußsche Tick: Die Kunst stirbt ihren tausendundersten Tod. Sechzehn Mitglieder eines Kunstvereins begegnen und verfehlen sich bei der Vorbesichtigung einer ambitionierten Ausstellung. Man kennt sich, man hasst sich. Verletzt sich. Beinahe tragisch das. Aber Botho Strauß ist kein Tragiker, eher ein poetischer Soziologe der peinlichen Mittellagen.

Hyperpsychologisierung als soziales Tarnkleid

Gesellschaftssatiren wie "Trilogie des Wiedersehens" verführen zur Vorführung der Figuren. Doch die Regisseurin Friederike Heller lässt sich nicht drauf ein. Im gestischen Detail sucht und findet sie das allgemeine Symptom, umgeht sie die boulevardesken Fallstricke. Bei Gawendas Spiel wird das am deutlichsten, wie das Neurotische allmählich das Intellektuelle verdrängt.

Ähnlich ergeht es auch der Susanne von Nadja Stübiger, die in ihrer vegetativen Leidenschaftsblödheit die Kontrolle einfach ihrem muskulösen Körper überlässt: ihre Arme sind fleischhungrige Tentakel im kaltglühenden Kunstraum - ragend, tastend und doch nichts erfühlend. Oder der grandios täppische Versuch von Richard (Boris Koneczny), dem innerlich ausgebrannten und dauerzappelnden Offset-Drucker, der einen oberflächlichen(!) Krimi nacherzählen will, eine Unendlichkeit lang und dabei die anderen Häppchenfresser mit seinem unheilbaren ADS infiziert.

Reihenweise werden Seelen umgestülpt wie getragene Socken. Hellers Dramaturg Sebastian Huber komprimiert und seziert für diese unweinerliche Zeitdiagnostik den arabesken Text an den empfindlichen Stellen, stellt die philosophischen Flügelschläge ruhig, pointiert, was Strauß nur streift. Hinter Moritz' vordergründig amüsanter Selbstentblößung offenbaren sich falsches Klassenbewusstein, Dekadenz und pseudointellektuelle Auto-Aggression, die jede Utopie und Gemeinsamkeit in unserem realkapitalistischen Kasinosozialismus ad absurdum führen. In dieser Schau der Posen, Pointen und lyrischen Pläusche werden Menschen zu eitlen Einzelausstellungen, überdimensionale Polaroidbilderserien mit undeutlichen Konterfeis, die natürlich an Gerhard Richters Ästhetik erinnern.

Konsenswille und die individuelle Leere

Friederike Heller lässt manch eine Regieanweisung sprechen, und die Bühne schafft ordentlich Luft: Vier Stufen, sichtbetonartig, darüber rund vierzig Leuchtröhren, die vertikal herabbaumeln, jede für sich ein vereinsamter Spot. Dazwischen die Exponate, kleine Menschen und große Bilder, auch Standmikrofone für spontane Allegoresen, Einhauchungen und Gesangseinlagen, alles zunächst wild, im Sinne Moritz' unzusammenhängend verstreut samt überdimensierten Post-its mit Textfetzen wie "Schön, nicht?" oder "Die neue Ordnung".

Letzteres ist das Motto für den kulturpessimistischen Rollback. Schließlich vermag niemand etwas wirklich auszudrücken als seine eigene Nichtigkeit. Der Konsenswille im Kunstverein überformt aber jede individuelle Leere und hängt die Bilder neu, ordnet das Chaos. Und plötzlich schweben sie ganz oben, die unscharfen Gesichtslosen, wie sportliche Helden in der Hall of Fame. Moritz, der Gezähmte, protestiert linksregressiv, indem er sich noch einmal nackig macht und eklig vollschmiert und die Namen der Zensoren zur Vernissage auf einem Plakat vorbeibringt. Wie effekthascherisch. Wie vergeblich.

Trilogie des Wiedersehens
von Botho Strauß
Regie: Friederike Heller, Musik: Michael Mühlhaus, Bühne/Installation/Ausstattung: Ralo Mayer und Sabine Kohlstedt.
Mit: Nadja Sübinger, Christoph Gawenda, Elmar Roloff, Martin Leutgeb, Anja Brünglinghaus, Alexander Weber, Boris Burgstaller, Anna Windmüller, Lisa Wildmann, Christian Schmidt, Lilly Marie Tschörtner, Boris Koneczny, Rainer Philippi, Elisabeth Findeis, Sebastian Schwab, Michael Mühlhaus.

www.staatstheater.stuttgart.de


Mehr lesen? Im Februar 2009 inszenierte Friederike Heller am Hamburger Thalia in der Gaußstraße Dann heul doch! und am März 2008 am Wiener Burgtheater ihre Thomas-Mann-Adaption Dr. Faustus – My Love is a Fever.

 

Kritikenrundschau

Nicht richtig glücklich war Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (7.7.2009) mit Friedrike Hellers Strauß-Interpretation. Denn aus seiner Sicht arbeitet sie an der Entmaterialisierung der Strauß-Figuren, die in Stuttgart nun zu Exponaten einer Bühnen-Installation geworden seien. Das sei zwar insofern scharf gedacht, "als die siebziger Jahre zum Ausgangspunkt einer Reise in den Egozentrismus heutiger Tage werden." Hellers Konzept habe allerdings auch zur Folge, "dass die Schauspieler sich auf der fast vollständig leeren Bühne so verloren vorkommen dürften wie Ausstellungsobjekte an Tagen, an denen die Zahl der Besucher eines Kunstvereins die der Angestellten nicht übersteigt. Da hilft es wenig, dass der Installationskünstler Ralo Mayer eine Batterie von Neonröhren im Raum schweben lässt und Passanten wie die Malerin Marlies oder der Schriftsteller Peter wie lebende Bilder einer Ausstellung posieren. Die Würfel waren bereits gefallen, weil Heller all die intimen Dialogsituationen aufgelöst hat, in denen Strauß seine bekannten Gesichter in gemischte Gefühle eintauchen lässt."

Botho Strauß' "Trilogie des Wiedersehens" sei "ein Zeitstück, das stimmt schon, (…) ad acta legen muss man dieses Schauspiel aus den saturierten Siebzigern trotzdem nicht", schreibt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (6.7.2009). "Zieht man die Strauß'sche Geschwätzigkeit ab, schält sich unter den elaborierten Sätzen nämlich noch immer die Strauß'sche Porträtkunst hervor. Und diese Kunst ist groß, weil sie zeitlos ist: Sie leben und leiden ja noch immer, diese Menschentypen". Das Problem der Stuttgarter Inszenierung von Friederike Heller sei aber, dass sie sich für die "tragische Grundierung des Dauergeplappers der Kunstschickeria nicht einen Deut interessiert. Friederike Heller zieht ihre Regiekräfte vielmehr ganz von den Menschen ab und richtet sie ausschließlich auf die Kunst, wobei sie sich durchaus wieder von Strauß inspirieren lässt. Die Ausstellung in seiner 'Trilogie des Wiedersehens' heißt "Kapitalistischer Realismus". Heller geht nun ein Stück weiter und zeigt statt Realismus: ein akademisches Nachdenken über Realismus." So aber verkümmere die "Trilogie des Wiedersehens" zu "einer reinen Formspielerei, ja, schlimmer noch, zu einer öden Formsache".

Für Dietholf Zerweck von der Eßlinger Zeitung (6.7.2009) stellte sich Friederike Hellers Inszenierung "als eine Mischung aus Performance und Szenenrevue" dar. Wie Heller "die Figuren durch Moritz zunächst vorstellen" lasse und sie "allmählich untereinander und mit dem Publikum in Kontakt" bringe, habe "etwas Schematisches und teilweise Manieriertes". Dann aber werde "das Stück lebendiger, werden die Schauspieler präziser, die Pointen bekommen Kontur. Denn durch alle Phrasen und Sprachartistik tönen die existenziellen Leitmotive des späteren Autors vom 'Anschwellenden Bocksgesang' wie Relikte einer verlorenen Identität." Die Faszination des Theaters indes leuchte "an diesem Abend nur selten auf. Doch das Ensemble zeigt solides Handwerk, und das Stück von Strauß funktioniert auch als theatralisches Happening."

Noch nicht historisch, aber auch nicht zeitgenössisch, sei die "Trilogie des Wiedersehens" nach zweiunddreißig Jahren, schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.7.2009). Die "kleine Gesellschaft", die sich zur Vorbesichtigung der Ausstellung "Kapitalistischer Realismus" versammele, sei eindeutig die alte Bundesrepublik zwischen "1968 und Deutschem Herbst, Öl- und postmoderner Sinnkrise". Das Stück sei "einst formal revolutionär" gewesen, heute aber "reif für eine Retrospektive im Kunstverein", und genauso habe Friederike Heller es jetzt auch in Stuttgart reanimiert. "Das hohle Geschwätz, die unverbindlichen Liebeleien, die Sehnsucht nach dem überlebensgroßen Gefühl sind Ladenhüter, angestaubte Readymades und Plagiate aus dem Fundus der klassischen Moderne." Heller mache sich kein Bildnis vom Kapitalistischen Realismus, sie zeige ihn in Aktion und zerlege die "Trilogie des Wiedersehens" in Gerhard-Richter-Manier in monochrome Polaroidbilder und übermalt sie zu farbigen Stimmungsbildern. "Alles, auch das Nichts, ist autonomes Theater, ein Balanceakt zwischen Tragik und Komik, Ironie und authentischer Verzweiflung." Fazit: Heller schaffe eine klug entschlackte Fassung in gut zwei Stunden, "ohne es an Respekt fehlen zu lassen: ein schönes Wiedersehen mit Botho Strauß im Museum für moderne Kunst".

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