Einer von uns Golfspielern, Fettabsaugern und Cabriofahrern

von Tomo Mirko Pavlovic

Heilbronn, 11. Juli 2009. Wer hätte gedacht, dass eine Midlife-Crisis in Heilbronn so heftig verlaufen kann. Am Anfang hört man plötzlich eine Kuckucksuhr piepen, tumbe Schreie erklingen, der Verkehr lärmt gnadenlos im Ohr, auf dass einem der Intellektuellenschädel platzen möchte. Man spürt die Geheimratsecken unter den panisch tastenden Händen pulsieren, sieht alles Grau in Schwarz, das winzige Leben, den unendlichen Makrokosmos gar.

Die private Weltbühne hat sich in einen papiernen, vom stummen Mond beschienenen Schrottplatz verwandelt: dunkle Wissensasche, nichtssagendes Schnipselmeer, eine zerlesene Bibliothek ohne Antwort. Welcher Therapeut, welches Publikum würde einem da die bescheidene Frage "Bin ich ein Gott?" verübeln?

Unerstättliches Verlangen nach sinnlichem Mehrwert

Doch es kommt noch schlimmer. Aufgeputzt und ganz in Weiß schnauft man sich etwas später als German Gigolo Mut zu, neben irgendsoeiner Grete aus der Masse, der das Kleine Goldene einfach unwiderstehlich steht zum immerhin gut vierzehnjährigen Körper. Schließlich aber enden Schmerz und Lust in der Karikatur eines unerreichten Jugendidols von Hier und Heut': mit wirrem Haar und geschminkt wie Heath Ledgers Joker aus dem letzten Batman fällt man aus allen künstlich aufgebauschten Wonnewolken und vernimmt aus dem Mund einer Sterbenden die Klage: "Heinrich! Mir graust's vor dir!" Man ist schließlich Faust, Vorname Heinrich.

Und dieser Faust ist zweifelsfrei einer von uns – von uns Cabriofahrern, Golfspielern, Fettabsaugern, Rotweinzutzlern. Denn der Regisseur Alejandro Quintana mag Fausts selbstmitleidigen Sehnsüchten, seinem unersättlichen Verlangen nach irgendeinem sinnlichen Mehrwert immer noch etwas abgewinnen. Vielleicht es ist es der manische Schaffensdrang, diese selbstzerstörerische Abenteuerjagd, die im Credo "Im Anfang war die Tat" ihre Rechtfertigung sucht. Quintana macht den alternden Kerl, den Nils Brück ernsthaft und erdenschwer verkörpert, jedenfalls lächerlich, doch verurteilt er ihn nicht. Denn die Welt ist ihm und damit auch uns völlig abhanden gekommen. Ist wert- und wertelos geworden.

Comic mit Peitsche schwingendem Mephisto

Doch diese Sicht scheint so flach, so plan, wie der unwirklich weite Horizont der angeschrägten Bühne, die Falk von Wangelin und Heiko Pfützner wie einen Robert-Wilson-Prospekt zitieren. Mal leuchtet alles blutrot, mal waldmeistergrün. Es raucht aus allen Löchern und rieselt spotartig aus dem schwarzen Himmelsmaul. Alles ist so harmlos bunt geworden: die Hexen, der Meerkater – ein einziger Comic, wo einen nichts mehr wundert, nicht einmal die Begegnung mit einem Peitsche schwingenden Mephisto, der von Scheitel bis zur Sohle in grellem Pink gekleidet den stets verneineden Geist gibt.

Wenn also in dieser bis zum Augenschmerz poppigen Umgebung ein Gretchen dran glauben muss, ist das zwar fatal, aber nicht weiter verwunderlich. Ein faustischer Kollateralschaden. Hätte sich die Regie auf diese schon intendierte Aussage konzentriert, es wäre ein konsequenter, bisweilen sarkastischer Kommentar auf unser aller Antriebsschaden geworden. Doch die Inszenierung verliert sich immer wieder in leeren Andeutungen, im effektheischenden Bilderhopping, in einer anbiedernden Komik.

Der Teufel, der in Till Schmidts Spiel zumeist gut aufgehoben ist, sächselt zuweilen sinnlos. Faust und Mephisto hotten unaufgefordert zum spanischen Blödelsong "Las Ketchup Song" ab, während die Flaschen schwingenden Burschen im düsteren Keller mit ihren roten Jakobinerhauben wippen. Beim Spaziergang trägt das gemeine Straßenvolk wiederum rote Luftballons und singt nationalpatriotisch "Kein schöner Land" und zeigt sich mechanisch euphorisiert, wenn es dem Faust ergeben wie einer Führerfigur im Takt applaudiert.

Diese wunderlichen Deutschen

Je röter, desto politischer oder was? Die visuelle Choreographie bei Licht und Kostüm überfordert jedenfalls das Dramaturgische. Das Ensemble ebenfalls, das zwischen überdrehter Affektiertheit und deklamatorischem Pathos schwankt. Entweder oder, denkt man bei sich, und freut sich deswegen jedes Mal, wenn Goethe (ein überzeugender Manuel Rivera) als selbstreferenzieller Gast seiner eigenen Tragödie auftritt.

Seine klugen Monologe zehren von der "Zueignung", vom "Vorspiel auf dem Theater" sowie aus jenem berühmten nun einmontierten Gespräch mit Eckermann, in dem er sich als realer Dichter fragt, was diese "wunderlichen" Deutschen eigentlich wollen: "Da kommen sie und fragen, welche Idee ich in meinem 'Faust' zu verkörpern gesucht? - Als ob ich das selber wüsste und aussprechen könnte! - Vom Himmel durch die Welt zur Hölle, das wäre zur Not etwas", spricht der Schreiber, verweist aber, das auch das keine Idee, sondern bloß die Nacherzählung der Handlung sei. Letztlich geht es ihm nur um Eindrücke, "sinnlicher, lebensvoller, lieblicher, bunter, hundertfältiger Art."

Klingt wie eine ziemlich clevere Ausrede - für vieles und nichts.


Faust I
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Alejandro Quintana, Bühne: Falk von Wangelin (Konzept), Heiko Pfützner (Realisation), Kostüme: Mathias Werner, Musik: Roberto Rivera Noriega, Licht: Carsten George, Dramaturgie: Birte Werner, Ulrike Stöck.
Mit: Nils Brück, Till Schmidt, Judith Raab, Manuel Rivera, Kai Windhövel, Silvia Bretschneider, Gabriel Kemmether. (Die Inszenierung kam in anderer Besetzung am 6. Oktober 2007 im Volkstheater Rostock heraus)

www.theater-heilbronn.de

 

Mehr lesen? Im Juni 2009 inszenierte Intendant Axel Vornam in Heilbronn die Uraufführung der Theaterfassung von Christoph Heins Roman In seiner frühen Kindheit ein Garten. Vornams erfolgreiche Intendanz beleuchtete im Dezember 2008 ein Text Arnim Bauer.

Kritikenrundschau

Schauspielchef Alejandro Quintana erzähle in Heilbronn "Fausts Dilemma über die Grenzen menschlicher Erkenntnis als Tragikomödie", schreibt Claudia Ihlefeld in der Heilbronner Stimme (13.7.). "Poesie und Trash, Slapstick, nachdenkliche und düstre Momente wechseln sich ab. Quintana lässt es krachen", doch zugleich laufe seine "ästhetisierende Handschrift" auch Gefahr, "Masche zu werden". Alle spielten in dieser Inszenierung "ihr Endspiel, immer wieder unterbrochen von teils subtilem Humor, aber auch von flachem Witz. Ein Regiegriff, der dem Abend nach und nach seine Kraft nimmt." Uns so bleibe das Ganze ein "Bilderbogen mit verführerischen Effekten, der nach der Pause sehr auf vordergründige Wirkung schielt und mit Gretchens Wahn pathetisch endet."

 

 

 

 

 

 

 

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