Beethoven und Bomben 

von Charles Linsmayer

Zürich, 23. August 2009. "Niemand wollte der Deutsche sein, weil der Deutsche immer verlor." Kinderspiele in Tito-Jugoslawien, wo der Kult um die Partisanen und ihren Triumph über die deutschen Besetzer auch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch zu den ideologischen Kernprinzipien gehörte.

Die heute in Holland lebende Sanja Mitrović ist 1978 in Serbien geboren und lässt in ihre Performance viel von dem einfließen, was damals zum Alltag gehörte. Mit ihrem Schulheft dokumentiert sie die Uniformierung und Militarisierung der Gesellschaft, die alten Banknoten zeigt sie vor, um mit den traurigen Gesichtern der darauf Verewigten die allgemeine Stimmung zu evozieren, und in Turn- und Tanzeinlagen lässt sie mit ihrem Partner Jochen Stechmann zu zweit all das aufklingen, was in den Stadien damals Hundertausende euphorisch und gleichgeschaltet an Nationalem und Sozialistischem artikulierten.

Serbisch-deutsche Frustrationen
Die Parallelen zur Verlierernation Deutschland werden aber erst nach 1989 greifbar, als das Schulheft mit den Bäumen, die Tito im Herzen tragen, weggeschoben wird und mit "Freude schöner Götterfunken" die Berliner Mauer fällt. Da gehen dann die Beethovenklänge unmittelbar in die Explosion der Bomben über, die 1999 von der Nato auf Belgrad abgeworfen wurden - auf Brücken voll demonstrierender Menschen nota bene -, und bald wird klar, dass es das vom Westen boykottierte und attackierte Serbien unter Milošević ist, das den Deutschen gegenübergestellt wird. Jenen Deutschen, die der Schauspieler Jochen Stechmann als martialischer Krieger, aber auch als Nachkomme eines Grossvaters mit Arierpass und einer für Hitler begeisterten Grossmutter mit den Versatzstücken der eigenen Familiengeschichte einzubringen hat. Und die nach 1945 genau so verachtet waren wie die Serben nach 1999, so dass sich nach der Lesart Sanja Mitrovićs beide Nationen pessimistisch fragen mussten: "Will You Ever Be Happy Again?"

Was Sanja Mitrović und Jochen Stechmann zweisprachig deutsch und serbokroatisch präsentieren, schiebt deutsche und serbische Frustrationen locker-einfallsreich ineinander und ist eine Art Un-Theater, das demonstrativ auf alles verzichtet, was man sich unter einem Theaterstück vorstellen könnte. Es kommt daher, als würden die beiden alles fortwährend erfinden. Aus zwei Schachteln mit Versatzstücken heraus, mit einer Kamera und einem Beamer, mit sparsam eingesetztem, vielfach aus Zitaten bestehendem Text, der ab und zu auch gesungen wird, und vor allem auch mit einer lustvoll umgesetzten, sich zum Teil zu Ballettszenen steigernder Körpersprache.

Das Wahre, das Gute und das Böse
All das in rasch wechselnden ganz kurzen Sequenzen, die das Geschichtliche und das Persönliche miteinander mischen und letztlich wohl aufzeigen sollen, wie Strukturen sich verhärten und wieder relativiert werden - und wie das Wahre und das Falsche und das Gute und das Böse am Ende nicht mehr auseinanderzuhalten sind.

Wobei der Flickenteppich aus Politik, Geschichte und Privatem aller spielerischen Attitüde zum Trotz immer dann zu kritischen Fragen Anlass gibt, wenn über dem poetischen Balancieren die politische Equilibristik ins Wanken gerät. Wenn die Nazizeit dann doch etwas zu verharmlosend gesehen wird, oder wenn das serbische Trauma mit den revanchistischen Liedern der Turbofolk-Queen Ceca Ražnatović untermalt ist, während das Thema Kriegsverbrechen im dummen Witz vom serbischen Soldaten heruntergespielt wird, der sich vom Psychiater seine Erektionsfähigkeit wiederherstellen lässt, um weiter vergewaltigen zu können.

Will You Ever Be Happy Again?
von Sandra Mitrovic
Regie: Sandra Mitrovic.
Mit: Sandra Mitrovic und Jochen Stechmann.

www.theaterspektakel.ch


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