logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Verlorene Theaterzeit

von André Mumot

25. August 2009. Plötzlich, auf Seite 119, ganz unten, tauchen ein paar Sätze auf, die das gesamte Buch etwas heller, etwas durchschaubarer machen: "Wir wissen", schreibt Helene Varopoulou, "das Werk der darstellenden Künste verflüchtigt sich, im Gegensatz zum malerischen Werk auf der Leinwand. Für die bedeutenden Theatermacher wie Giorgio Strehler aber kann das kollektive Theatergedächtnis an die Stelle ihrer Abwesenheit die Legende setzen."

An diesen Legenden schreibt sie also, die 1945 auf Kefallonia geborene Theaterwissenschaftlerin und Heiner-Müller Expertin. Von 2000 bis 2008 hat sie die Sommerakademie des Griechischen Nationaltheaters geleitet, sie hat unter anderem an den Universitäten in Athen, Patras und Frankfurt am Main unterrichtet und jahrzehntelang Kritiken, Essays und wissenschaftliche Arbeiten für internationale Zeitungen und Zeitschriften geschrieben. Um Ritual und Chor, um Performance und das Politische Theater, um Improvisationskunst, um Brecht und Beckett geht es in den Texten, die der Verlag Theater der Zeit jetzt von Theo Votos hat übersetzen lassen und in seine "Recherchen"-Reihe aufgenommen hat.

Es fehlen die Worte

Vor allem aber dokumentieren die meist wenige Seiten langen Kapitel eine nicht chronologische Biographie von Theaterbesuchen, die durchaus neidisch machen kann. Helene Varopoulou berichtet von Klaus Michael Grübers "Backchen" von 1974 und der siebenstündigen "Orestie" des Peter Stein, von Pina Bausch und Peter Brook, dem jungen Robert Wilson, von russischen, japanischen, griechischen und italienischen Aufführungen verschiedenster Art.

Das hier mit redlicher Leidenschaft für künstlerisch herausforderndes Theater geworben werden soll, lässt sich nicht überlesen. Die Liebe ist da, bloß fehlen ihr die Worte. Oder wie Herausgeber Torsten Israel im Vorwort nicht ungeschickt erklärt: "Theaterdonner wird nicht erzeugt, sondern gegebenenfalls diagnostiziert." Man könnte auch sagen: Diese Aufsatzsammlung ist in einem staubtrockenen Dozententonfall verfasst. Keine Pointen finden sich hier, keine dramaturgischen Verdichtungen, keine Polemik, kein Humor.

Es folgen Belehrungen

Nun könnte man meinen, diese akademischen Ausführungen seien eben die seriöse Alternative zur feuilletonistischen Effekthascherei. Dafür aber rennen sie zu viele offene Türen ein, belehren uns zu umständlich darüber, dass Theater nicht texttreu und naturalistisch sein muss. Und enthalten unentwegt Sätze wie diesen: "Die dem Regisseur obliegende Arbeit der Synthese, des Ausgleichs, wobei Friktionen zu regulieren und durch die abweichenden Anforderungen der Einzelkünste auftretenden Gegensätze zu harmonisieren waren, hatte das Problem der Konfrontation zwischen den Einzelkünsten niemals gelöst." Leselustabtötung der schlimmeren Sorte.

Gerade jetzt, wo so viele Großen gegangen sind, die Bausch, der Gosch, der Zadek, liegt etwas Zwingendes in dem Konzept, Legenden in unser kollektives Gedächtnis einzuschreiben, sich mit Verve und kritischem Blick auf die Suche nach der verlorenen Theaterzeit zu begeben. Wenn dabei aber der Eindruck erweckt wird, man brauche vor allem hoch gebildeten Ernst und jede Menge ästhetische Leidensfähigkeit für die Bühne von heute, tut man ihr keinen großen Gefallen.

 

Helene Varopoulou
Passagen. Reflexionen zum zeitgenössischen Theater
Verlag Theater der Zeit, 2009
260 Seiten, 18 Euro

 

Mehr Buchrezensionen? Zuletzt schrieben wir über Thomas Oberenders Leben auf Probe und die dreibändige Sammlung der Gespräche mit Heiner Müller innerhalb der Heiner-Müller-Werkausgabe.