Bis zur nächsten Folge 

von Charles Linsmayer

Zürich, 25. August 2009. Das von Claudio Tolcachir geleitete Theater Timbre 4 ist im Boedo, einem Arbeiterquartier von Buenos Aires, angesiedelt, es hat sich darauf spezialisiert, die populären Telenovelas vom Fernsehen auf die Bühne zu bringen. Was denn auch im Stück "Tercer cuerpo - La historia de un intento absurdo" geschieht, mit dem die Truppe am Zürcher Theater Spektakel gastiert.

 

Drei Frauen und zwei Männer bevölkern das heruntergekommene Büromobiliar aus den siebziger Jahren und vertreiben sich die Zeit mit der Diskussion – und zum Teil auch handfesten Manifestation – von Beziehungskisten untereinander und mit dritten, mit Fragen des Mittagessens, dem Firmenklatsch im weitesten Sinn und mit allerlei Andeutungen über die Sinnlosigkeit ihrer Jobs, die nur einer günstigen Gesetzeslage wegen nicht schon längst wegrationalisiert worden sind.

Auf der Damentoilette
"Ich liebe Dich, deshalb hältst Du es mit mir nicht aus", wirft Sofia, die Jüngste, ihrem Manuel vor, der sich partout nicht zum Kinderzeugen entschliessen will, weil er nicht weiss, wie lange er seine Nachkommen aushalten würde. Hector wiederum, der graumelierte Bürochef, hat es offenbar schon mit jeder und jedem probiert, kommt aber in Sachen Romantik und Bequemlichkeit nicht auf seine Rechnung: "Die Damentoiletten sind immer zu klein, hast du einen anderen Ort, wo wir hingehen könnten?"

Die Damen ihrerseits träumen von ganz was anderem, jedenfalls will Moni ein Kind, bekommt aber von ihrem impotenten Partner keins gezeugt, während Sandra unentwegt die Urinproben nach einer möglichen Schwangerschaft untersuchen lässt.

Was in diesem Büro eigentlich gearbeitet werden soll, bleibt schleierhaft, und offenkundig sind alle froh, als mit dem Tod von Hectors Mutter ein neues Thema virulent wird und sich alle mit Fleiss und Energie daran machen können, für den trauernden Sohn eine möglichst schöne, sprich kitschige Abdankunsrede zu produzieren.

Absichtlich belanglos
Zwar hört man von Selbstmorden in anderen Büros, und auch in der eigenen engen Arbeitszelle schwappen die Leidenschaften gelegentlich gefährlich hoch und hinter der demonstrativen Bemutterung des alternden Bürohengstes Hector versteckt sich sicher mehr als Fürsorglichkeit. Dennoch erschöpft sich, wohl den Gesetzen der Telenovela entsprechend, alles in einem letztlich harmlos-belustigenden Leerlauf, der von Problemen wie Armut, soziale Not, wirtschaftliche Situation usw. vollkommen abgekoppelt erscheint.

Auch schauspielerisch verhalten sich die fünf Protagonisten vollkommen genregemäss, indem sie jede wirkliche Tiefe oder Hintergründigkeit vermeiden und genau so spielen, als hätte man ein paar gelangweilte liebessüchtige Hausfrauen und zwei arbeitslose Büroangestellte von der Avenida Boedo ins Theater hereingeholt, um sie sich da coram publico enervieren, amüsieren, zanken, verlieben, hassen oder sich gegenseitig langweilen zu lassen.

Und wie er angefangen hat, so bricht der Spuk auch wieder ab, mittendrin offenbar und so, als könne das noch in zwanzig Fortsetzungen genauso weitergehen. Das Zürcher Theater Spektakel vermittelt, was nicht hoch genug geschätzt werden kann, immer wieder unerwartete und überraschende Einblicke in die Theaterszene anderer Länder. Claudio Tolcachir und seine Truppe leisten das auf informative Weise im Fall von Buenos Aires, aber es ist mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, dass die Stadt auch noch viele andere und vielleicht sogar bedeutsamere Facetten von Theater anzubieten hätte.



Tercer Cuerpo. La historia de un intento absurdo
Theater Timbre 4, Buenos Aires
Stück und Regie: Claudio Tolcachir.
Spiel: Melisa Hermida, Daniela Pal, José Maria Marcos, Magdalena Grondona und Hernan Grinstein.

www.theaterspektakel.c h


Außerdem gab es beim diesjährigen Zürcher Theater Spektakel Vielfalt von Jakop Ahlbom und Will You Ever Be Happy Again? von Sanja Mitrovic.

 
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