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Was ham ma gegluckst

von Wolfgang Behrens

Berlin, 2. September 2009. Die Zeit für markige Sprüche wider das sogenannte Regietheater scheint günstig – Daniel Kehlmann hat es vorgemacht. Und so war denn auch frühzeitig zu vernehmen, was man am wiedereröffneten Schlossparktheater in Berlin-Steglitz zukünftig garantiert nicht erleben werde: dass nämlich Hamlet seine Ophelia in der Sauna trifft. Dieter Hallervorden, der neue künstlerische Leiter des Theaters und zugleich dessen mit privatem Geld haftender Investor, setzt mit solchen Aussagen auf tiefsitzende anti-moderne Reflexe einer bestimmten Publikumsschicht – wobei die Bemerkung ja auch nur meinen könnte, dass am Schlossparktheater halt kein Shakespeare gespielt wird.

Mit filosofischem Gerüst
Hallervordens Theater will aber auch kein Boulevard sein, stattdessen möchte es "Unterhaltungstheater mit philosophischem Gerüst" bieten. Wenn jedoch der Lappen hochgeht, sind solche Lippenbekenntnisse nicht mehr viel wert. Und sobald Dieter Hallervorden die Bühne betritt, will das Publikum vor allem seinen alten "Didi" wiederhaben: Auftrittsapplaus, noch vor dem ersten Gag wird heftig gegluckst, und als Hallervordens Figur Brémont die Akustik des (in der Bühnenillusion) leeren Theaters mit einem "Höi" testet, echot es aus dem Zuschauerraum fröhlich zurück – das "Didi"-Publikum ist am philosophischen Gerüst nicht sonderlich interessiert.

Und so ist dem Schauspieler Hallervorden bei der Eröffnungspremiere ein Zweifaches aufgegeben: Er muss eine Rolle, den alternden Schauspieler Brémont, formen, und eine, den Didi, vergessen machen. Was nur teilweise gelingt. Denn auch wenn er ganz bewusst seinem Affen das ein oder andere Zuckerl vorenthält, so bleiben doch genügend Didi-Markenzeichen übrig: die nachgeschobenen "öhs" ("Ich … öh"), das kalkulierte Verhaspeln und Vernuscheln, das gelegentliche Hochziehen der Stimme am Wortende und überhaupt die unverkennbaren Satzmelodien. Es ist nicht immer einfach, den Brémont hinter dem Didi zu erkennen – was vielleicht nicht nur ein Problem Hallervordens, sondern auch eines der Zuschauer ist.

Rasseln, raufen, rühren
Brémont jedenfalls ist eine der beiden Figuren aus dem Stück "Die Socken Opus 124" des Franzosen Daniel Colas, das nun am Schlossparktheater in der Regie von Katharina Thalbach zur deutschen Erstaufführung kam und das nicht viel mehr ist als eine Variation der unverwüstlichen "Sonny Boys" von Neil Simon – mit philosophischem Gerüst, versteht sich.

Verdier und Brémont sind abgehalfterte Schauspieler, die es noch einmal wissen wollen (insofern ist das Stück für eine Wiedereröffnung bestens geeignet). Sie versuchen gemeinsam eine leicht bizarr anmutende Mischung aus Rezitationsabend und Performance zu erarbeiten, immer wieder scheitern sie jedoch an ihren reißbrettartig einander entgegengesetzten Charakteren: Brémont ist ein Mime ältesten Schlags, eitel, stockkonservativ, immer korrekt gekleidet; Verdier hingegen ist ein halbwegs experimentierfreudig gesinnter Intellektueller in Cordhosen und Schlabberpulli. Und ein Möchtegern-Regisseur – was der Aufführung ein paar markige Sprüche wider das Regietheater ermöglicht, wie gesagt: die Zeit dazu ist ja günstig.

Die Grundstruktur des Abends wiederholt sich ermüdend oft: Die beiden Akteure rasseln aneinander, und dann raufen sie sich wieder zusammen. Dazwischen legen sie klischeebeladene Lebensbeichten ab, in denen Einsamkeit, Reue und Sehnsucht ein paar rührselige Saiten zum Schwingen bringen – und die dem jeweils Anderen Munition für neue gehässige Angriffe liefern. Zum kitschigen (philosophischen?) Ende hin finden Brémont und Verdier dann aber über die Gegensätze hinweg doch noch zu einem Modus vivendi und sogar zu so etwas wie Freundschaft.

Lizenz zum Grinsen
Schauspieler, die Schauspieler spielen – das ist natürlich immer Schauspielerfutter. Und es mag reizvoll sein, sich auszumalen, wie vielleicht Bernhard Minetti und Martin Held (zwei unvergessene "Sonny Boys") das Stück gerettet hätten. Oder Gert Voss und Ignaz Kirchner. Oder Herbert Fritsch und Henry Hübchen. Oder, oder, oder …
Bei Dieter Hallervorden und Ilja Richter (der den Verdier gibt) aber sitzen die Pointen so fest im Sattel, dass sie weder Kapriolen schlagen können noch einen tieferen Blick auf die Nöte der Figuren gestatten. Die große Angst Brémonts etwa, sich lächerlich zu machen, wird von der Lust konterkariert, mit der Hallervorden die Figur in die Lächerlichkeit führt – der Glaubwürdigkeit erweist das keinen Dienst. Und wenn sich Hallervorden und Richter Boshaftigkeiten an den Kopf werfen, dann ist da nichts Böses: Denn die Lizenz zum Grinsen wird immer schon miterteilt.

Das alles ist aber überhaupt nicht schlimm, denn das Publikum (das sich am Premierenabend aus dem Bundespräsidenten Horst Köhler und dem offenbar komplett versammelten alten West-Berlin zusammensetzte) ist solchen harmlosen Vergnügungen ja gar nicht abgeneigt – der kurze, aber heftige Applaus am Ende zeigte das deutlich. Aber zu dem richtigen Etikett sollte man dann schon stehen: Das ist Boulevardtheater. Und da erwartet man keine Sauna. Aber auch keinen Hamlet und keine Ophelia.

 

Die Socken Opus 124
von Daniel Colas, aus dem Französischen von Dorothea Renckhoff und Fedora Wesseler
Deutsche Erstaufführung / Koproduktion des Schlosspark Theaters Berlin mit dem Anhaltischen Theater Dessau
Regie: Katharina Thalbach, Bühne: Momme Röhrbein, Kostüm: Angelika Rieck, Musik: Emmanuel Herschon.
Mit: Dieter Hallervorden, Ilja Richter.

www.schlossparktheater.de

 

Kritikenrundschau

Im Berliner Tagesspiegel (4.9.) stellt sich Udo Badelt am Ende seiner Kritik die Frage, "was eigentlich so schlimm wäre an einer Sauna", in der Dieter Hallervorden, wie er bei der Eröffnung seines Schlossparktheaters programmatisch betont hatte, Stücke auf keinen Fall spielen lassen wolle. Denn in Ablehnung des sogenannten Regietheaters habe er mit der Eröffnungsinszenierung von Katharina Thalbach nun "unabsichtlich" gerade die Art von Theater geboten, gegen die die Regietheaterregisseure einst "zu Felde gezogen" seien. Zwar hole Ilja Richter aus der "vorhersehbaren Nummernrevue" von Daniel Colas "anrührend" "viel heraus", und auch Dieter Hallervorden als sein Partner sei ein "herrlich zynischer Kotzbrocken". Aber "insgesamt hätte man doch mehr erwartet".

Auch Irene Bazinger fühlte sich von der "feierlichen Wiedereröffnung der renommierten Einrichtung" eher "an ein mittelprächtiges Stadtteilfest" erinnert, wie sie in der Berliner Zeitung (4.9.) schreibt: "Das entschieden unglamouröse Publikum lief sommerlich leger auf, vor dem Gebäude betrieb die CDU mit Freibier Wahlkampf, während der SPD-Tisch gänzlich im Schatten blieb." Auch die prominente Begrüßungsplauderrunde sei leider recht "uncharmant" gewesen, und die Inszenierung schließlich eine "recht biedere Theater-auf-dem-Theater"-Veranstaltung: Thalbachs "langatmige und betuliche" Regie hätte "Colas' labberigen 'Socken' keine Beine" gemacht. Trotzdem hätte das Publikum, darunter auch der Bundespräsident, "heftig" applaudiert – "hauptsächlich wohl, weil das geschichtsträchtige Theater wieder in Betrieb ist. Und das war für den Anfang schließlich das Wichtigste."

Im Interview ist Dieter Hallervorden auf Deutschlandradio Kultur (1.9.2009) selbst zu hören.