Du bist Theater

von Simone Kaempf

Hamburg, 3. September 2009. Es gab also die singende Grundschulklasse, womöglich wars eine 2 b, die plattdeutsche Kleindarstellerin namens Frau Petersen, eine jugendliche Ausdruckstänzerin, eine verführerische Frau im geschlitzten schwarzen Kleid, ein Mann mit Schirmmütze, der in mehreren Sprachen deklamierte, eine lateinamerikanische Einwanderin, die "Schein oder Nicht-Schein" fragte, drei Schwarze, zwei Rollstuhlfahrer, zwei Seniorinnen, noch mehr Schulklassen, zwei Aktionsgruppen mit gesellschaftsrelevanter Botschaft. Eine repräsentative städtische Mischung eigentlich, wären da nicht auch noch die Clowns, plattdeutschen Bauerntölpel und Marlene-Jaschke-Verschnitte, von denen im Laufe des Abends etliche auftauchten und die dem Ganzen doch kaum Buntes verleihen konnten.

"2beornot2be" heißt das Projekt, mit dem Joachim Lux seine erste Spielzeit als Intendant des Thalia Theaters eröffnete. 240 Hamburger, einzeln und in Gruppen, sind seiner Einladung gefolgt, sich in insgesamt 80 Auftritten jeweils 150 Sekunden lang auf die Bühne zu stellen und einmal selbst den Hamlet-Monolog zu interpretieren. Lux und sein leitender Regisseur Luk Perceval machen den Anfang. "Wir wollen das Theater der Stadt zurückgeben", so präsentieren sie die Grundidee und erinnern an die existenzielle Frage, um die es in "Sein oder Nichtsein" geht: Soll man die Tücken des Schicksals akzeptieren oder seine Waffen dagegen erheben?

Tanzen, singen, sich den Text auf den Körper malen...

Dann geht es los: die Shakespeare-Sätze werden zu "Je ne regrette rien" gesungen, Gymnasiastinnen präsentieren den Text als Jazzdance-Choreografie. Ein erster Höhepunkt ist ein Zauberer mit Harry-Potter-Umhang, der seine Assistentin namens Ophelia in den Kasten sperrt. Der Tiefpunkt sind zwei Clowns, die mit aufblasbaren Planschbecken das Sitzfleisch der Zuschauer strapazieren – interessant, wie unterschiedlich lang sich zweieinhalb Minuten im Theater anfühlen können.

Formal probieren sich die Laien in allen Disziplinen aus, die das Theater zu bieten hat: tanzen, singen, chorisch sprechen, sich den Text auf den Körper malen. Sie steigen über die Sitzreihen von der Bühne in den Zuschauerraum. Oder halten schweigend den Blicken, den Zwischenrufen und dem Gemurmel aus dem Publikum stand. Sie machen das teilweise richtig gut. In ihrer Lust, sich auf die Bühne zu stellen, sind sie alle Sympathieträger. Und doch springt der Funke dessen, wovon hier erzählt werden soll, selten über.

Alles bleibt im Ruch des Kleinkunsthaften, und daran trägt das Theater seinen Teil der Schuld. Nicht nur, weil der rote Samtvorhang, der als Einheitsbühnenbild gewählt wurde, diesen Effekt noch verstärkt. Luk Perceval zeichnet für Idee und Konzept verantwortlich, aber geprobt hat jeder der Laien für sich, ohne eingeschworen, animiert oder geleitet zu werden. Vielleicht haben sich Perceval und Lux etwas Rohes, Authentisches erhofft, das sich mit der Selbstdarstellung schon ergeben werde.

Jeder ist hier sein eigenes Produkt

Und Selbstdarstellungen sind das natürlich. Jeder, der hier mitmacht, signiert sein eigenes Produkt, aber der in Theaterworkshops gestählte Wille zum Theaterspiel, den die Laien mitbringen, überdeckt den Inhalt mehr als dass er ihn freilegt. In diesem Sinne ist der Abend eine Geste an das Publikum, dass es um sie gehen soll. Jeder, der sich angemeldet hatte, durfte am Ende auch auf die Bühne. Die Geste zählt. Mehr nicht.

Der interessanteste Moment war der, als eine Gruppe den Auftritt nutzte, um noch einmal auf die Besetzung des Hamburger Gänge-Viertels hinzuweisen. Zur Erinnerung: Selten hat eine Hausbesetzung soviel Zustimmung gefunden wie diese. Die Hamburger Politik, die Wirtschaft, ja selbst die Bild-Zeitung ist dafür, das leerstehende Altbauensemble in der Innenstadt dauerhaft den Künstlern zu öffnen. Als eine Hausbesetzer-Abordnung nun aber auf der Bühne des Thalia auftauchte, sich dabei ziemlich unorganisiert anstellte und den Rahmen von 150 Sekunden um ein Vielfaches sprengte, wurde sie mit einem kräftigen Buh von den Zuschauern gestoppt, die im Saal damit selbst für die Einhaltung des formalen Rahmen sorgten.

Der ironischste Moment war wiederum der, als zwei der acht Musiker, die den Abend musikalisch einrahmten, in Songwriter-Manier ein Lied vortrugen, dessen Text sich als Joachims Lux gekürzten Leitartikel aus dem Spielzeitheft entpuppte. Man muss die Satzbrocken "Liebes Publikum", "Welt, in der wir leben", "Elfriede Jelinek" nur eine Oktave höher ziehen, um ihre Bedeutung zu verändern. Eine kleine Lektion, wie subtil Form und Inhalt zusammenhängen. Mehr davon hoffentlich heute Abend, wenn es mit Luk Percevals Inszenierung "The Truth about the Kennedys" richtig losgeht am Thalia Theater. Geformt, inszeniert, mit guten Schauspielern – danach gieren nach vier Stunden Thalia-Eröffnung alle Sinne.


2beornot2be
Idee und Konzept: Luk Perceval, Bühne: Annette Kurz. Mit: 240 Hamburgern, acht Musikern.

www.thalia-theater.de

Mehr über den Neustart am Thalia Theater erfahren Sie im Überblick nach der Pressekonferenz im April.

Kritikenrundschau

Einen ungewöhnlichen und originellen Start in den nun folgenden Premieren-Marathon in der ersten Spielzeit des neuen Intendanten Joachim Lux lobt das Hamburger Abendblatt (5.9.).

Die taz-Hamburg (5.9.) reibt sich zunächst irritiert die Augen und fragt: "War das nun gelungen oder peinlich?" um schließlich zu einem positven Ergebnis zu kommen: "Denn dies ist ein Verdienst dieses Abends: dem Publikum einen so permanenten Perspektivwechsel abzuverlangen, dass man das Kritteln und Kriteriensuchen irgendwann aufgab und schlicht die Vielfalt genoss."

"Vier Stunden bunter Bühnenvielfalt zwischen größter Albernheit und tiefem Ernst schließlich gibt die Hamburger Morgenpost (5.9.) zu Protokoll.Von einer "besonders subtilen Form der Folter" für alle, die keine Angehörigen oder Freunde auf der Bühne hatten, spricht Volker Corsten in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (6.9.), einem "vierstündigen 'Sein-oder-Nichtsein'-Laienspiel, welches man als grundsympathisch und eine nette Geste empfinden könne oder auch nicht.

In seinem Text über die drei ersten Abende am Thalia Theater schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (8.9.): "Gerahmt wurde dieser verunglückte Kraftakt (Percevals Kennedy-Abend) durch zwei Projekte, die für die Öffnung des Thalia-Theaters zu neuen Formen stehen sollen. '2beornot2be', eine vierstündige Casting-Show für Selbstdarsteller, Schüler und Aktivisten, aber leider ohne Jury mit Gong, sollte als große einladende Geste an die Stadt verstanden werden. Spätestens, als der vierte Hobby-Hamlet zu seinem Monolog ansetzte, um zu beweisen, dass jeder blinde Dackel mit wedelndem Schwanz ein Künstler ist, verließen jene langsam den Saal, die sich für Theater interessieren."


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