Woyzeck reloaded

von Eva Maria Klinger

Wien, 6. September 2009. "Das bin ich doch, ich bin das, der Verlierer. Kein Vater keine Mutter keine Wohnung keine Arbeit kein Geld", so stellt sich Adam Geist dem Publikum vor. Eine nicht gerade Erfolg versprechende Ausgangssituation für einen Jungen, der Sinn und Ordnung in sein Leben bringen möchte. Er wird erfahren, dass einer, der einmal draußen ist, für immer draußen bleiben muss. Unweigerlich wird er zum Mörder.

Die deutsche Erfolgsdramatikerin Dea Loher übersetzte mit der Passionsgeschichte eines Entwurzelten, den die Gesellschaft ausgespieen hat, das Woyzeck-Thema in unsere Zeit. Regisseur David Bösch, der vor zwei Jahren bereits eine viel beachtete Version der Büchner'schen Vorlage in Essen inszenierte, hat das Stück am Wiener Akademietheater entkernt, von Chören befreit und den Schluss geändert. Sein Adam Geist wird sich am Ende nicht erschießen, sondern auf die Anerkennung seines Gnadengesuchs hoffen.

Bösch nähert sich diesem modernen Woyzeck mit Empathie, hält ihn in Umkehrung des Mephisto-Wortes, für einen, der stets das Gute will und stets das Böse schafft. In Sven Dolinski hat Bösch den idealen Interpreten gefunden, einen sanften, hübschen Jungen mit samtiger Stimme, der kein Rabauke ist, ein gutgläubiger Tor viel eher.

Ohne Hilfe chancenlos

In dem erschütternden, beklemmenden, knapp zweistündigen Stationendrama verdingt sich Adam Geist zunächst als Dealer, doch findet er sich im zwielichtigen Geschäft nicht zurecht. Am Grab der Mutter trifft er ein Mädchen, zu dem er sich hingezogen fühlt. Trotzdem stößt er ihr das Messer in den Leib, weil ihn ihr hysterisches Schreien aus der Fassung bringt.

Ein Indianer, der "zu ungeschickt ist, einen Büffel zu töten" und eigentlich Karl Oberreitmeier heißt, wird sein Freund. Bei der Feuerwehr wird Adam mit dem "Brandstifterergreifungsorden" ausgezeichnet. Nach dem plötzlichen Tod des Indianers findet man Adam bei der Fremdenlegion. Er hält den Drill der Kriegsverherrlicher nicht aus und desertiert. Dem Werben von Skinheads gibt er kurzfristig nach, dann erkennt er deren Ziele und verlässt die Truppe. Im Jugoslawienkrieg erlebt er rohe Gewalt und sinnloses Morden. Wie Parsifal steht er daneben und tötet einen brutalen Killer, um das Leben eines Kindes zu retten.

Sein eigenes Leben wird er wohl nicht mehr retten können, ein Gnadengesuch an den Bundespräsidenten bleibt eine vage Hoffnung. Dea Loher stellt die Schuldfrage nicht, sie zeigt auf. Ein Chancenloser bleibt ohne Hilfe chancenlos.

Brecht plus Tarantino

Patrick Bannwart hat eine schwarze, schräg ansteigende Scheibe auf den Bühnenboden gesetzt, mit weißer Kreide auf schwarze Vorhänge Worte, Zeichen und Symbolfiguren gemalt.

Regisseur David Bösch bedient sich spielerisch verschiedener Stile. Er mischt epische Elemente des Brecht-Theaters mit brutalen Szenen à la Quentin Tarantino und kann dabei wahrhaft poetisch vom Unglück eines Ausgestoßenen erzählen. Neben dem fabelhaften Hauptdarsteller agiert ein nicht ganz homogenes Ensemble, aus dem André Meyer herausragt. Er ist der bedrohliche Exponent des Abschaums, der es anderen unmöglich macht, den geraden Weg zu gehen.

Auch der dritte Abend der neuen Burgtheaterdirektion wurde heftig akklamiert. Das Wiener Publikum befindet sich in freudiger Aufbruchstimmung.

 

Adam Geist (ÖEA)
von Dea Loher
Regie: David Bösch, Bühne und Kostüme: Patrick Bannwart, Musik: Karsten Riedel, Licht: Felix Dreyer. Mit: Sven Dolinski, Sarah Viktoria Frick, Johannes Krisch, André Meyer, Branko Samarovski, Bernhard Mendel/Emil Puchner.

www.burgtheater.at

 


Mehr zu David Bösch? Manch einer vermisste seinen Essener Woyzeck (Oktober 2007) beim Theatertreffen 2008. In Essen inszenierte er auch Antigone (März 2008) und Was ihr wollt (Oktober 2008), in Zürich A Clockwork Orange (Mai 2008).

Mehr über Dea Loher, die 1998 für "Adam Geist" und 2008 für "Das letzte Feuer" mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde, auf unserer Mülheim-Seite nachtkritik-stuecke08.de. Zum Beispiel im Porträt der Autorin.

 

Kritikenrundschau

Im österreichischen Standard (Printausgabe 8.9.), zeigt sich Ronald Pohl von Böschs Inszenierung enttäuscht. Der Regisseur lasse Lohers "untröstlichem Menschenkind" das Schlimmste angedeihen, was einer Loher-Figur passieren könne: "Bösch hat Adam lieb." – "Loher, die knallharte Bayerin, ist bei Franz Xaver Kroetz in die Schule gegangen. Sie hat die Bibelzitate in Büchners Woyzeck studiert, und sie hat (...) ein schönes Echo auf Bertolt Brechts Balladendramaturgie eingearbeitet." Davon bleibe nichts übrig. Bösch biete gefühliges "Episodentheater" statt sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wer dieser "Adam Geist" eigentlich sei. "'Kein Engel, aber auch kein Killer', sagt die Projektion an der Wand über Adam. Man hätte lieber die Aufführung mit der Beweisführung betraut gewusst."

Barbara Petsch
von der Wiener Presse (Printgausgabe 8.9.) indessen hält das Stück für nicht so gut, lobt dagegen sehr die Inszenierung. Die Figuren redeten wie bei Horváth, die Geschichte sei hart, aber nicht so wie eine von Koltès und der Text insgesamt nicht so gut wie "die lakonischen Geschichten eines Simon Stephens". "'Adam Geist' wirkt letztlich wie ein flott gemachtes Stückchen aus den heute so beliebten Dramenwerkstätten, wo alles zusammengemischt wird, was wirkt." Sehr passend sei in der Wiener Aufführung die Scheibe auf der Bühne von Patrick Bannwart – "denn die Message dieses Stückes lautet: Die Erde ist eine Scheibe, und jederzeit kann jeder herunterfallen – ins Nichts". Gespielt werde jedoch "hinreißend", besonders von Sarah Viktoria Frick, die etwa im blitzartigen Wechsel in alle Anfangsrollen schlüpfe. Regielich bleibe vieles in der Schwebe, "aber der Zeitgeist weht wild und bunt".

Im Eröffnungsmenü, das Matthias Hartmann dem Burg-Publkum servierte, ordnet Egbert Tholl "Adam Geist" in der Süddeutschen Zeitung (9.9.) als "Faschiertes" vor der Süßspeise ein. "Wildes Schauspielertheater", das auch gebraucht werde in einem Haus, das allen etwas bieten will. David Bösch "ist der Herzausreißer unter den 30-jährigen Regisseuren, er kümmert sich um Gefühle, (...) ihm sind die Menschen auf der Bühne wichtiger als die Politik." Und so werden im Laufe der Inszenierung auch nie die Verhältnisse unter Verdacht gestellt, sondern es sei immer Adam, der die "Schuld" an seinem Schicksal trage. "Das ist fast so biblisch gemeint wie es klingt, weil keine Antwort etwas taugt." Gespielt werde beeindruckend – großer, böser, guter "Zirkus", insbesondere wenn Sarah Viktoria Frick im Alleingang die "Familienhölle am Bett von Adams toter Mutter" keife, girre und durchpflüge.

Für Martin Lhotzky (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.9.) sind es "zu viele Episoden, um das Elend der ganzen Welt zu erklären". "Gnädig" kürze Bösch deshalb mehr als ein Drittel der "wirren Handlung" – und streiche "doch zu viel". Es werde damit nicht "so recht klar, warum der Rest doch gezeigt wird". Der Titelheld wird so "zum Zuschauer des eigenen Lebens degradiert". Denn in der "klein gehaltenen Besetzung" dominieren seine Mitspieler "alles". Die "großartige" Sarah Viktoria Frick "kriegt selbst als stummes Geistermädchen mehr Aufmerksamkeit als Adam". Böschs Inszenierung kommt deshalb "kaum in die Gänge", es bleibt "das Gefühl, da fehle etwas Entscheidendes".

 
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