Fausts Taumel durch die Welt

von Rainer Petto

Saarbrücken, 12. September 2009. "Faust", zumal der ganze, ist Chefsache. So war es soeben bei der Saisoneröffnung am Wiener Burgtheater, so ist es jetzt beim Saarländischen Staatstheater, und Generalintendantin Dagmar Schlingmann hat sich viel vorgenommen für diese Saarbrücker Fassung von "Faust I" und "Faust II". Schlank wird ihr "Faust" sein, hat sie vorab versprochen, und trotzdem soll "alles drin" sein, und "klar und verständlich" sein, und dennoch "eine gewisse Üppigkeit" besitzen. Und vor allem soll gerade der zweite Teil als ein Stoff erlebbar werden, der "uns näher kommt" als der erste. Man durfte gespannt sein.

 

Es ging tatsächlich ohne Umschweife zur Sache. Keine Zueignung, kein Vorspiel auf dem Theater, kein Prolog im Himmel. Sondern gleich Faust mit seinem "Habe nun, ach!". Ein frustrierter Gelehrter mit Brille, langweiliger Krawatte und schlecht sitzender grauer Weste, allein mit seinem Monolog vor einem glutroten Vorhang. Kein Wagner, kein Osterspaziergang. Bei der Pudel-Szene schließlich reißt Faust den mächtigen Vorhang herunter, und als er sich endlich wieder unter ihm hervorgewühlt hat, tritt auch Mephisto zu Tage.

Trommelfeuer der Sinneseindrücke
Mephisto ist ein androgynes Kasperle mit rotem Kurzhaar, weiß geschminktem Gesicht und schwarzer Kleidung. Er und Faust, zwei junge Männer von ähnlicher Statur, wie ein Paar von Brüdern – oder wie zwei Seiten derselben Person? Hinter dem Vorhang ist eine Treppe sichtbar geworden, breit wie die Bühne und mit hohen Stufen. Rechts und links begrenzt von mächtigen Quadern, bleibt uns diese Treppe bis zum Ende, also auch den ganzen "Faust II" hindurch, erhalten.

Gretchens Zimmer wird von der Treppe mit einem luftigen Vorhang mit Blumenmotiven abgetrennt, unter dem frivol ein großer Bettzipfel hervorlugt. Die Stufen werden mit wechselnden Farben illuminiert, statt der Szene in Auerbachs Keller flackern hier bewegte Bilder eines Amüsierviertels. Weitere sinnliche Akzente setzt raffiniert die von Alexandra Holtsch eigens für diese Inszenierung komponierte elektronische Musik, ein Gretchenmotiv beispielsweise aus sanften Gitarrenklängen.

Das Trommelfeuer der Sinneseindrücke bei Fausts Taumel durch die Welt wird ganz zurück gefahren für die Begegnung von Faust und Gretchen. Hier gelingen Szenen von großer Intimität, auch dank Natalie Hanslik, einer Neuen im Saarbrücker Ensemble, die der Gretchen-Rolle wirklich bezaubernde Nuancen verleiht. Einen deutlichen Akzent setzt auch Boris Pietschs schillernder Mephisto, allein schon seine metallische Stimme öffnet Abgründe von Bosheit und Ironie. Nur Georg Mitterstielers Faust ist viel zu eindimensional angelegt. Nach genau anderthalb Stunden ist der erste Teil durch, schlank in der Tat, nicht langweilig, es hat schöne Bilder gegeben, in die Pause nimmt man den unbestimmten Eindruck von modernem Theater mit, aber keine neuen Einsichten.

Neoliberale Unglücksfigur Faust
Auch Teil II ist konsequent verschlankt, von allem mythologischen Tiefsinn befreit. Wir erleben, wie der Kaiser mit Hilfe des Duos Faust-Mephisto Finanzprobleme durch den Druck von Papiergeld löst, und damit wir den Zusammenhang zur aktuellen Finanzkrise nicht übersehen, fallen Namen wie Ackermann, Opel und Schiesser. Die Helena-Episode ist zunächst eine Kino-Projektion mit Blondine, um dann in eine Art Second Life überzugehen.

Doch von da an sind dem Inszenierungsteam die Bildideen ausgegangen, es wird jetzt sehr viel geredet auf den Treppenstufen, den Krieg erleben wir als Mauerschau, für die Warmsanierung des Anwesens von Philemon und Baucis muss ein roter Lichtschimmer genügen, und Fausts Landgewinnungs-Projekt und Tod sind ganz karge Angelegenheiten. In seiner Interpretation folgt dieser zweite Teil dem vor einem Jahr erschienenen viel beachteten Essay von Michael Jaeger über den "Global Player Faust". Faust ist demzufolge kein positives Vorbild mehr als tatkräftig-selbstbewusster Optimist, sondern "eine veritable Unglücksfigur, die die Negation der gesamten Philosophie Goethes und all seiner Zivilisationsideale personifiziert".

Dagmar Schlingmann hat das ausdrücklich noch einmal zugespitzt auf die aktuelle Finanzkrise, Faust scheitert als Unternehmertypus von neoliberalem Geiste. Aber auch die stringente Interpretation ersetzt keine Dramaturgie, mehr als eine nummernartige Vorführung illustrierter Thesen ist nicht herausgekommen.

Natürlich ist es frappierend, wenn einem gezeigt wird, welche heutigen Erkenntnisse von Goethe schon vorausgeahnt wurden. Wir wissen jetzt also mehr über Goethe. Aber mehr über die Welt wissen wir nicht.

 

Faust I und II
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Dagmar Schlingmann, Bühnenbild: Sabine Mader, Kostüme: Jessica Karge, Musik: Alexandra Holtsch, Video: Florian Penner, Henry Marek Hilge.
Mit: Georg Mitterstieler, Boris Pietsch, Natalie Hanslik, Saskia Petzold, Melanie von Sass, Johannes Quester, Pit-Jan Lößer, Klaus Meininger, Andreas Anke, Katrin Aebischer.

www.theater-saarbruecken.de


Mehr lesen? Goethes Faust scheint das Stück zur gegenwärtigen (Sinn- und Finanz)Krise zu sein. Matthias Hartmann eröffnete seine Burgtheaterintendanz 2009 ebenfalls mit Goethes Faust – der Tragödie erster und zweiter Teil. Beim Internationalen Theaterfestival in Edinburg war 2009 eine Inszenierung des Goethe-Klassikers durch den rumänischen Theatermacher Silviu Purcarete zu Gast.

 

Kritikenrundschau

In Dagmar Schlingmanns "Faust" am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken gehe es nicht "um szenische Entfaltung, sondern um die Essenz des Stoffes", schreibt Cathrin Elss-Seringhaus in der Saarbrücker Zeitung (14.9.). Schon der Faust-Darsteller Georg Mitterstieler monologisiere nicht in "enger gotischer Stube", sondern lediglich vor rotem Vorhang, und so "Requisiten-arm und Stimmungs-reduziert, so radikal Hauptpersonen-zentriert wird sich dieser erstaunliche Abend fortsetzen". Das Einheitsbühnenbild von Sabine Mader stütze "Schlingmanns Ansatz einer 'abstrakten' Reise durch Gedankenräume und Bewusstseins-Zustände. Die verläuft skizzenhaft, aber ohne Banalisierung und Aktualisierungs-Firlefänzchen." Auf diese Art gelinge "das Überraschende: Kurzweiligkeit. Wir absolvieren Faust im Laufschritt - und finden's wunderbar." Denn "die Spots, die Schlingmann aufs Monumentalgemälde richtet, erzielen – meist – Erhellung und Glanz."

 

 
Kommentar schreiben