Bestes Geschlechterkriegstrauma

von Regine Müller

Düsseldorf, 17. September 2009. Minna reist mit großem Gepäck. Als ginge sie auf eine Weltreise, sind ihre verbeulten, kunstledernen Koffer, wie sie in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts aus der Mode kamen, bis obenhin voll gestopft. Minna sucht ihren verschollenen Geliebten und ist schon am Ziel, als sie zu Beginn die Koffer mit ihrer Zofe Franziska mühsam auf die schräg ansteigende Bühne wuchtet. Denn sie ist im gleichen schäbigen Gasthof abgestiegen wie ihr Major von Tellheim, sie weiß es nur noch nicht.

Dort hat zuvor, angelehnt an eine mit gigantischen Tapetenblumen bemalte, leicht nach hinten kippende Holzwand, der Wirt, in Selbstgespräche vertieft auf Kundschaft gewartet. "Ich bin soooo gut drauf", plappert Fritz Schediwy in seine Kaffeetasse hinein und blickt nur beiläufig auf, als Minna mit ihrer Zofe um ein Zimmer bittet. Die Zeiten sind hart, der Krieg ist vorbei, die Karten werden neu gemischt. Lessings 'ernstes Lustspiel', entstanden nach dem Siebenjährigen Krieg, spielt im Düsseldorfer Schauspielhaus in der Regie der Hausherrin Amélie Niermeyer in zeitloser Gegenwart. Denn es geht um das Geschlechterverhältnis, um Gleichheit, um Ehre und um das gesellschaftliche Äquivalent des Wertes schlechthin: um Geld.

Bislang dichteste Arbeit dort
Auch das Düsseldorfer Schauspielhaus kreist in dieser Saison um die Finanzkrise und die Sogkräfte des Mammon. Nachdem die Eröffnungspremiere mit John von Düffels Bühnenadaption von Émile Zolas Spekulanten-Roman "Das Geld" am vergangenen Wochenende ein eher zäher Absturz ins wohlfeile Klischee blieb, glückt Niermeyer mit Lessings "Minna" ihre bislang dichteste Regiearbeit dort. Im ersten Teil vor der Pause des knapp zweieinhalbstündigen Abends droht das Lustspiel noch stellenweise in den Nummern-Klamauk zu kippen, doch Niermeyer kriegt die Kurve wieder und erzählt den Kampf der für Lessings Zeiten erstaunlich ebenbürtigen Geschlechter schnörkellos und gradlinig, in besonnenem, doch niemals lahmenden Tempo.

Besonders im zweiten Teil gewinnen vor allem die Hauptfiguren Profil und Tiefe. War Katrin Rövers Minna zuerst noch ein leicht verhuschtes, zur Albernheit neigendes Mädchen, wächst sie dann doch unversehens zur selbstbewussten, energischen Frau, der sogar die leise Selbstironie gelingt. Stefan Kaminsky gibt den verarmten und sich seiner Ehre beraubt wähnenden Tellheim mit Wollmütze und Kapuzenpulli anfangs als verwirrten, kriegstraumatisierten Schlaffi, bevor sein Ehrenkorsett ihn zu zitterndem Stolz wachsen lässt. Dann läuft er zu großer Form auf und kämpft sich rasend immer wieder die Bühnenschräge herauf, um gegen die vermeintliche Schmach seiner Entehrung und die verbaute Liebe zu Minna anzurennen.

Mit listigen Igelaugen
Von fein gezeichneter Komik ist auch das Buffopaar: Claudia Hübbecker spielt die Zofe Franziska mit abgeklärt bodenständigem, doch niemals groben Charme, verdreht dezent die Augen, stakst hurtig hin und her und hat die Lage weitgehend im Griff. Thiemo Schwarz gibt dem Wachmeister herrlich verdruckste Verklemmung und lässt in ehrpusseliger Unterwerfung auch gefährlich Böses aufblitzen. Furios der kurze Auftritt von Thomas Büchel als Riccaut de la Marlinière. So schmuddelig wie sein weißes Sakko gibt Fritz Schediwy den Wirt als abgewirtschafteten Conferencier, der die Fäden in der Hand hält und mit listigen Igelaugen alles beobachtet. Alert und geschäftstüchtig schnarrt er vor sich hin und bekommt bei Niermeyer auch das letzte Wort, das bei Lessing eigentlich dem Wachtmeister gehört: Nachdem das Buffopaar sich gefunden hat, prophezeit er: "Über zehn Jahr' ist Sie Frau Generalin oder Witwe!"

 

Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Amélie Niermeyer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Kirsten Dephoff, Musik: Henning Beckmann/Cornelius Borgolte. Mit: Katrin Röver, Claudia Hübbecker, Stefan Kaminsky, Michael Schütz, Thiemo Schwarz, Fritz Schediwy, Thomas Büchel.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Eine weitere Minna von Barnhelm inszenierte etwa Karin Henkel im Oktober 2007 in Hamburg. Mehr von und über Amélie Niermeyer lesen Sie in der Kritik zu ihrer Black Box-Inszenierung im März 2009 und ihrem Rückblick auf das Jahr 2008 für nachtkritik.de.

 

Kritikenrundschau

"Amélie Niermeyers Minna ist ein respektables Stück Regietheater (falls man sowas nicht grundsätzlich zu Teufelszeug erklärt)," befindet Gudrun Nobisrath im WAZ-Online Portal Der Westen (19.9.). Sie krempele "Lessing auf links" und das Bühnenbild mache eindrucksvoll mit: "Wände zeigen ihre Rückseite oder werden um ihre Achse gedreht, und man erkennt, dass sie eine andere Dimension haben als gedacht." So wird für die Kritikerin "sinnlich illustriert", was das Stück erzählt: "wie Dinge sich verändern unter neuen Blickwinkeln, wie Liebe an Vernunft gemessen wird und der Edelmut des Major Tellheim kleingeistig, selbstverliebt und inhuman wird." Das sei ziemlich stark und könne vor Lessing unbedingt bestehen.

 

 
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