Der letzte Sommer im Damenschneiderparadies

von Matthias Schmidt

Dresden, 20. September 2009. Als der Schriftsteller Ingo Schulze im Kleinen Haus des Staatsschauspiels zum Schlussapplaus auf die Bühne geholt wird, bleibt er etwas distanziert am Rande stehen, applaudiert kurz dem Inszenierungsteam und setzt sich zügig wieder in die erste Reihe. Wer ihn kennt oder zumindest gelesen hat, weiß, dass Schulze nicht der Typ für wilde Freudentänze ist, und doch schien dies mehr als nur angeborene Zurückhaltung zu sein. Wie viele der Zuschauer schien er sich spontan nicht im Klaren darüber zu sein, wie er die für die Bühne eingerichtete Fassung seines Romans "Adam und Evelyn" finden soll.

Der Roman erzählt von den Wirrungen jenes legendären Sommers 1989, in dem viele DDR-Bürger vor Entscheidungen standen, die letztlich zu groß für sie waren. Wer aus dem Ungarnurlaub zurückkehrte, hatte seine vermeintlich große Chance vertan. Wer den anderen Weg ging, also über Österreich gen Westen floh, musste dabei buchstäblich alles hinter sich lassen, um bald darauf zu erfahren, dass die Mauer-Öffnung diesen "Neubeginn mit Handgepäck" rückwirkend sinnlos machte.

Die Vertreibung aus der DDR

Ingo Schulze versucht diesen Irrsinn an den Erlebnissen von Adam und Evelyn zu schildern. Das liest sich gut, weil es den angenehmen Schulze-Humor hat. Die große Metaphorik der Vertreibung aus dem Paradies aber, nun ja, sie bleibt ein literarisches Konstrukt, das auf der Theaterbühne noch ein bisschen angeschaffter wirkt als zwischen den Buchdeckeln.

Adam ist Damen-Maßschneider, und die Damen der in Modefragen eher problematischen späten DDR liegen ihm dafür zu Füßen. Gelegentlich auch mehr, wie Adams Freundin Evelyn eines Tages feststellen muss. Adam hat Sex mit den Damen, denen er, so Evelyn, "die Ärsche besser verkleinert als jeder Chirurg." Worauf sie sich von ihm trennt und nach Ungarn reist, eine Flucht in den Westen nicht ausschließend. Adam folgt ihr mit seinem alten Wartburg, allerdings nur, um sie zurückzuholen: zu sich und in die DDR. Enden wird das Abenteuer für beide im Westen, doch wie genau es dazu kommt, ist zu viel für diese Seite – und eigentlich auch zuviel für einen Theaterabend.

Zwischen Charakter und Karikatur
Die wohl größte Tücke umgehen die Dresdner souverän: sie versuchen gar nicht erst, den Sommer 1989 gegenständlich auf die Bühne zu stellen: keine Trabbis, keine DDR-Grenzer, keine Kraxen und Zelte. Stattdessen sehen wir eine nüchtern leere Bühne als Spielwiese für alle Handlungsorte – von Adams Atelier über den Balaton-Strand bis zum bayerischen Gasthof. Auch dass die Fassung von Dramaturg Jens Groß auf die Chronologie der Erzählung verzichtet und mutig zwischen Orten und Zeiten hin- und herspringt, tut dem Abend gut, weil es die eigentlich ja mehrere Wochen andauernde Handlung komprimiert.

Ein Abend, der wie die Romanvorlage darauf setzt, dass der historische Abstand groß genug für Ironie ist: im Spiel mit den Klischees wird kräftig zugelangt – von der größeren sexuellen Natürlichkeit der Ostfrau bis zur aufgesetzt geschäftstüchtigen Freundlichkeit des Westens. Die Szenen bewegen sich permanent zwischen Klamauk und Melancholie, die Figuren zwischen Charakter und Karikatur. Für Letzteres steht Torsten Ranft, der eine ungarische Frau, einen ostdeutschen Tankwart und einen westdeutschen Gastwirt karikieren soll. Es darf, ja es soll gelacht werden! Manche der plakativ erzeugten Lacher freilich gehen an der Qualität von Ingos Schulzes Text weit vorbei.

Von allem zuviel
Und es soll mitgelitten werden, wenn Adam (Benjamin Höppner) die Freude am Nähen verliert und am Verführen noch dazu. Dann brüllt er plötzlich und scheinbar endlos, dass es "von allem zuviel" gibt und die Frauen alles von der Stange kaufen, statt sich von ihm nähen zu lassen, was ihnen wirklich gut steht. Auch hier wäre weniger mehr gewesen. Das sind Sätze, die normal gesprochen weitaus böser sind.

"Adam und Evelyn" ist angerichtet als eine Aneinanderreihung von Regieeinfällen, großen und kleinen, wunderbaren und wunderlichen. Regisseurin Julia Hölscher lässt die einzelnen Episoden im wahrsten Sinne des Wortes spielen – mit den Körpern, den Kostümen, mit Musik. Hier noch ein Hit von Peter Fox und da noch eine Spielerei mit Dirndl und Weißwürsten. Spielfreude und Spielwut: es wird keine fertige Regie-Handschrift gezeigt, es wird ausprobiert, was machbar ist. Ein Hauch des alten Kampnagel-Festivals "Junge Hunde" liegt in der Luft, mit großen Momenten und ebenso großen Fragezeichen. Fast alles ist für sich gesehen gut gemacht, ergibt aber im Ganzen einen merkwürdig diffusen Eindruck. Liebenswert, und doch von allem zu viel.

 

Adam und Evelyn
von Ingo Schulze
für die Bühne eingerichtet von Jens Groß.
Regie: Julia Hölscher, Bühne: Alex Harb, Kostüme: Ulli Smid, Musik: Tobias Vethake, Gregor Schwellenbach.
Mit: Benjamin Höppner, Karina Plachetka, Tom Quaas, Nicola Gründel, Lore Stefanek, Torsten Ranft, Anna-Katharina Muck, Doreen Fietz.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Mehr lesen? Julia Hölscher inszenierte 2008 in Magdeburg Horváths Kasimir und Karoline und 2007 in Hannover Tankred Dorsts Ich bin nur vorübergehend hier.

 

Kritikenrundschau

Vor ziemlich genau einem Jahr veröffentlichte Ingo Schulze seinen Roman "Adam und Evelyn" und schuf damit ein federleichtes Meisterwerk, ein hingetupftes, pointillistisches Gemälde des Sommers 1989, so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (23.9.2009). "Den Reiz der Vorlage fängt die Bühnenbearbeitung von Jens Groß ebenso ein wie über weite Strecken die Inszenierung von Julia Hölscher." Zwei raumfüllende, schwere Planen grenzen die Spielfläche ab "- genug Symbol für die Ausweglosigkeit der DDR." Sie laufen sinnlos dagegen, die Figuren, am wenigsten Adam selbst, "der Genügsame, der in Benjamin Höppner eine wunderbare Verkörperung findet". Fazit: "Wo sich Hölscher auf Schulzes zarten Ton verlässt, ist der Abend voller Zauber. Wo sie glaubt, Theater machen zu müssen, also das DDR-Personal zu Engeln poetisiert, deutsche Polizisten zu Stasi-Kasperln umformt und lauter Kabarettfiguren aus jenen Ungarn und Bayern macht - da wünschte man sich mehr Vertrauen in diesen Text, der alles so schön und plastisch erzählt, wenn man nur aufmerksam lauscht.

"Regisseurin Julia Hölscher vermeidet allen Erinnerungskitsch, so Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (23.9.2009), "in ihrer zweistündigen Inszenierung gibt es weder Trabbis noch Trainingshosen, keine Fahnen, kein DDR-Gedächtnisgerümpel. Die von Olaf Rumberg grandios ausgeleuchtete Spielfläche ist ein Teppich in Beige, umhängt von zwei Gummiwänden, die niedersinken, wenn die Mauer fällt." Vor allem Karina Plachetka als Evelyn und Benjamin Höppner als Adam spielen mit ihren Rollen, ohne sie im Erinnerungs- und Identifikationssumpf zu versenken. "Clever durchkreuzt der Abend so die Authentizitätsrechnung der Vorlage." Aber seltsam: "Merkwürdigerweise hat diese Uraufführung dennoch etwas Muffiges (...) In den Figuren hat sich kein historisches Bewusstsein niedergeschlagen; dass seit dem Mauerfall 20 Jahre vergangen sind, ist ihnen weder anzusehen noch abzuspüren." Fazit nach den ersten vier Premieren unter der Intendanz von Wilfried Schulz: "Aus jeder Regiearbeit sprudelt eine große Portion Bühnenliebe (...) Fast immer ist genau diese Absicht den Inszenierungen anzusehen (...) Und doch könnte Dresden wieder ein guter Ort für Theater und sein Publikum werden."

Nach dem Eröffnungsstück gab es den perfekten Dreier, so Reinhard Wengierek in der Welt (23.9.2009). "Goethens klassisch weltweiser, Irdisches wie Transzendentes, die Sphären der Kunst und des Lebens weit durchstreifender Erziehungsroman als fettes Futter für das vor Ort so gern sich spreizende Bildungsbürgertum. Dann die immergrüne Lovestory fürs hitzige Jungvolk. Und für alle Ingo Schulze mit seinem zwischen Ost und West schlingernden, biblisch, politisch, moralisch grundierten Erotissimo aus dem heißen Sommer 1989." Lauter anstrengende Großaktionen im Verkunsten seien das gewesen. "Die Inhalte verflachend, die Figuren zermalmend, die Spannung ausleiernd. Dabei haben die drei durchweg jüngeren Regisseure längst bewiesen: Sie können auch anders."

Die Szene ist ein hell ausgeschlagener Spielraum, ein Urlaubsstrand, vor allem aber ein Denk- und Erinnerungsraum, so Hartmut Krug im Deutschlandfunk (21.9.2009). "Realismus gibt es nicht. Die dreißigjährige Regisseurin Julia Hölscher inszeniert und choreografiert diese Geschichte vom Erwachsen werden als einen spielerischen Tanz der Körperlichkeiten." Schulzes schlichte Parabel werde in eine wunderbar sinnliche Mehrdeutigkeit übersetzt. "Die Szenen fließen ineinander über, und die Erinnerungen springen hin und her." Nach den vier ersten Premieren resümiert Hartmut Krug: "Dem neuen Intendanten Wilfried Schulz ist in Dresden ein wirklich starker Auftakt gelungen."

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