Saustall der Sündenfälle

von Regine Müller

Essen, 25. September 2009. Fast zwanzig Jahre ist es her, dass Andrea Breth ihren ersten "Zerbrochnen Krug" am Wiener Burgtheater inszeniert hat. Damals lud sie Kleists Lustspiel mit metaphysischen Dimensionen auf und zeigte ein Weltgericht, das buchstäblich beim ersten Sündenfall und der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies ansetzte. Traugott Buhre spielte damals den Adam, die Parade- und Hauptrolle des Dorfrichters.

Nun hat Andrea Breth sich im Rahmen der Ruhrtriennale erneut mit Kleists Lustspiel auseinandergesetzt. Und wieder sollte Buhre dabei sein, allerdings nicht als Dorfrichter, sondern in der Nebenrolle des Büttels. Sein plötzlicher Tod machte diese Pläne zunichte, seine Rolle hat in Essen nun Heinz W. Krückeberg übernommen. Doch auch ohne das verbindende Element von Buhres Mitwirkung drängen sich natürlich der Vergleich und die Frage auf, was aus der Wiener Höllenfahrt geworden ist, die in ihrer sonderbaren Radikalität wohl kaum zu steigern ist.

Archiv der Verletzungen

Im stickigen Essener Salzlager der Kokerei auf der Zeche Zollverein hat Annette Murschetz eine Guckkastenbühne gebaut, die zum Industrieambiente der Halle keinerlei Bezug aufbaut und in jedes Stadttheater passen würde. Schräg von der Seite blickt man in einen schwimmbad-grün, bröckelnd verputzten Raum, in dem sich unter Neonlampen zerfledderte, tausendfach mit dreckigen Fingern gewälzte Akten bis unter die Ecke stapeln. Zur Linken ein überquellender Schreibtisch, in der rechten Ecke Stroh, in dem ein Ferkel kuschelt. Das Weltgericht ist hier ein schlampig geführtes Archiv, das unaufgeräumte Gedächtnis kleiner und großer Sündenfälle, eine riesige Ablage der Eingaben und Beschwerdebriefe, der Vertuschungs- und Erpressungsversuche und der Willkürurteile jenes Richters, der es selbst mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Auch in Essen ist Breths Kleist-Welt also schwer aus den Lustspiel-Fugen.

Davon spricht auch schon die dumpf dröhnende Tonspur, die den einstweilen noch leeren Raum in seiner ganzen verkommenen Tristesse ruhig ausstellt, bevor eine kurze Verdunkelung die erste Szene freigibt. Für den Rest des Abends schweigt nun die Musik. Nichts stört Breths akribisch realistisches, bisweilen gedehntes Texttheater, das sich jeder einzelnen Figur mit penibler Psychologie nähert. Obwohl er durchaus auch drastische Komik entwickelt, hat der Abend nichts krachend Komödiantisches, nichts von gemütlich auf Pointen schielendem Bauernschwank-Theater, das immer auf der Seite der Richtigen ist. Alle sind Versehrte, Gescheiterte, Verletzte und Bekümmerte, keine Lichtgestalt erhellt das dumpfe Elend des (Land)-Lebens.

Nuancen der Verrohung

Als schon von Beginn an gebrochene Gestalt gibt Sven-Eric Bechtolf dem stets alkoholisierten Dorfrichter in souveräner Beherrschung seiner Mittel und bestechender Präsenz unzählige Nuancen der seelischen Verrohung und emotionalen Verwahrlosung. Sehr konkret wird seine Angst vor Enttarnung, schillernd in ihrer hemmungslosen Dreistigkeit die immer wieder neu ersonnene Lüge. Ihm zur Seite untertreibt Wolfgang Michael den Schreiber Licht im grauen Hausmeisterkittel mit abgebrühter Schein-Loyalität, der die Korruption in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Blasiert und mit allen Wassern gewaschen ist auch Norman Hackers in hellem Zwirn gewandeter Gerichtsrat, der voller Ekel alles mit spitzen Fingern anfasst und stets ein Tüchlein zum Abwischen dabei hat. Undurchschaubar bleibt seine Gründlichkeit, Sadismus und Arroganz halten sich die Waage.

Einen großen Auftritt hat Elisabeth Orth in der kleinen Rolle der Brigitte, die sie als verschreckt ängstliche, dabei aber selbstgerecht bigotte, bucklige Vettel gibt. Paul Schröder ist ein hitziger Ruprecht, Swetlana Schönfeld eine enervierend einfältig lamentierende Marthe, Uwe Bertram spielt einen bebend unterwürfigen, doch zornigen Veit Tümpel. Marie Burchards Eve bleibt etwas blass, zumal Breths Entscheidung, Kleists zweite Fassung des Werks zu spielen, ihr im quälend langen Schlussteil eine unnötige, weil redundante Aufklärungs-Szene beschert.

Ganz am Ende sitzt Adam wieder auf seinem Richtstuhl, die Welt ist so versehrt wie am Anfang, die Figuren sind nur noch mehr beschädigt, alles geht immer weiter abwärts. Ein altmeisterlich fein gearbeiteter, ungemein nuancenreicher Abend, dem es an vollends überzeugender Suggestivkraft aber ein wenig mangelt. So zieht es sich gegen Ende doch arg.


Der zerbrochne Krug
von Heinrich von Kleist
Regie: Andrea Breth, Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Françoise Clavel, Musik: Christian Muthspiel, Licht: Alexander Koppelmann, Akustik: Markus Aubrecht.
Mit: Sven-Eric Bechtolf, Norman Hacker, Wolfgang Michael, Swetlana Schönfeld, Marie Burchard, Uwe Bertram, Paul Schröder, Elisabeth Orth, Heinz W. Krückeberg, Robert Christott, Maria Pichler, Karolina Horster.

www.ruhrtriennale.de


Letztes Jahr inszenierte Andrea Breth Dostojewskis Verbrechen und Strafe im Juli in Salzburg und im Januar in Wien Motortown von Stephen Simons.

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=5yHIVRSB53o&feature=related}

 

Kritikenrundschau

Wer sich Andrea Breths Ruhrtriennale-Inszenierung "Der Zerbrochne Krug" mit Erinnerung an ihre Burgtheater-Inszenierung von vor 19 Jahren nähere, werde "enttäuscht", so Bernhard Doppler im Deutschlandradio Kultur (Fazit, 25.9.). Die neuerliche Beschäftigung wirke fast wie eine "programmatische Absage an jenes Konzept und das eigene Regietheater". Diesmal also kein Sündenfall, sondern ein "langatmiges Gerichtsstück – penibel Wort für Wort – über drei Stunden lang". Und Adam sei auch "kein Liebender" mehr, "sondern ein plebejischer dreister Richter", den Sven-Eric Bechtolf trotz jüngerer, schlankerer Statur dem Rollenklischee entsprechend als "volkstümliches Teufelchen" spiele. "Mittelpunkt der Aufführung" und die "bei Weitem interessanteste und vergnüglichste Rolle" gebe Norman Hacker als Gerichtsrat Walter ab. "Ausdrucksstark" zeige auch Marie Burchard die "inneren Tragödien" Eves. Adam und Eves Liebe sei jedoch kein Thema mehr und Breths "textgetreue Inszenierung" Peter Steins BE-Version mit Klaus Maria Brandauer letztlich gar nicht so fern, halte sich allerdings noch deutlicher an Kleist: Während Stein "eine Dorfposse, ein dörfliches Genrebild in Szene setzt", überzeuge Breth "durch ernste, minutiös genaue psychologische Beobachtung", die "wohl auch die leise Komik des Abends" ausmache.

Ganz anders sieht das Stefan Keim von der Frankfurter Rundschau (28.9.): Breths Realismus enthalte "poetische Zeichenhaftigkeit" und sei somit vom "platten Naturalismus" Stein'scher Prägung ebenso weit entfernt wie Bechtolf "vom eitlen Komödiantentum Klaus Maria Brandauers". Die Komik entstehe "durch die Absurdität des Überlebenskampfes, aus der Situation heraus, nie durch gesetzte Pointen". Breth verlasse sich ganz auf die Schauspieler, bleibe aber im "beharrlichen Befragen des Textes" und "Eintauchen in die Tiefenschichten auch der kleinsten Rolle" stets präsent. Wohin man auch schaue in diesem "Klasse-Ensemble", jede Figur sei "eine Welt für sich". "Sensationell" gestalte Hacker den Gerichtsrat Walter, der mit den Emotionen der anderen spiele und selbst keine habe – "wenn es einen Teufel gibt in diesem Stück, ist es (...) dieser Gerichtsrat". Und am Ende werde klar: "Die Anarchie wird ersetzt durch die Herrschaft kalter Technokraten." Breth lasse den längeren Variant spielen, was vom Publikum zwar "Konzentration und Leidensfähigkeit (...) auf unbequemen, engen Stühlen" fordere, sich aber lohne, "denn hier sind die Parallelen zur politischen Gegenwart bedrängend nahe". Keim sieht Breth ganz "auf der Höhe ihrer Kunst", dieser "Krug" sei "politisches Menschentheater über eine Gesellschaft in Auflösung, die die Macht des Geldes vorgeführt bekommt".

Für Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen (28.9.) bleibt Breth "die größte Ausgräberin unter den Regisseuren". Sie inszeniere den "Krug" "nicht als alte Komödie, sondern als neue komische Katastrophe" und zeige uns das hundert Mal gesehene Stück, als hätten wir es "noch nie gesehen". Anders als Brandauer bei Stein sei Bechtolf kein "gefallener Erzengel", kein "großer Schuft" oder "armer Teufel", sondern "der vom Recht, vom Leben, von der Welt aggressiv erschöpfte Heizer einer längst schal gewordenen höllischen Gier und Lust, die er mit letztem brennbarem Material unterhält: seiner schmierig verzweifelten Verliebtheit in Eve". Und die sei bei Breth auch die eigentliche Hauptfigur. Burchard schultere inmitten ungerührter Komödienfiguren die Tragödie und zeige eine "grundstürzend existentielle Eve". Diese befinde sich in "unaufhörlicher Bewegung", die sie von den anderen abhebt und von jenen verhängnisvollen zwei Minuten herrührt, "in denen sie durch Adams Augen hindurch in eine Welt geblickt hat, die keine Dorfrichter mehr benötigt – sondern Weltrichter. Und diese Rolle nimmt sie nun ganz auf sich". Diese Eve sei "genauso im Riss zu ihrer Umwelt wie ihre größeren dramatischen Kleist-Schwestern" (Käthchen, Penthesilea Alkmene) und nehme wie diese "eine ganze Welt ganz allein auf ihre Mädchenkappe: den ganzen Schmutz, das Unrecht" und bleibe darin "voll eines Glanzes: der Autonomie, des Eigengefühls. Die Weltrichterin, die über die Scherben des Glücks triumphiert, wo jeder Splitter sie widerspiegelt und ihr Bild gleißend abstrahlt."

Auch Barbara Villiger Heilig von der Neuen Zürcher Zeitung Normal 0 0 1 221 1261 10 2 1548 11.1282 0 21 0 0 (28.9.) hat bei Breth "höllisch himmlisches Theater" gesehen. Bechtolfs Adam sei zu Beginn "ein Schmerzensmann", der "im Rechtfertigungston Selbstgespräche" führt, "ein dumpfer Stupor hält ihn gefangen". Hackers Gerichtsrat betritt dessen Dorfwelt "als Etepetete-Fremdkörper". Das Ganze ergebe "tolles Kabarett, mehr lüstern als lustig". Da changiere "Bechtolfs fragender Ausdruck von verstört zu freudig, als wäre er sich so wenig darüber im Klaren wie wir, ob da eine Komödie oder eine Tragödie vonstatten geht". Evchen hingegen werfe diesen Adam "gänzlich aus der Rolle", "es überwältigt ihn die Sinnlichkeit. (...) Sie raubt dem alten Fuchs den Verstand – und Andrea Breth stellt ihn dafür nicht an den Pranger. Überhaupt schwingt sich die Regisseurin nirgends zur Oberrichterin auf. Sie konzentriert sich darauf, in tausend Nuancen das Spiel der Kräfte zu zeigen, die den Prozess lange im heftig polternden Gleichgewicht halten. Wer weiss was über wen, und wieso?" Klarheit jedoch gebe es nicht, auch nicht als Burchards Eve zu sprechen beginne: die zwei Minuten, die Adam ihr in die Augen sah, breiteten sich als "eine Ewigkeit gespannter Stille (...) auf dem entrückten Gesicht der Schauspielerin aus. Was immer Eve passierte, es liegt jenseits der Sprache."

"Sven-Eric Bechtolf war noch nie so hässlich, noch nie war er so gut", befindet Ulrich Weinzierl in der Welt (28.9.), und das will viel heißen, "einen besseren in deutschen Landen find't man kaum. Die hohe Kunst Andrea Breths vermag auch das: Den Besten fordert sie das Allerbeste ab (...). Sie spielen keine Rollen mehr, sie sind ganz eins mit sich und dem, was hier der Dichter fantasierte." Diese Inszenierung sei "schlicht und einfach ein Theaterwunder", fern der "modischen Beliebigkeit", dem "Drang zum bloßen Jux" und dem "kraftmeiernden Unbildungsstolz vermeintlicher Genies, die aufs Handwerk pfeifen, den Text allein als Material der Selbstverwirklichung begreifen". Bechtolf sei ein Adam, "wie man ihn vordem nicht gekannt: In tumber, bäurisch ordinärer Schale steckt ein äußerst kluger Kerl", der "brutal und schlau" die Zeugen über den Tisch ziehe. Alle Figuren sehe man hier "mit schärferem Profil als je". Klamauk werde bei Breth naturgemäß nicht geboten, vielmehr "sublime Komik, die Heiterkeit des Traurigen". Dieses "Kipp-Bild aus Komödie und Tragödie beglückt, weil alles stimmt: Musik und Poesie der Worte, die Seelenmelodie, die Behutsamkeit der Gewicht- und Zeichensetzung." Und am Ende rühre Burchards Eve "ans Herz, dass es den Atem raubt und wird zur eigentlichen Hauptperson".

Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung Normal 0 0 1 128 730 6 1 896 11.1282 0 21 0 0 (28.9.) muss bei dem "nüchternen Amtsschimmelraum" an eine Stasibehörde denken. Die "große Seelenkundlerin" Breth interessiere diesmal "nicht der metaphysische Sündenfall", sondern "ein sehr irdischer Fall von Rechtsbeugung und schwerem Amtsmissbrauch". Dabei gelte es, "sich in aller Konzentration (...) den Freuden, aber auch Mühseligkeiten eines akkuraten, manchmal fast pedantischen Texttheaters" zu widmen. "All das Saftige, Schwankartige, Aufgekratzte und Derbe" spare die Inszenierung aus. Es herrsche "totale Entschleunigung", gedehnte Zeit, Pausen und Stillstandsmomente; das Ganze sei "streckenweise auch eine Hängepartie". Der "wundersamste Schleicher" sei Wolfgang Michaels "verschlurfter Schreiber Licht" in "herrlich subtiler Figurenzeichnung". Bechtolf spiele keinen "gestürzten Liebenden", sondern einen "kalten, latent aggressiven Machtmenschen mit tyrannischen Zügen". Seine Beziehung zu Eve bleibe unklar. Doch wenn die Inszenierung bei deren Erzählung "gefühlte zwei Minuten lang bedeutungsvoll" anhält, scheine diese Pause "wie ein erhobener Zeigefinger auf eine irgendwie verlorene Unschuld" zu deuten – "So geht dieser pessimistisch grundierte Abend arg didaktisch zu Ende, und Norman Hackers Gerichtsrat tut nonchalant das Seine, jeglicher Gerechtigkeit den Garaus zu machen. Kein Happy End. "

Unbeirrt zeige Andrea Breth "die Nachtseite des Stücks, das zum Gassenhauer des deutschen Gymnasiums verkommen ist", schreibt Gudrun Norbisrath auf dem Portal Der Westen (27.9.). Breth bringe "die Facetten faszinierend zum Schwingen". "Grandios", wie Bechtolf den Adam "vom trägtörichten Dorfrichter zum Raubtier anschwellen lässt, zum gereizten Satan". Andrea Breth tue dem Text "keine Gewalt an", sondern übertrage "die Worte in Gesten und Stimmungen, nichts ist zuviel. Wo Witz und Klamauk wirken müssen, zeigt sie beides ohne Übertreibung, und wo das Entsetzen sich ausbreiten will über all die Bosheit und Dummheit, gibt sie ihm Raum. Sie ist ernsthaft noch in der ärgsten Pöbelei. Ein großer Abend".

Kommentar schreiben