Die Hybris der Helden

von Tim Schomacker

Wilhelmshaven, 25. September 2009. Der Superheldencomic hat nichts Episches an sich. Der monatlichen Erscheinungsweise geschuldet, muss die Welt auf wenigen Seiten bedroht und auch gerettet werden. Zeiten und Räume sind schnell zu überbrücken, Konstellationen klar herauszumeißeln. Ein Blick in die frühen handschriftlichen Fassungen der Vers- und Heldenepik von Roland über Hildebrand bis zu den Nibelungen verrät eine alte Tradition des text-bildlichen Erzählens.

Für ihre sechste Arbeit als Hausautorin der Wilhelmshavener Landesbühne Nord hat sich Katharina Gericke nun die Nibelungen unter diesem Gesichtspunkt vorgenommen. Aus einem gerahmten Bild mit Burgmotiv und freundlichen Postkartengrüßen aus Worms winken jüngere Bearbeitungen von Moritz Rinke und John von Düffel herüber.

Hagen von Tronje und die gelbe Gummischlange

Gleich zu Beginn zaubert Regisseur Olaf Strieb seinen Siegfried aus dem Bühnenboden; erstarrte Actionfigur, das Schwert hoch über dem Kopf. In der anderen Hand ein Spiegel, mit dem er die Heldenpose justiert. Dieser Mann gefällt sich in der Rolle, die das Schicksal ihm zugedacht hat. Fabian Monasterios lässt den qua Blutbad nahezu Unbesiegbaren fast zwei Stunden durch seine Hybris tapsen, lässt ihn Streit anfangen mit Sonnengott und Odin-Sohn Balder. Da könne er göttlichen Zorn regnen lassen, soviel er lustig sei, schreit Siegfried dann gen Himmel, er mache einfach die Augen zu – und bei Unbill durch Balders schicke Nacht-Schwester Brünhild einfach das Licht an.

Schnoddrig gehen Gericke und Strieb zu Werke. Meister Tronje erliegt einer gelben Gummischlange, nachdem er wie ein Waalkes-Zwerg mit Blasebalg, Amboss und Hammer gerungen hat. Nibelung erscheint als Miniatur-Jonathan-Meese in Armeejacke und schwarzem Zottelhaar. Bereitwillig signiert er Siegfrieds Schwert. Derweil Nibelungen-Mama Ute vermeldet: "Meine Kinder haben gestern beim Holzsammeln einen Drachen gesehen." Fafnir verspeist Nibelung im Off. Unter Szenenapplaus ringelt sich Fafnir als germanischer Neujahrsdrache von links heran. Was er fräße? Jungfrauen. "Ja, sag mal, ich bin 32!", entgegnet Siegfried. Und steigt ins Ungetüm, dessen Herz er erst herausreißt, es sich zum gschamigen Blutbad um die Lenden zu binden.

Kriemhilds frivole Tarnkappen-Camouflage

So humorig dieser Nibelungen-Schnelldurchlauf bisweilen daherkommt, hier wird etwas entstaubt, was vielleicht gar nicht entstaubt werden muss. Weil es als völkisches Mysterienspiel nicht einmal auf dem Grünen Hügel noch jemand ernst nimmt. Diesen Punkt verdeutlicht Strieb schnell und gekonnt. Statt der germanischen Fricka heißt Odins Gemahlin hier pseudonordisch "Frau Fügung". Von der Höllenherrscherin Hekla mittels Feuerring an ihr isländisches Eisschloss gekettet, verleiht Stefan Ostertag der Schicksalsgöttin den welken Charme einer gealterten Diva.

Weißhaarig und mit Sonnenbrille schreitet sie den bezinnten Gang ihres Alterssitzes ab, pustet blaue Luftschlangen über die Szene. Auf das Schicksal, dessen Fäden sie einst fest in der Hand hielt, kann sie nur noch zurückblicken – und sieht eine lange Kette großer und kleiner Katastrophen das Leben der Menschen (und auch der Götter!) bestimmen. Kriemhilds Liebestrank, die frivole Tarnkappen-Camouflage – was immer herauskommt, ist gezielter Technologie-Missbrauch oder mindestens fahrlässige Selbstgerechtigkeit.

Grelle Hochgeschwindigkeitseinfälle

Problem ist nur, dass gerade der Comic, auf den sich Gericke bezieht, neben der schuldhaften Verstrickung auch die schicksalhafte Ausweglosigkeit braucht, um seine Geschichten zu erzählen. Das gilt selbst für das zum Schein unschuldige Schulmädchen, als das Claudia Friebel ihre Kriemhild maskiert, die sich gegenüber dem Liebestrank längst emanzipiert hat.

Auch wenn das Wilhelmshavener Ensemble augenscheinlich Spaß an Rasanz und Doppeldeutigkeit hat und die Figuren nach Camp- oder Schrulligkeitsprinzipien ausagiert; auch wenn Regisseur Strieb nicht mit grellen Hochgeschwindigkeitseinfällen geizt –  zum Weiterdenken bieten diese Nibelungen wenig Neues.

Und reihen sich ein in jene Traditionspflege, die sie eigentlich aufmischen wollten.

 

Die Nibelungen (UA)
neu erzählt von Katharina Gericke
Regie: Olaf Strieb, Bühne & Kostüme: Cornelia Brey, Dramaturgie: Peter Hilton Fliegel.
Mit: Fabian Monasterios, Holger Teßmann, Friedrich Scheler, Fabian Döring, Björn Klein, Sibylle Hellmann, Claudia Friebel, Aida-Ira El Eslambouly, Stefan Ostertag.

www.landesbuehne-nord.de

 

Andere Nibelungen inszenierten unter anderem im September 2009 an der Berliner Schaubühne Marius von Mayenburg mit der Fassung von Friedrich Hebbel oder Gil Mehmert , der im Sommer 2009 auf den Stufen des Doms zu Worms John von Düffels Das Leben des Siegfried anrichtete.

 

Kritikenrundschau

In seiner ersten Inszenierung als neuer Oberspielleiter der Landesbühne Wilhelmshaven habe Olaf Strieb "aus dem Pathos geschwängerten Stoff" der "Nibelungen" in der neuen Adaption von Katharina Gericke "eine grelle Farce mit Hintersinn" gemacht, schreibt Martin Wein in einem online wohl nur teilweise zugänglichen Artikel der Wilhelmshavener Zeitung (28.9.): Strieb zeige die Nibelungen als degenerierten Haufen kurz vor dem Untergang: "Zu Recht wurde viel gelacht."

 

 
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