Der Kontrollwahn frisst seine Kinder

von Harald Raab

Mannheim, 7. Oktober 2009. Deutschland, deine Kinder: Mal als Prinzchen und Prinzessinnen, rundum überversorgt und in Zuckerwatte gepackt, mal als Wohlstandsverwahrloste nervend oder als No-Feature-Kids im Prekariats-Ghetto von vornherein abgeschrieben. Hilflosigkeit, Aggressionen und Versagensängste wabern in Gesellschaft und Mittelstandsfamilien. Das Bäumchen-wechsle-dich-Spiel der Schuldzuweisung wird mit verbiestertem Eifer gespielt. Den Puls der Zeit in Sachen Wohlstandsorientierungslosigkeit fühlt wieder einmal mehr Marius von Mayenburg.

In seinem aktuellen, wenn auch nicht mehr ganz neuen Stück "Freie Sicht" gebiert die gesellschaftliche Hysterie mit ihren Bedrohungsszenarien und ihrer Überwachungsparanoia einen neuen Kindertypus – die kleinen Terrormonster. Es ist die Horrorvision von den lieben Kleinen, die bei Dunkelheit über Parkplätze schleichen und grüne Sprengstoffpakete in Papierkörbe plumpsen lassen.

Verantwortungslosigkeit der Verantwortlichen
Zufall oder nicht, im Musterländle Baden-Württemberg, wo im Provinzstädtchen Winnenden vor einem halben Jahr ein Siebzehnjähriger Amok lief, Lehrer und Schüler erschoss, bevor ihn selbst eine Polizeikugel tötete, läuft am Nationaltheater Mannheim die deutsche Erstaufführung des Mayenburg-Stücks von der Verantwortungslosigkeit der eigentlich Verantwortlichen (Uraufführung war in der australischen Provinz).

Theater als szenische Reflexion: In Mayenburgs Stück wird Aktion durch das Reden darüber ersetzt. Die Bühne ist leer, und leer ist der Betroffenheitstalk der Elterngeneration über ein zehnjähriges Mädchen (Jenny König), das sich stumm von einer Bühnenseite zur anderen schleicht. Drei Männer, zwei Frauen, in der Besetzungsliste als "Schwarm" entindividualisiert, bilden diesen einen Organismus aus herbeigeredeten Aufgeregtheiten. German-Angst – mehr komisch als tragisch.

Silja von Kriegstein, Sven Prietz, Klaus Rodewald, Peter Rühring und Anke Schubert schaukeln mit dem Pingpong ihrer Verdächtigungen, Ahnungen, Befürchtungen und mit ihrem Psychogequirl die Situation hoch. Zumal dann auch noch in einem Kaufhaus ein grünes herrenloses Paket gefunden wird. Die Verantwortung wird jetzt an die Staatsmacht abgegeben: Einsatzkommandos marsch!

Herrenlose grüne Schachteln
In letzter Sekunde wird alles abgeblasen. Im Kaufhauskarton liegt ein wimmernder Säugling, ausgesetzt von der Mutter. Ein Scharfschütze hat jedoch die Entwarnung nicht mitbekommen. Ein Schuss fällt. Das Mädchen aus der Mittelstandssiedlung hat ein Loch im Kopf, tritt aber nach dem Schreckensreport des "Schwarms" noch einmal an den Bühnenrand, um aufzuklären: In seiner grünen Schachtel war ebenfalls kein Sprengstoff, nur ein toter Vogel, den die Katze gemeuchelt hat. Sie hat das gefiederte Etwas, das als Spielzeug nicht mehr taugen wollte, nur mal schnell entsorgt. Die Alten allerdings waschen ihre Hände in Unschuld: Man habe nicht anders handeln können. Man wollte doch nur Schlimmeres verhüten – der Kontroll- und Sicherheitswahn der Gesellschaft frisst seine Kinder.

Die Realität in den Kinderzimmern wird per Video ins Bühnenspiel eingeblendet. Ballerspiel-Perspektive über den Lauf einer Pump Gun hinweg. Ein Horrortrip in Schulgängen und Klassenzimmern. Die Opfer fallen um wie Pappkameraden im Schießkino. Blut spritzt.

Purismus mit Wirkung
Die Frage, ob dieser Erzählstoff bekannter Mayenburg'scher Machart – mehr verhandeln als handeln – überhaupt bühnenfähig ist, hatte der Regisseur und Mannheimer Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski zu beantworten. Er verzichtet auf Regiemätzchen und originelle Visualisierung, lässt nur ab und an seine Truppe auf Plastikbällen wie bei einer Familientherapiesitzung herumwippen. Kosminski setzt dafür auf Dekuvrierung durch die Sprache des Banalen, pointiert eingesetzte Körpersprache inklusive.

Das schicksalsergebene Räsonieren, das vom Verlust eines individuellen und kollektiven Urvertrauens Zeugnis ablegt, erinnert an den Purismus antiker Tragödien. Und das nicht nur, weil der Regisseur hinter den Zuschauerreihen Mitglieder der Mannheimer Theaterakademie als Sprechchor in Stellung bringt. So funktioniert Theater, kann ein Spannungsbogen aufgebaut, kann Katharsis ermöglicht werden. Das Mannheimer Nationaltheater im Schillerjahr 2009: Man ist der ästhetischen Bildung durch sinnliche (Theater)-Welterfahrung verpflichtet, auch ohne den Erfinder des deutschen Idealismus. Mit dem Spielzeitauftakt wird bewiesen, was die Bühne stets zu beweisen hat: Nach dem Regiefeuerwerk der Lulu mit faszinierend provokanten Bildern (Calixto Bieito) nun mit "Freie Sicht" aktuelles Autorentheater. Das Publikum beeindrucken können beide Formate.

 

Freie Sicht (DEA)
von Marius von Mayenburg
Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Video: Marc Reisner.
Mit: Jenny König, Silja von Kriegstein, Sven Prietz, Klaus Rodewald, Peter Rühring, Anke Schubert.

www.nationaltheater-mannheim.de


Mehr zu Marius von Mayenburg: Im September 2009 inszenierte er an der Berliner Schaubühne Die Nibelungen. Sein jüngstes Stück Der Stein wurde im Sommer 2008 in Salzburg inszeniert und läuft im Repertoire der Schaubühne Berlin. Und von Burkhard C. Kosminskis Regiearbeiten wurde zuletzt über Fratzen berichtet, das er im Februar 2009 zur Uraufführung brachte.

Kritikenrundschau

Als "kleines, knackiges Stück" beschreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (9.10.) Marius von Mayenburgs "Freie Sicht", bei dem man sich fühle "wie in einem durchschnittlichen deutschen Elternabend, wo das Kind auch nur noch als Problemfall auftaucht". Unverbunden stünden in Mayenburgs Stimmen-Schwarm-Drama "wüste Mutmaßungen der Erwachsenen über die Kinder neben Tagträumen: Ach, wenn wir doch nur keine Angst vor ihnen haben müssten". Stellt sich die Frage, "was wäre, wenn wir einmal, für einen kleinen Moment nur, denken, dass wir alle Eltern von Amokläufern sind?" Diese "Chor-Groteske aus Sicherheitswahn und Kindsentfremdung" sei selbst "ein theatraler Sprengsatz". Regisseur Kosminski entschärfe das Stück, indem er aus den Stimmen des von Mayenburg kollektiv gedachten Schwarms Personen mache, die "individualisiert und psychologisiert" wirken, was das Stück "eingängig aber auch etwas leichtgewichtiger" mache als es "diese Bühnenboshaftigkeit" verdiene.

Kosminski habe mit Bühnenbildner Florian Etti durch die in den Zuschauerraum eingestellten Wände "einen faszinierenden Spielraum in Kammerspielgröße geschaffen", findet Ralf-Carl Langhals vom Mannheimer Morgen Normal 0 0 1 173 987 8 1 1212 11.1282 0 21 0 0 (9.10.). Das Mayenburg'sche Stück, eine "szenenfreie Bedenkenfläche um wabernde Anschlagsangst" und übrigens vor Winnenden geschrieben, könne man "ein Plan- und Spekulationsspiel nennen". Dass der Autor "zu dem fast belanglosen Schluss kommt, dass reden hilft, nimmt den 70 Minuten die Schärfe nicht". Der "nicht einfachen Textsituation" werde Kosminski "nicht durch Abstraktion, sondern durch konkretes Spiel Herr". Dass dieses Konzept aufgehe, verdanke sich nicht zuletzt den sechs Spielern, "die es beherzt mittragen: Silja von Krieg-steins überforderter Mutter ist der schnell aufbrausende Gatte (Klaus Rodewald) keine große Hilfe. Die betulich ängstlichen Quasi-Großeltern Anke Schubert und Peter Rühring spielen ihre Konfliktvermeider- und Schuldzuweiser-Rollen ebenso glänzend wie Sven Prietz, der auch der sich zuspitzenden Dramatik noch komische Momente beimischt. "

Die Stimmen des Schwarms ließen "in hektischem Satz-Pingpong erkennen, wie sich in einer gesichtslosen Gruppe ein Gefühl der Besorgnis bis an die Grenzen des Wahns aufschaukelt", schreibt Uwe Wittstock in der Welt (9.10.). Doch so lohnend von Mayenburgs Ansatz auf den ersten Blick wirke, so gründlich werde er entwertet, indem "der konturlose Stimmen-Schwarm" sich durch ein Päckchen bedroht fühle, "dass ein zehnjähriges Mädchen in einem von Kameras überwachten Mülleimer geworfen hat. Da aber die terroristischen Potenziale vorpubertärer Schulmädchen nicht sehr ausgeprägt sind, wird das Stück damit zur eindimensionalen Satire auf eine maßlos übertriebene Sicherheitshysterie. Die Gruppen-Angst und ihre Entstehung werden nicht analysiert, sondern denunziert", das Stück-Personal zu "Schießbudenfiguren". Und Kosminski Inszenierung "gibt dem Ganzen den Rest". Statt einen "ungreifbaren Stimmen-Schwarm" zu inszenieren, arbeite er aus dem Satz-Gewirr "individuelle Charaktere heraus", wodurch "das Stück auf dem Niveau eines mäßig amüsanten und auf 70 Minuten überdehnten Kabarett-Sketches" lande.

 
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