Ich-Wüste mit Sehnsuchtskrater

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 8. Oktober 2009. Ein Knopf, ein zweiter – und noch einer. Das lichtweiße Hemd öffnet sich für Augenblicke, offenbart ein wenig Haut, lässt eine Brust erahnen. Kaum mehr. Und doch verbirgt sich in diesem keuschzarten Schlitz eine ganze Welt, ein tiefer Sehnsuchtskrater von Lust und Leid, in den ein einfach gestrickter Kerl wie Herodes wie ohnmächtig hinabtaumelt. Und als Salomes Tanz der sieben Schleier, dieser berauschend minimalistische Sekundenstrip ohne Musik und Stange, zu Ende ist, windet sich der mächtige Tetrarch von Judäa vor sinnlosem Glück wie ein lüsterner Kinderfinger im Honigtopf, so verstohlen wild und süß sind seine Vorstellungen von diesem anderen Körper, den er nicht einmal zu berühren wagte.

Feministische Antithese mit Kurzhaar

Salome war einmal – ein Leib. Unter Ulrich Rasches Regie verwandelt sich das prophetenmordende Luder in eine Stimme und eine erotische Ahnung. Sätze wiederholen sich, mäandern wie losgelöst vom Klangkörper durch das tiefe Schwarz des kargen Raumes: "Ich will den Kopf des Jochanaan, ich will den Kopf ..." Als nietzscheanische Garçonne mit onduliertem Kurzhaar und schwarzweißem Kellnerdress verweigert sie trotzig die traditionelle Rolle des Lustobjekts. Nadja Stübiger verkörpert die feministische Antithese, unnachgiebig, unnahbar, mit einer todesverherrlichenden Gewaltbereitschaft fordert sie schleichend das Haupt des Jochanaan, dieses starräugigen Apokalyptikers, der sie abgewiesen hat so wie sie sich dem Werben des Tetrarchen entzieht. Für diesen mutigen, schleierlosen Tanz mit Eros und Thanatos wird sie mit dem Leben bezahlen.

Liebe ist ... wenn dir jemand die kalte Schulter zeigt. Ulrich Rasche liest Oscar Wildes Einakter Salome wie ein unterkühlter Seelenmathematiker, der überall verhängnisvolle Dreiecke, Reihungen und Gleichungen entdeckt. Der junge Syrier tötet sich vor Liebe zu Salome, während sie den unwilligen Jochanaan anbetet. Oder dieses kleinfamiliäre Schreckenstrio: Herodias (eine toughe Anja Brünglinghaus) ist eifersüchtig auf Salomes Jugend und verbietet deswegen ihrem Gatten Herodes (Elmar Roloff als dekadent-humoriger Lustmolch), seine Stieftochter mit nimmersatten Blicken zu vergewaltigen.

Nirgendwo ist Erlösung, überall nur Leere. Dunkle Zweireiher. Kahlrasierte Köpfe. Polierte Stiefel. Gemeine Gesten. Menschelnde Bügelfalten. Die neue Religion? Der wirre Tagtraum der Einsamen von einer perfekten Beziehung.

Sich im kerkerschwarzen Nichts verlieren

Um sein Zerrbild einer langsam erstarrenden, anämischen Gesellschaft zu illustrieren, erfindet der Regisseur auch gleich die Bühne, die wenig mehr als gleißendes Licht und lange Schatten ist. Und ein Boden, der es in sich hat. Das Terrain schwankt und knackt bei jedem Schritt. Ohne sicheren Grund gibt es keinen Halt. Auch keinen coolen Auftritt. Das verlangsamt ungemein. Rasche schickt seine Akteure in eine morsche Ich-Wüste. So machtbewusst sie auch wirken wollen, so lächerlich sind sie. Über dem Geknirsch und Gesplitter legt sich ein dünner, zu dünner Stimmenteppich aus Jochanaans Prophezeiungen aus dem Off und jenen auswendig gelernten, mechanisch vorgetragenen Metaphern und Vergleichen, die nur entfernt an Oscar Wildes manierierte Verführungskünste erinnern.

Ulrich Rasche macht alles richtig – und verliert am Ende alles. Sein Ensemble hat den streng geheimnisvollen Auftrag, sich selbst im kerkerschwarzen Nichts zu verlieren. Stehenzubleiben. Festzufrieren. Stille Angst zu spielen. Geilheit zu denken. Liebe und Tod? Reine Behauptungen.

Diese Salome-Interpretation ist eine intellektuelle Totgeburt, wenn auch eine reizvolle, mit einem zugegebenermaßen genialen Einfall: der Streichung der ewig nervigen Dancing-Queen-Nummer. Rasche inszeniert ein finsteres Stilleben, präzise und hintergründig wie ein spanischer Hofmaler aus dem 17. Jahrhundert. Das Ergebnis ist berechnend klug. Doch der Weg dahin bisweilen langweilig.

 

Salome
von Oscar Wilde, übersetzt von Hedwig Lachmann
Regie / Bühne: Ulrich Rasche, Kostüme: Bernd Skodzig, Dramaturgie: Frederik Zeugke. Mit: Elmar Roloff, Anja Brünglinghaus, Nadja Stübiger, Zvonimir Ankovic, Boris Burgstaller, Rainer Philippi, Tom Wlaschiha.

www.staatstheater.stuttgart.de

 

Mehr lesen? Salome ist nicht das einzige Drama, in dem ein abgeschlagener Männerkopf eine zentrale Rolle spielt. Friedrich Hebbels Judith etwa erzählt von einer Frau, die durch die Enthauptung Holofernes' ihr Volk vor dessen Angriff bewahrt. Volker Schmalöer inszenierte Hebbels Stück im September 2008 in Kassel, Sebastian Nübling brachte es im Juli 2009 bei den Salzburger Festspielen im Verbund mit Vivaldis Oratorium "Juditha triumphans" auf die Bühne.

 

Kritikenrundschau

Die tragische Handlung um Oscar Wildes "Salome" spielt auf der Terrasse im Palast des Herodes, weiß Wilhelm Hindemith (Frankfurter Rundschau, 14.10.) In dieser Inszenierung sei dieser Boden "äußerst brüchig". Es herrsche "Einsturz-, ja Lebensgefahr: eine grandiose Idee". Rasche nehme dem "erotisch-heißen Stoff die pathetische Wucht", zeige "aber um so konzentrierter den aktuellen Kern des modernen Stücks". Die berühmte "Tanz-Stelle" des Stücks, "schon oft nach heutigen Bordell- und Nobelstandards serviert, wird in Stuttgart nur andeutungsweise realisiert. Statt den Tanz der "Sieben Schleier" zu geben, entblößt Salome ein wenig ihre Brüste unter der weißen Bluse, woraufhin Herodes in onanistische Verzückung fällt". Natürlich, findet Hindemith, "die Szene wäre unter den aktuell-sexistischen Umständen, welchen jeder Tatortkrimi gerecht wird, leicht zu machen. Gerade deshalb, scheint es, weicht Ulrich Rasche dem aus. Die Haltung leuchtet ein, die Szene überzeugt nicht." Denn sie sei der "Höhepunkt der Tragödie, der nicht bloß verweigernd-asketisch konterkariert werden kann". Auch die "allzu trockene, durchgängig unbeteiligte Rezitation des Textes durch Nadja Stübingers Salome beschwört nie eine bedrängend-zweideutige Lust und Begeisterung herauf". Die Inszenierung enthalte "ästhetische Plausibilität", die Figur der Salome "indessen bleibt eine fragwürdige Leerstelle. Unser Mitgefühl hat sie nicht erreicht."

Als "stille Messe der Angst und der kontrollierten Raserei" empfand Nicole Golombek von den Stuttgarter Nachrichten (10.10.) diese Inszenierung – wenn sie auch der Meinung ist, das Ulrich Rasches Lesart von Oscar Wildes Einakter nur bedingt aufgegangen ist. Denn der Regisseur und Bühnenbildner ereichten zwar durch ihr Setting der Figuren einiges an Suspense: es werde mit Suchscheinwerfern, mit Stille und Geräuschen gearbeitet. "Die Figuren in ihren Herrschaftskleidern, Anzügen und Abendkleidern bewegen sich auf geschwärzten Styroporplatten. Auf diesem unsicheren Boden brechen immer wieder Platten, es knirscht und knarrt. Die Menschen können noch so hoheitsvoll schauen, ihre Bewegungen sind unsicher, tastend, schwach." Doch nehmen diese Bühneneinfälle den Schauspielern aus Sicht der Kritikerin die Kraft, "diese kostümierte Arroganz der Macht und die kontrollierte Raserei wirklich kühl und hart auszuspielen". Wenn es allerdings zur "Szene aller Szenen" komme, dem berühmten Schleiertanz Salomes, "vergisst man all die Ungenauigkeiten". Hier wird der Abend, der sooft gewollt auf sie wirkt, für die Kritikerin wirklich zu Kunst.

Eindruck hat der Abend mit seiner "Welt auf brüchigem Boden" auf Dietholf Zerweck von der Esslinger Zeitung (10.10.) gemacht. "Bei jedem Schritt drohen die Protagonisten in den dünnen, schwarz getünchten Rigipsplatten einzubrechen, das ständige Knacken im Untergrund ist wie ein akustisches Menetekel." Dazu imaginiere der Regisseur zu Beginn in einer elektronisch gesampelten Stimmenperformance die biblische Landschaft Palästinas mit ihren Städten und Völkern. Später seien es "die religiösen Bekenntnisse der Pharisäer, die wie Lavabrocken auf die Szene niederhageln". Ulrich Rasche konzentriert Zerwecks Eindrck zufolge "alles auf die Ausdrucksfähigkeit von Wildes bildhafter Sprache in der Übersetzung Hedwig Lachmanns". Den Schauspielern gelinge es, allein durch Rhythmus, Tonfall und Tempo "die Figuren zu differenzieren."

Als "stille Messe der Angst und der kontrollierten Raserei" empfand Nicole Golombek von den Stuttgarter Nachrichten (10.10.) diese Inszenierung – wenn sie auch der Meinung ist, das Ulrich Rasches Lesart von Oscar Wildes Einakter nur bedingt aufgegangen ist. Denn der Regisseur und Bühnenbildner ereichten zwar durch ihr Setting der Figuren einiges an Suspense: es werde mit Suchscheinwerfern, mit Stille und Geräuschen gearbeitet. "Die Figuren in ihren Herrschaftskleidern, Anzügen und Abendkleidern bewegen sich auf geschwärzten Styroporplatten. Auf diesem unsicheren Boden brechen immer wieder Platten, es knirscht und knarrt. Die Menschen können noch so hoheitsvoll schauen, ihre Bewegungen sind unsicher, tastend, schwach." Doch nehmen diese Bühneneinfälle den Schauspielern aus Sicht der Kritikerin die Kraft, "diese kostümierte Arroganz der Macht und die kontrollierte Raserei wirklich kühl und hart auszuspielen". Wenn es allerdings zur "Szene aller Szenen" komme, dem berühmten Schleiertanz Salomes, "vergisst man all die Ungenauigkeiten". Hier wird der Abend, der sooft gewollt auf sie wirkt, für die Kritikerin wirklich zu Kunst.

Eindruck hat der Abend mit seiner "Welt auf brüchigem Boden" auf Dietholf Zerweck von der Esslinger Zeitung (10.10.) gemacht. "Bei jedem Schritt drohen die Protagonisten in den dünnen, schwarz getünchten Rigipsplatten einzubrechen, das ständige Knacken im Untergrund ist wie ein akustisches Menetekel." Dazu imaginiere der Regisseur zu Beginn in einer elektronisch gesampelten Stimmenperformance die biblische Landschaft Palästinas mit ihren Städten und Völkern. Später seien es "die religiösen Bekenntnisse der Pharisäer, die wie Lavabrocken auf die Szene niederhageln". Ulrich Rasche konzentriert Zerwecks Eindrck zufolge "alles auf die Ausdrucksfähigkeit von Wildes bildhafter Sprache in der Übersetzung Hedwig Lachmanns". Den Schauspielern gelinge es, allein durch Rhythmus, Tonfall und Tempo "die Figuren zu differenzieren."

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