Die dummen Streiche der Reichen

von André Mumot

Göttingen, 10. Oktober 2009. Die Stimmung ist gut. Es ist so eine Schmunzel- und Kicherpremiere, vor allem deshalb, weil der alte Lear immer so schön schimpft, über die Frauen zum Beispiel: "Drüber sind sie Gottes Erbe, drunter gehört alles dem Teufel!" Und dann macht er "Pfui, pfui, puuh, ihh, ihgitt!" und meint natürlich insbesondere seine beiden raffgierigen älteren Töchter. Die Regan (Marie-Isabel Walke) und die Goneril (Gaby Dey) sind aber auch zwei Bilderbuchzicken, und wenn sie einander schließlich gegenüberstehen, verschlägt es ihnen glatt die Shakespearsche Sprache und sie können sich nur noch zähnefletschend ankeifen. Wieder so ein Lacher, vermutlich ein geplanter. Aber es gibt auch ungeplante. Das sind die schlimmeren.


Wenn Lear auf die Heide geht etwa und sich im Stück seine Wut in hilflosen Wahn verwandelt. Als vorzeitig abgedankter Machtmensch rennt Johannes Granzer cholerisch über die Bühne und reißt aus den drei Computerterminals, die sein Bewegungsfeld abstecken, die Kabel heraus. Dann knallt es ordentlich, es macht Puff und Peng, und Stichflammen schießen sehr putzig aus den angejahrten Monitoren. Anschließend wird am linken Bühnenrand dröhnend die Windmaschine angestellt, und die pustet Unmengen bedruckter Papierseiten durch die Gegend, so dass es in Lears  kleinem Reich nach dem ganzen Budenzauber aussieht wie an der New Yorker Börse nach besonders wilden Tagen.

Herrschaft auf bloßem Schein basierend

Aber Shakespeares "Lear", diese defätistische Orgie, die eine ganze Welt verdunkelt und ihre Sinn und Halt und Ordnung suchenden Figuren ohne Erbarmen quält, wird an diesem Abend in Göttingen nicht ohne Grund in einen ziemlich übersichtlichen Raum umgesiedelt. In einen Raum, an dessen Rückwand eine Weltkarte aus Styroporbausteinen auf Neuaufteilung wartet und in dem besagte Computerterminals den intriganten Schwestern nicht nur dazu dienen, sich E-Mails zu schreiben, sondern offenbar auch dazu, die fallenden Aktienkurse im Blick zu behalten.

Denn Intendant und Regisseur Mark Zurmühle hat, laut Programmzettel, eine sehr konkrete Analogie im Sinn: "So wie die Kapitalblase mit dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers platzte und damit ein bis dahin scheinbar unverrückbares System (...) fragwürdig werden ließ, muss auch Lear einsehen, dass seine bisherige Herrschaft auf bloßem Schein basierte."

Basta-Mentalität in Alt-Britannien

Aber der verkrampfte Aktualitätssinn bleibt oberflächlich, und die Kapitalismuskritik beschränkt sich auf Äußerlichkeiten, auf das angedeutete Börsenparkett und die Kostüme. Die Männer tragen Businessanzüge, die Damen enge Röcke und Strickjäckchen. Und so stereotyp sie gekleidet sind, so stereotyp müssen sie auch aus ihren Rollen leicht zu durchschauende Karikaturen machen.

Der Lear des Johannes Granzer bleibt deshalb stets derselbe selbstverliebte Machtmensch mit barscher Basta-Mentalität. Senilität und Zaghaftigkeit werden ihm nicht zugestanden, dafür kann er dann aber bis zum Ende egomanisches Feindbild bleiben. Einzig Benjamin Berger bekommt als verleumdeter Edgar, der lehmverschmiert den Irren spielt, immer wieder die Chance, zu zeigen, wohin nachfühlende Vertiefung den Abend hätte führen können. Wenn er sich in angstgeschüttelter Verzweiflung an Lear und seinen Narren klammert (den Sybille Weiser zur niedlichen, piepsstimmigen Nymphe macht), wird minutenlang klar, dass es hier tatsächlich um Menschen gehen könnte, womöglich um uns.

Vom Ehebrechen, Hauen, Würgen und Stechen

Aber für solche Ruhepunkte, in denen Text und Figuren und Zuschauer zum Atmen kommen könnten, bleibt keine Zeit. Irgendwie müssen in zweieinviertel Stunden jede Menge Handlungsstränge zu ihrem blutigen Ende gebracht werden, und das lässt sich eben besser über Eindeutigkeiten erledigen. Die sind dann aber oft auch derartig eindeutig, dass in den Zuschauerreihen erneut aufgegluckst wird. Wenn Gloster auf sehr pathetische Weise geblendet wird zum Beispiel, wenn aus heiterem Himmel bei den zänkischen Schwestern die Ehebrecherei losgeht und das ganze Hauen und Stechen, das Würgen, Vergiften und Zu-Tode-Prügeln seinen mechanisch grotesken Lauf nimmt.

Fast scheint es, als wollte die Inszenierung uns gerade in ihrem Aktualitätsanspruch beruhigen, uns sagen: Das sind ja bloß die lächerlichen Kapitalisten, die sich da oben gegenseitig ausradieren - nur die dummen Streiche der Reichen. All die Brutalitäten? Nur selbst verschuldete Stürme im Wallstreet-Wasserglas. "So wird die große weite Welt sich abnutzen zu Nichts", sagt Gloster einmal. Kichern, Achselzucken, Gleichgültigkeit. Auch das ist eine bittere Moral.

 

Die Tragödie des König Lear
von William Shakespeare
übersetzt von Luc Bondy, Marie-Luise Bischofberger und Jeff Layton.
Übertragung der Narrenlieder von Peter Handke
Inszenierung: Mark Zurmühle, Bühne: Eleonore Bircher, Kostüme: Ilka Kops, Musik: Fred Kerkmann.
Mit: Benjamin Berger, Gaby Dey, Johannes Granzer, Gerrit Neuhaus, Jan Pröhl, Ronny Thalmeyer, Meinolf Steiner, Andreas Jeßing, Marie-Isabel Walke, Sybille Weiser, Gerd Zinck, Jost Lömpcke, Reinhardt Lupp.

www.dt-goettingen.de

 

Mehr lesen zu Lear? Shakespeares Stück entpuppt sich als einer der wichtigsten Intendanten-Gradmesser des Saisonauftakts 2009/10. So wurde bei nachtkritik.de bereits heftig über Karin Beiers existentiellen Acht-Frauen-"Lear" in Köln gestritten, ebenso wie über Elmar Goerdens Bochumer "Lear"-Version, die die Großtragödie als Familiendrama der besseren Gesellschaft erzählt.

Kritikenrundschau

Für Peter Krüger-Lenz vom Göttinger Tageblatt (12.10.2009) ist Mark Zurmühles "König Lear"-Premiere in unbeabsichtigten Sinne tragisch verlaufen. Wie fast alle Inszenierungen der letzten Zeit komme auch dieser "Lear" nicht "ohne den Verweis auf die Schieflage der (Finanz-)Welt aus". "Was vielversprechend und nachvollziehbar beginnt", ende im Nichts, und "was gewaltig aussehen sollte, wirkt wie Budenzauber". Sybille Weiser spiele die Cordelia, "ein bisschen pubertierend cool, ein bisschen arrogant, mit naivem jugendlichen Selbstbewusstsein", was die Figur kleiner mache als sie sein sollte. Dass immer fast alle Akteure auf der Bühne anwesend seien, hält der Kritiker für einen "nachvollziehbaren Regiezug, weil immer alle am Eskalieren beteiligt, weil immer alle vom Fortgang der Ereignisse betroffen sind". In der Praxis hingegen "nehmen sie sich Raum. Sie neutralisieren sich. So wird das große Drama kleingespielt." Gegen Ende gibt es "machtvolle Szenen, mit viel Theaterblut ausgestattet, doch nicht wirklich berührend". Tragisch auch, "das an einigen Stellen gar unfreiwillige Komik das Publikum in der Premierenvorstellung zum Kichern bringt".

 

 
Kommentar schreiben