Im Kabarett einer missglückten Kontextverschiebung

von Ralph Gambihler

Leipzig, 15. Oktober 2009. Ein genialischer Abend. Ein verkorkster Abend. Eine Unmöglichkeit. Wie man sich das vorzustellen hat? Zum Beispiel so: Thomas Thieme, der wunderbare Schauspieler und gelegentliche Regisseur, ist mit Büchner nach Leipzig gekommen, um die Sache der Revolution zu erkunden. Er zielt in die Tiefe, wo das aktuelle Gedenken in die Breite geht. Er will das Pandämonium, nicht das Pathos von 1989. Großes jedenfalls.

Und irgendwie scheint ja auch alles so schön zusammen zu passen: hier die Erinnerung an die Leipziger Montagsdemonstraten und ihre friedliche Revolution, da der historische Woyzeck, der 1824 auf dem Leipziger Marktplatz hingerichtet wurde, dort die Revolutionsgelüste der ostdeutschen Einheitsverlierer. Wenn das keine Konstellation ist.

Das haben wir davon

Der erste von drei Teilen, ein knapp 20minütiger Schwarz/Weiß-Film, ist eine realitätsnah anmutende Büchner-Fantasie über die Gegenwart. Nach dem Muster einer TV-Reportage begleitet die Kamera Woyzecks Kumpan Andres und dessen Freundin durch das Leipzig des 21. Jahrhunderts. Die beiden sind zutiefst empört über die Herrschaft des Geldes in ihrem Leben. Sie fühlen sich chancenlos, ausgegrenzt und verraten. "Die Miete kann ich nicht bezahlen … Das ist das Ergebnis der Revolution", schimpft die Freundin und fühlt sich von der Regierung "total verarscht".

Andres nickt, will aber möglichst schnell aus seiner Ohnmacht raus. Sein Ausweg heißt Gewalt. Schon begutachten die beiden bei einem Waffenhändler allerlei Schießgerät, wenig später ballern sie trainingshalber auf einem Feld herum – eine beklemmende, gespenstische Szene. Über dem Plan, Kugeln sprechen zu lassen, kommt es schließlich zu einem Riss in der Beziehung. "Du bist schwarz innen drin, völlig schwarz", sagt Andres' Freundin auf einmal, dunkel entsetzt über die rauschhafte Schießwütigkeit und das Blitzen in den Augen ihres Liebsten.

Es folgt: eine scharfe Kontext-Rolle rückwärts. Die Regie lässt, nachdem der Film vorbei ist, auf der Bühne einen Laienchor aus brav herausgeputzten Männern im Rentenalter Aufstellung nehmen. Es wird nun Liedgut aus den Zeiten der Weltrevolution abgesungen, feierlich und stocksteif wie bei einer Tagung des Zentralkommittees der SED. Der Kampf und der Stolz der Arbeiterklasse erklingt in Dur, inklusive DDR-Hymne und kleinem Trompeter.

Man schmunzelt ein bisschen

Dem Sozialdrama wird so gewissermaßen eine Stück des Geschichtsdramas untergejubelt, die Revolutionsduselei, der Agitationsschmalz, auch die große Hoffnung, die darin lag. Doch der Zündstoff verpufft in der Nummernhaftigkeit, mit der die Singeinlage daher kommt. Man schmunzelt bloß.

So geht es öfter in diesem 80 Minuten kurzen Büchner-und-Revolte-Dreisprung: Man spürt wohl die Umrisse von großem Theater, stellenweise sogar einen Hauch von Geniestreich. Auf halber Strecke sind sie aber steckengeblieben in Schwundstufen der eigenen Idee.

Wie halbgrandios und halbgar der Abend geraten ist, spürt man gerade im letzten Teil, dem eigentlichen Büchner-Drama in Form einer szenenweise ummontierten und verknappten "Woyzeck"-Version mit apliziertem DDR-Material. Es ist dies der große Moment von Jimmy Hartwig, dem EX-Fußballprofi, der die Bühne für sich entdeckt hat, unter anderem neben Ben Becker in Thiemes "Baal" von 2002 am Nationaltheater Weimar, vorübergehend auch im "Dschungelcamp" von RTL.

Offiziere im besonderen Einsatz

Jimmy Hartwig ist also Woyzeck, der Inbegriff des traktierten, ohnmächtigen Menschen. Scheinbar angewurzelt steht er vorn an der Rampe, stramm und ängstlich wie ein Soldat, der gleich rund gemacht wird. Er ist nackt bis auf die Unterwäsche, hinter ihm funkelt gülden und höhnisch das Bühnen-Dickicht aus 1001 Glitzergirlande, das Katrin Brack aus dem Schnürboden der Geschichte hängen lässt.

Man nimmt Jimmy Hartwig diesen eher gemütvollen als verhetzten Underdog, der rustikales Hessisch babbelt, gerne ab. Die Weichheit, die Ergebenheit, die paradoxe Körperlichkeit, die Jimmy Hartwigs noch immer imposanter, von drei überstandenen Krebsleiden keineswegs gezeichneter Astralkörper verströmt – es fügt sich.

Allmählich aber kommt eine zweite, nur zu bekannte Begriffsebene ins Spiel. Der aufbrausende Hauptmann (Thomas Lawinky) und der kaltschnäuzige Doktor (Hagen Oechel) räsonieren plötzlich über eine "12. Verwaltung". Der "Genosse" schleicht sich in die Anrede ein und die beiden Herren geben sich als "OibE Keiler" und "OibE Steinadler" zu erkennen, "Offiziere im besonderen Einsatz".

Woyzeck muss sich neben allen Originalgemeinheiten anhören, dass er keine "sozialistische Moral" hat, weil er an die Wand pisst. Schließlich erlebt er seine Ruck-zuck-Anwerbung als "IM Kongo". Handschlag. Vergatterung. Weitermachen. Da schlägt die Regie einen Bogen, den der Stoff nicht hergibt – und landet im Kabarett einer missglückten Kontextverschiebung. Bis Marie (Barbrara Trommer) schließlich einen ganz normalen Büchner-Tod stirbt, nur ohne Messer.

 

Büchner/Leipzig/Revolte (UA)
Nach Georg Büchner
Regie: Thomas Thieme, Ausstattung: Katrin Brack, Musikalische Leitung: Erik Schober, Video: Nikolai Eberth. Mit: Manolo Bertling, Jimmy Hartwig, Thomas Lawinky, Hagen Oechel, Barbara Trommer, Henrike von Kuick u. a., sowie dem Projektchor BÜCHNER/LEIPZIG/REVOLTE.

www.centraltheater-leipzig.de


Zuletzt verwandelte sich das Leipziger Centraltheater in einen Ballsaal: Das dänisch-österreichische Regie-Duo Signa eröffnete die Spielzeit 2009/2010 mit Germania Song.

Kritikenrundschau

Auf Figaro, dem Kulturradio des MDR, dankt Wolfgang Schilling (zum 16.10. runterscrollen), für einen wirklich "großartigen, bescheidenen, uneitlen und wahrhaftigen Abend". Den großen Themenkomplex habe Thomas Thieme "mit klugem Blick aufs Ganze", mit "einer ganz sicheren Hand für die Führung seiner hervorragenden Schauspieler", mit "Lockerheit und Witz, Gesang und Film" angerichtet. Beim Wiederhören der DDR-Nationalhymne (alle Strophen), vorgetragen von einem "alt gewordenen DDR-Männerchor, wie man ihn sich in seiner beige-beanzugten Pracht nicht besser vorstellen könnte", fand Schilling, dass dieses Lied eigentlich die richtige Hymne für das heutige Deutschland sei – "da ist ja was in Erfüllung gegangen". Jimmy Hartwig sei als Woyzeck "sehr gut", er brauche dafür nur seine "Präsenz und seine Fähigkeit, sich in dieses arme Würstchen Woyzeck hineinzudenken und zu –fühlen". Wenn plötzlich ganz andere Worte fielen, der Hauptmann vom Moskauer Exil erzähle, "vom Walter, dem Willi, dem Herbert, dem Verräter", und der Genosse Hauptmann den Woyzeck als "IM Kongo vergattere – "ja, da sind wir plötzlich in einer ganz anderen Zeit. Und wenn der im Leben echte 'IM Beckett' und heutige Schauspieler Thomas Lawinky das heute tut, dann zeigt das nur einen Teil des Verstricktseins eines jeden Einzelnen in die großen Zusammenhänge." Das alles erzähle Thieme "ganz entspannt und ohne jeden Zeigefinger und Anspruch auf Gerechtigkeit.

Nina May schreibt in der Leipziger Volkszeitung (17.10.): Büchner sei derzeit angesagt an deutschen Theatern, kein Wunder, stünde er doch noch immer für "einen Aufbruch in die Moderne, in eine Zeit, in der auch ein Mann aus dem Volk zum Tragödienheld taugt". Thomas Thiemes Verknüpfung von "Woyzeck" mit den Leipziger Montagsdemonstrationen und der Friedlichen Revolution erscheint May als ebenso "mutig" wie "dünn". "Dieser kühne Regieansatz gerate "im Laufe des Abends in Vergessenheit". - "Büchner/Leipzig/Revolte“ beginne "viel versprechend" mit einem Video-Vorspann, der "den Willen zur Revolte" zeige, der aber seine "Antagonisten" verloren habe. Im zweiten Teil ist die Revolution bereits zur "Goldgirlande" der herabhängenden "Lamettafahnen" verkommen. In einem "kongenialen Um-die-Ecke-Denken" werde "die auch schon revolutionäre Utopie eines Arbeiterstaates vor den Montagsdemos bloßgestellt." Mit "Woyzeck" jedoch verkomme das Thema "Friedliche Revolution" zur "löchrigen Folie, die am Büchner-Stoff nicht haften bleiben" wolle. Woyzecks Mord an Marie sei schließlich keine "Revolte gegen die Unterdrücker", sondern "die Tat eines Hilflosen". Hilflos wirke auch Jimmy Hartwig als Woyzeck. Trotz seiner Vitalität werde er von Oechel, Lawinky und Trommer "an die Goldgirlande gespielt".

Thieme sei bei seiner Inszenierung ein "kreativer Kurzschluss" unterlaufen, urteilt Andreas Hillger in der Mitteldeutschen Zeitung (17.10.). Der lokale Bezug und das Thema der "Zurichtung einer armen Kreatur unter diktatorischem Zwang" wären Stoff genug gewesen, um Büchner, Leipzig und die DDR zusammenzubringen, meint er. Aber Thieme ziehe mit einem Film zusätzliche Linien zu "Revolten-Attitüden der Nachwende-Kinder" und mache sich nicht nur mit "Agitprop-Folklore" aufwändig über die SED lustig, sondern schalte Büchners Drama und das Ende der DDR streckenweise sogar parallel. Zwar werde bei Jimmy Hartwigs Woyzeck "das Unzulängliche zum Ereignis" und auch Thomas Lawinky gelinge es, "den Kasernenhof-Ton von Woyzecks Hauptmann nahtlos in die gefährliche Vertraulichkeit eines Stasi-Offiziers zu überführen". Aber: "Wie sich Woyzecks Wahn mit der Wende und Maries Tod mit dem Triumph einer gewaltlosen Menge verbinden ließe – die Antworten auf diese Fragen bleibt der Abend schuldig."

In der Tageszeitung Die Welt (17.10.) stellt Matthias Heine fest: "Jimmy Hartwig als Woyzeck ist gar nicht schlecht." Sein hessischer Dialekt bewahre den "Amateurschauspieler Hartwig davor, so zu klingen wie ein darstellerischer Dilettant, der die Profis nachahmt". Einerseits. Andererseits verleihe er ihm eine "angenehme Natürlichkeit", die "paradoxerweise" noch dadurch verstärkt werde, dass Hartwig "meist steif mit dem Gesicht zum Publikum an der Rampe des Leipziger Centraltheaters steht". Doch die Inszenierung erschöpfe sich "in einem frechen Regieminimalismus, der niemals wie gewollt wirkt, sondern einfach nur wie nicht gekonnt." Es gehe bei dem Abend, so belehre der Programmzettel, "ganz allgemein um den ‚Mensch in der Revolte’ ". Die Montagsdemonstranten würden sich freuen, "mit einem tragisch irren Eifersuchtsmörder in einen Topf geworfen zu werden." - "Sein Regiehonorar sollte Thieme für verarmte Stasiopfer spenden oder davon Waffen für Rebellen kaufen. Es zu behalten wäre - um es in der Sprache der Revolte zu sagen - eine Systemschweinerei."

Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (17.10.) hat einen "unausgereiften, konzeptionell schwach und szenisch platt zusammengeschusterten Abend" gesehen, "der, statt ein kritisches, historisches Panorama zu bilden, in drei flaue Teile zerfällt". Erst der Film über zwei "Möchtegern-Revolutionäre", dann "nicht enden wollendes sozialistisches Liedgut" und schließlich "Woyzeck". Jimmy Hartwig in der Titelrolle tröste mit seinem angenehm authentisch-laienhaften, fränkischen Dialekt zwar ein wenig über "die Billigkeit hinweg". Dennoch gehe der Ansatz, Woyzeck "als Opfer der DDR und deren '12. Verwaltung'" zu zeigen, nicht auf.

In der Berliner Zeitung (17.10) verweigert Ulrich Seidler dem Thiemeschen Potpourri die Kritik, indem er die realsozialistische Besprechung eines Kulturprogrammes "zum 60. Geburtstag unserer Deutschen Demokratischen Republik performt ("Der Regisseur Thieme trug dem Fragment-Charakter der Vorlage Rechnung und vollendete dennoch die Thesen des allzu jung gestorbenen Büchner, indem er das Drama in ein kämpferisch-sozialistisches Nummernprogramm einbettete...."). Lustige Affirmation, die in der Passage mündet: "Büchners Erben in Anorak – waren sie nicht auch zur Stelle, als vor 20 Jahren 70 000 Unruhestifter in der Heldenstadt Leipzig die Abschaffung der sozialistischen Errungenschaften betrieben? Oder hab ich da was verwechselt?"

In der Berliner tageszeitung (19.10.) schreibt Johanna Lemke : Nach dem Vorfilm folge im Leipziger Tryptichon ein streitbares Intermezzo: "Dreißig Männer im Rentenalter" singen "emotionslos und gleichzeitig ergriffen - wie beim ordentlichen Fahnenappell - … DDR-Arbeiterlieder." Die "Irritation und Unruhe", die beim Publikum aufkommt, spräche "Bände": Worüber "wir uns einst definiert haben, berührt uns jetzt peinlich oder geht schlicht auf die Nerven." Für den folgenden "Woyzeck"sei der Hesse und Nicht-Schauspieler Jimmy Hartwig ein Glück. Er presse jeden Satz "in breitestem Hessisch hervor, unfähig, ihm eine Gestalt zu geben". In "unbeholfener Haltung", stehe er bewegungslos vorn an der Bühne. "Weil ein so weiches Seelchen in ihm wohnt, hat Woyzeck den massiven Leib auf Abwehr geschaltet - bis zur körperlichen Erstarrung." Wenn "die DDR", verkörpert durch Thomas Lawinky und Hagen Oechel, fortwährend Woyzeck verbal malträtiere, dann schaffe seine "unbändige Wut, die unter der Restriktion erstarrt", mehr "DDR-Geschichte, als es jedes Arbeiterlied vermag".

 

 
Kommentar schreiben