Kinder an die Macht!

von Michael Laages

18. Oktober 2009. Vielleicht war es ja in der Geschichte vom kleinen dicken Ritter Oblong-Fitz-Oblong; aber ganz sicher ist das nicht. Irgendwann und irgendwo jedenfalls in der weiten Welt der "Augsburger Puppenkiste" existierte mal eine "Blechbüchsenarmee", deren Mitkämpfer tatsächlich in ebensolchen steckten und sich beim Angriff auf den jeweiligen Feind einfach, schepper-schepper-schepper-roll-roll, den Berg herunter rollen ließen, auf dem günstigerweise ihre Burg stand.

Schlacht um den Thron

Keine Ahnung, wer noch beim Betreten des Bremer Theaters am Goetheplatz von dieser Kindheitserinnerung befallen werden wird, wenn "Die Macbeth Tragödie" auf dem Spielplan steht – da ist dann zwar nicht direkt eine Blechbüchsen-, aber immerhin eine Pappkameraden-Armee versammelt, bereit zur Schlacht um den schottischen Thron. Komplett ist das Personal der Inszenierung von Frank-Patrick Steckel in ulkige Rüstungen aus Pappe und Bändern geschnürt, wie sie sich Kinder früher für den Fasching zusammen schneidern und schnüren ließen von aufopferungswilligen Müttern und Vätern.

Vorn und hinten unterschiedlich eckig zugeschnittene und mit gruppenbildenden Zeichen bemalte Schilde, Beine und Arme mit entsprechenden Schienen umgürtet, das ganze von starken Bändern zusammen gehalten; ulkig geformte und gefaltete Hüte und Helme auf den Köpfen, und selbst die Hände in Handschuhe gezwängt, die entfernt an Nosferatus monströse Riesenfinger erinnern, und (ganz wichtig!) Holzschwerter.

Klappern, schepppern und zeremonielles Bewegen

Sabine Böings Kostüme (und Steckels wichtigster Inszenierungsgedanke) fordern alle Kräfte. Dieses komplett verschnürte Ensemble auf der Bühne wird zwar mächtig klappern und scheppern von nun an; sich darum im eigenen Interesse aber stets äußerst vorsichtig und zeremoniell bewegen – das ist gewollt, und eine der einfachsten Folgen solch ausgefallener Kostüm-Ideen, mit denen Steckel ja öfter schon gearbeitet hat. In Bremen wird das Ritterspiel aber vor allem zum Fest für das komplette Personal der Ausstattungsabteilung. Lärm wie vom Kinderspielplatz erklingt dann zum eingefrorenen Eröffnungs-Panorama, und Odetta, eine der Königinnen des schwarzen Gospel, singt dazu vom "motherless child".

Im ersten Staunen über dieses kleine Wunderwerk erklärt sich aber vor allem sofort, wohin der Abend führen wird: mitten hinein in einen Traum aus Kindertagen. Der ist, das ist die erste Konsequenz, weit weniger schwarz, als wir "Die Macbeth Tragödie" (wie Steckel die eigene neue und ziemlich grandiose Übersetzung überschreibt) bislang kannten. Tatsächlich schauen wir hier keinem Finsterling zu, der vom noch finstereren Weib die letzen Skrupel gegenüber Königs- oder Kindermord ausgetrieben bekommt. Eher beginnt ein noch ungezähmtes Kind auszuprobieren, wie weit es jeweils gehen kann, nachdem ihm sonderbare Zauberwesen (hier monströs maskierte und klug choreographierte Schicksalsschwestern, hexenhaft wie wiederum aus der Puppenkiste) vielversprechende Phantasien eingeblasen haben.

Spielerischer Niedergang der zivilisierten Welt

Glenn Goltz in der Titelpartie schaut sehr skeptisch drein, als sie diesen Noch-nicht-König auf die Spur setzen, die hin führen soll zur Macht. Und bis zum Schluss bleibt er fern jeder Verzweiflung, wenn sich die Weissagungen eine nach der anderen in Luft auflösen – und erst der Wald von Birnam zu wandern beginnt und dann auch noch der Gegner Macduff sich als Frühgeburt outet: "nicht aus eines Weibes Schoß gefallen", und folglich der ist, der ihn zur Strecke bringen wird.

Pech gehabt, das sagen die letzten Gesten, dumm gelaufen, das Ganze, am Ende. Aber war nun alles falsch darum? Unter dieser Voraussetzung schauen wir der Geschichte ganz anders zu. Sie kann (wie Steckel im Programmheft postuliert, in dem auch die Übersetzung gedruckt ist) eben nicht stellvertreterhaft-kathartisch das Schuldbewusstsein des Betrachters entsühnen. Konsequent, wenn auch ein wenig arg oberlehrerinnenhaft halten die drei Hexen dem Publikum nach dem Ende des großen Kindes an der Macht dann auch die eigene Gier vor, die ihren Teil beisteuert zum Niedergang der zivilisierten Welt – aber klar zeigt Steckel in jedem Augenblick, was und wohin (und wohin nicht) er will mit dieser alten Geschichte.

Neu erfunden für alte Recken

Sie sieht ganz anders aus als sonst – und ist sehr neu erzählt. Die Übersetzung ist auch, aber nicht nur modern und heutig, obwohl es Begriffe gibt wie "hin und weg" und noch ein bisschen mehr dieser Sorte. Grundsätzlich aber ist sie streng und genau. Die auf Knappheit forcierte Grammatik fordert die ganze Kunst des Sprechens auf der Bühne – und hier schleichen sich dann die ersten Defizite ein; naturgemäß an einem Theater, dessen Männer-Ensemble durchaus nicht nur allererste Klasse birgt.

Eigentlich – dieser Gedanke drängt sich immer wieder auf – ist auch dieser Steckel-Shakespeare wieder für die Recken von früher konzipiert: Bruno Ganz, Michael König, Werner Rehm, Wolf Redl, die ganze alte Schaubühne eben, wo alles begann für diesen Regisseur … Hier in Bremen schnurrt das Stück schon fast zusammen auf Macbeth selber und Susanne Schrader als Lady, und trotz einiger klarer, kräftiger Soli drum herum ist die Blechbüchsenarmee eben die Blechbüchsenarmee. Als solche ist sie prima.

Klare Gedanken, kraftvolle Umsetzung

Sonst wird nicht viel benötigt: Sabine Böings rupfiger Teppichboden, karg wir totes, unbeackertes Land; Ronald Steckels pointiert gesetzte Trommel-Sounds. Und Bruder Frank-Patrick, dieser alte Fuchs, der jeden Trick kennt im Theater, zeigt einmal mehr, was das wichtigste ist an einer Inszenierung: dass einer weiß, warum er tut, was er tut. Nur so – und ohne sie manipulieren zu müssen – kann er "Die Macbeth Tragödie" noch mal ganz von vorn erzählen. Inszenierungen wie diese, Gedanken von dieser Klarheit und szenische Umsetzungen von dieser Kraft wären vielen anderen Theatern durchaus zu wünschen gewesen am Beginn der neuen Saison.

 

Die Macbeth Tragödie
von William Shakespeare
Inszenierung und Übersetzung: Frank-Patrick Steckel, Bühne und Kostüme: Sabine Böing, Musik: Ronald Steckel.
Mit: Dion Arensmann, Martin Baum, Tobias Beyer, Martin Bringmann, Jan Byl, Glenn Goltz, Thomas Hatzmann, Gerhard Palder, Christoph Rinke, Susanne Schrader u.v.a.

www.theaterbremen.de

 

Mehr zu Bremer Inszenierungen von Frank-Patrick Steckel? In jüngster Zeit waren Plutos am theaterlabor und Brechts Die Heilige Johanna der Schlachthöfe am Theater Bremen zu sehen.

 

Kritikenrundschau

Reinhard Tschapke schreibt in der in Oldenburg erscheinenden Nordwest Zeitung (20.10) über Frank-Patrick Steckels "Pappkameraden auf Sinnsuche": Steckel mache aus Macbeth weder "Monty-Python-Ritter" noch haue er das Stück "zu Klump". Denn Steckel sei ein "ernster Regisseur", der tatsächlich noch meine, "Theater könne zum Nachdenken anregen". Er konzentriere sich "auf das sprachliche und psychische Drama von Macbeth". Vor der Pause sei es Lady Macbeth – Susanne Schrader als "eiseskalte Blondine" – die den Gatten durch "negative Rhetorik" dazu antreibe, die "Macht zu erringen". Sie locke "nicht sinnlich, sondern sachlich mit Argumenten". Doch erst nach der Pause vollziehe sich das "eigentliche Drama des Macbeth" – die "heftige Suche nach dem Sinn des Lebens" mit trostlosem Ergebnis. Höhepunkt des Abends, wenn Goltz den Zuschauern das letzte große Selbstgespräch des Königs von der Rampe aus "um die Ohren" haue: "Das Leben ist ein lügnerisches Märchen, erzählt von einem Idioten." Das könnte von Heiner Müller sein, sei indes von William Shakespeare. Vielleicht sei es zu viel "Gedankentheater", aber "letztlich" ein "spannender Abend".

Im Weser-Kurier (20.10.) stellt Sven Garbade fest: "Lebendiges Theater sieht irgendwie anders aus." Mit "deutlich mehr Deklamation als Inspiration" habe Steckel das Stück auf die Bühne gebracht. Das Stück, das ohnehin von zuviel Rhetorik belastet werde, fördere in Steckels Regie, die auf "kunterbunte Regie-Mätzchen" verzichte, den Theaterschlaf. Niemand brauche sich zu fürchten, alles sei schön hell beleuchtet und überhaupt berge die Inszenierung keine Überraschungen.  Mit dem "ins Verweichlichte verweisende Material" Pappe ginge, schreibt Garbade, auch ein "putziger Verniedlichungseffekt" einher. Die Pappkameraden sähen "ein bisschen wie Vogelscheuchen aus". Am ärgsten König Duncan. Mit "Zauberhut" und "Sandmännchen-Umhang" stolziere er als ein lächerlicher Meckerfritze einher. Wenn sich "an diesem Abend ein Regieeinfall" andeute, "huscht er wie ein flüchtiger Schatten durch das Bühnenleben" und bedeute nichts. "Erschwerend" komme Steckels Übersetzung hinzu, die "mit ihrem verschraubten Ton kaum verbesserten Grad an Verständlichkeit" leiste.

Im Bremer Anzeiger (21.10) schreibt Martin Märtens: Im Zentrum des Stückes stehe das Thema Macht. "Schon zu Beginn des Stückes, als König Duncan vom Sieg seiner Soldaten unter Führung von Macbeth erfährt, freut er sich diebisch und springt dabei wie ein kleines Kind auf und ab Wie es den Soldaten geht? Egal." Der Text stünde "im Zentrum des Geschehens", weshalb man das Werk auf eine "bisher unbekannte Weise kennenlernt".

In einer Kurzkritik in der taz-Nord (21.10.) schreibt Jan Zier: Steckel sehe das Stück "nicht als Drama des Ehrgeizes und auch nicht nur der Gier allein". Es sei "keine Oper der Gewalt, erst recht kein Ehedrama". Und er weigere sich, es "ins Hier und Jetzt zu übersetzen". Es gehe um "Eigenverantwortung und die bloße inhaltsleere Macht". Steckels Männerrollen seien "Playmobil-Figuren nicht unähnlich", wie "Hampelmänner", "quasi ferngesteuert", ohne "Antwort auf die Frage nach dem Sinn".

Über "lange Strecken traum- und märchenhaft erzählt", empfand Monika Nellissen, Steckels Macbeth-Version. Auf Welt Online (21.10.) schreibt sie: "Alle tragen Rüstungen aus Pappe, deren einzelne Teile mit Schnüren verbunden sind", und "die in ihrer fantasievollen Vielgestaltigkeit und ihrer zwischen beige, braun und schwarz changierenden Farbigkeit, neben ein bisschen Blutrot, das Faszinierendste dieser Inszenierung sind". "Mimik und Stimmmodulation" seien bei dieser Aufführung Nebensache. "Keine Geste, keine Körperwendung, kein Gang der Handelnden wirkt spontan, sondern gesteuert wie bei Marionetten. Sie finden sich einzeln, paarig oder zu Gruppen zusammen zu dem, so scheint es, einzigen Zweck, Bildkompositionen von großer Schönheit zu fertigen". Zum von Kinderstimmen gesungenen "Sometimes I feel like a Motherless Child", schneide Macbeth eine Krone aus Pappe aus. Das rufe "träumerische Kindheitserinnerungen wach: Wenn ich König wäre." Dennoch vermisst Nellissen etwas. "Irgendwann" bekämen wir große "Lust, ein Drama zu erleben und nicht gewissenhaft angeordnetes Deklamationstheater".

 

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