Der letzte Star des DDR-Theaters

Berlin, 25. Juli 2007. Erst starb mit George Tabori der Schutzheilige des deutschen Nachkriegstheaters. Nun hören wir, dass der Schauspieler Ulrich Mühe, nur 54 Jahre alt, seiner schweren Krankheit erlag. Als er am vergangenen Wochenende in einem Interview vom Ende seiner Karriere gesprochen hatte, und man in diesem Zusammenhang auch von seiner Krebserkrankung erfuhr, verhieß das bereits nichts Gutes.

Nachdem die letzte Krebs-Therapie in einem Berliner Krankenhaus nicht mehr anschlug, hatte sich Mühe vor zwei Wochen mit seiner Familie nach Walbeck in Sachsen-Anhalt zurückgezogen, wo seine Mutter und seine Brüder leben. Dort ist er am Sonntag gestorben.

Vor dem Hintergrund dieses viel zu frühen Todes gewinnt auch die erbitterte Auseinandersetzung im letzten Jahr um die Stasi-Kontakte seiner inzwischen ebenfalls an Krebs verstorbenen, zweiten Frau Jenny Gröllmann eine neue, tragische Dimension. Mühe hatte Gröllmanns Stasi-Verstrickung publik gemacht, als die Schauspielerin bereits todkrank war.

Viele Freunde und Wegbegleiter hatten Mühe diese Kampagne auch auf Grund des Gesundheitszustands von Jenny Gröllmann nicht verziehen und ihn verdächtigt, diese Geschichte nur zu verbreiten, um Florian Henckel von Donnersmarcks Film Das Leben der Anderen zu promoten. Dass Mühe damals selbst schon sehr krank war, wussten nur wenige. Er selbst hat erst wenige Tage vor seinem Tod öffentlich darüber gesprochen. Doch schon kurz nach der Oscar-Preisverleihung in Hollywood hatte er sich im Frühjahr einer schweren Magen-Operation unterzogen.

Von Donnersmarcks Film hatte die schmutzige PR auch gar nicht nötig. Im Wesentlichen lebte er von Mühes Darstellung des Stasi-Offiziers Gerd Wiesler, spielte Mühe hier noch einmal, was er am besten konnte: die unheilbar Zerrissenen, die verlorenen Söhne der Geschichte, ihre tragischen Prinzen und traurigen Clowns. All diesen Wieslers, Egmonts, Hölderlins, Grünbaums und wie sie sonst noch hießen, verlieh Mühe eine abgründige Blässe, eine sublime Durchschnittlichkeit, die er manchmal mit spröder Melancholie durchwirkte.

Seiner beachtlichen Film– und Fernsehkarriere der letzten 15 Jahren – er spielte u.a. in Filmen von Michael Haneke, Frank Beyer, Peter Timm, Dani Levy oder Helmut Dietl, im Fernsehen war er in der Serie "Der letzte Zeuge" der sensible Pathologe Dr. Robert Kolmaar – war eine noch beachtlichere Theaterkarriere voraus gegangen.

1953 im sächsischen Grimma geboren, hatte er an einer Zehnklassen-Schule sein Abitur mit Baufacharbeiter gemacht, eine in der DDR gängige Kombination. Seinen Armeedienst, den er zum Teil an der innerdeutschen Grenze ableisten muss, bricht er vorzeitig ab, weil er zum ersten Mal schwer magenkrank wird. Er geht zur Theaterhochschule "Hans Otto" nach Leipzig, dann in das Studio des Karl-Marx-Städter Theaters. In Karl–Marx–Stadt, das heute wieder Chemnitz heißt, hat er auch sein erstes Engagement. Dort spielt er Anfang der Achtziger Jahre in einer Inszenierung von Heiner Müllers "Der Auftrag" den Schwarzen Sasportas so eindringlich, dass Heiner Müller auf ihn aufmerksam wird und 1982 an die Berliner Volksbühne holt.

An der Volksbühne verkörperte er in Müllers "Macbeth"–Inszenierung gleich ein halbes Dutzend Rollen. Mit von der Partie waren damals auch die Schauspieler Hermann Beyer, Michael Gwisdek und Dieter Montag, mit denen Ulrich Mühe fünf Jahre später am Deutschen Theater in Heiner Müllers legendärer Inszenierung "Die Lohndrücker" auf der Bühne stand. Seine Darstellung des aalglatten Ex-Nazis Stettiner, der sich mühelos ins Gefüge der jungen DDR einpasst, um sie von innen auszuhöhlen, machte den damals Vierunddreißigjährigen endgültig zum Theaterstar, wohl dem Letzten, den das DDR-Theater hervorbringen sollte.

1990 spielte Mühe als Müllers "Hamlet" am Deutschen Theater die Rolle seines Lebens: der zwischen Reflexion und Handeln zerrissene Intellektuelle, über den die Geschichte hinweg geht und ihn schließlich unter sich begräbt. Mühe sprach den berühmten Text (Müller und Shakespeare) Wort für Wort, jedes einzelne wie seziert. Denken muss ein quälender Prozess sein, wenn ihm kein Handeln folgen kann, dachte man damals. Mühe konnte das Entsetzen über diese Ohnmacht zwischen den Worten hervorquellen lassen, wie heute nur selten ein Schauspieler noch.

In den Neunziger Jahren verließ Mühe dann das Theater, ein Verlust, den auch seine Erfolge bei Film und Fernsehen nicht wirklich aufgewogen haben, obwohl man auch sagen kann, dass Mühe der erste gesamtdeutsche Film- und Fernsehstar war. Am Mittwoch ist Ulrich Mühe im Kreis seiner Familie begraben worden. Solche wachsen nicht so leicht nach, sagt man wohl. Ulrich Mühe hinterlässt seine Frau, die Schauspielerin Susanne Lothar und fünf Kinder aus drei Ehen, darunter der Fotograf Andreas Mühe aus seiner Ehe mit Annegret Hahn und Anna Maria Mühe, aus der Ehe mit Jenny Gröllmann, die inzwischen selbst Schauspielerin ist.

(sle)

 

 

 
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