Herbert, der Gezeichnete

von Esther Slevogt

Berlin, April 2007. Es ist wahrscheinlich eines der aufwändigsten Bilderbücher, die seit langem erschienen sind, ein veritables Stück Buchkunst, das nach den vielen virtuellen Hamletvariationen der letzten Jahre nun auffällig ausdrücklich auf physische Präsenz und Sinnlichkeit setzt: Herbert Fritschs neueste Hamlet_X-Darreichung, für die er sich diesmal mit Sabrina Zwach, Dramaturgin und Fachfrau für ästhetische Praktiken aller Art, zusammengetan hat.

Samtene graue Pappdeckel mit dickem Yves-Klein-blauen Lettern halten in einem goldenen Buchrücken insgesamt 111 handgezeichnete Seiten zusammen: Darin taumeln mit grobem Bleistiftstrich gezeichnete Figuren mit Clark-Kent-Appeal (das ist das bürgerliche Alter-Ego von Superman), durch Seiten und Sätze aus dem Hamletuniversum eines Sprachverliebten: "My Dad ist dead" zum Beispiel – oder seine ödipushafte Zuspitzung "Dad or a live". "It's a Sinn!" schreit einem woanders ein schraffierter Kopf entgegen, obwohl ein solcher weit und breit nicht zu erkennen ist.

Die Trümmer zerfallender Identitäten

Wieder woanders windet sich unser Comic-Held schweigend am Telefon, während aus seinem Kopf die Sprechblasen wuchern. "Ja, Sie haben mich ganz richtig verstanden: ICH KÜNDIGE!"  "Nicht Zeitgenossenschaft, nein, ich will Zeit Genuss!" Zum Beispiel durch Verlieben. Doch nicht mal da scheint sich dann der erhoffte Genuss einzustellen: "Falling in Love" steht nämlich auf Seite 50, während ein embryohaft verkrümmter Mann durch einen blauen Hintergrund ins Nirgendwo fällt. Schließlich sind wir bei Hamlet, und dessen Existenz ist bei Gott kein Zuckerschlecken, schon bei Shakespeare nicht. Wer ewig den Trümmern seiner zerfallenden Identität nachjagt, kann schließlich schwer glücklich sein.

Im vorliegenden Fall sehen die Hamlets alle ausgespochen zeitgenössisch aus. Und so, als ob sie in Wahrheit Herbert hießen. Herbert Fritsch zum Beispiel – Herbert, der Gezeichnete, der sich auf Seite 110 auf der einzigen Fotografie des Bandes dann auch stilecht als Hans Holbeins "Der tote Christus im Grabe" inszeniert. Doch während Holbeins Originalchristus von 1522 schon die Verwesung grün an Händen und Füßen hochkriecht, sieht Herbert Hamlet in seinen Feinrippunterhosen fast ein wenig sonnengebräunt aus. Als Kunstmessias hat man es scheinbar doch ein bisschen leichter.

Mal mehr, mal weniger shakespearenah

Am Anfang war die Maschine, genauer gesagt der Computer, und Herbert Fritsch hatte sich vorgenommen, seinen Schauspielerkörper da irgendwie hinein zu bekommen: sich digital zu klonen und die Segnungen der neuen Technologie zu nutzen, um die Bürden des Schauspielerdaseins digital abzufedern. Im Zuge dieser Bemühungen hatte Fritsch dann um die Jahrtausendwende die folgenreiche Idee, den klassischsten aller Klassiker, Shakespeares Hamlet splitterweise durchs Internet um den Globus zu jagen, dessen berühmtester Satz "to be or not to be" sich aus seiner Sicht auch als Binärcode lesen ließ, was für Fritsch die Verbindung des alten Stückes mit dem neuen Medium geradezu zwingend machte.

Nach einer interaktiven Phase mit Hamlet_X-Life-Chats, Hamlet-inspirierten Computerspielen und –animationen im Internet, gab es 33 Kurzfilme, in denen Einzelaspekte des Dramas mal mehr mal weniger shakespearenah aber immer höchst subtil ausgeleuchtet wurden. Und zwar mit unterschiedlichsten Hamletdarstellern, einmal sogar mit einem deutschen Schäferhund. Nun hat sich Fritsch also einem der ältesten aller Medien, dem Buch zugewandt.

Trotzdem setzt Fritsch hier mit Sabrina Zwach sein Projekt weiter fort, den alten Stoff auch durch die Brille moderner Technik zu lesen. "Enter players with recorders" schreiben Fritsch/Zwach mit Buntstiften auf Seite 64, und es sieht aus wie die gezeichnete Einstiegsseite eines Computerspiels. Dabei ist es eine Regieanweisung original von Shakespeare, die im 3. Akt/2. Szene eigentlich den Auftritt von Schauspielern und Flötenspielern anweist.

Hintergründiger Sprach- und Wissenschaftssinn

"Interpolierte Fressen" heißt das Werk schließlich, in dem sich der Schauspieler diesmal als Hamlet selbst in die Arena geschickt hat. Der Titel ist eine der Spitzfindigkeiten, die Fritschs Hamlet-Kosmologie schon immer zum Vergnügen machten. Denn hier wird mit hintergründigem Sprach- und Wissenschaftssinn die Verbindung zwischen Literatur und Naturwissenschaft gezogen. Interpolation ist ein mathematisches Verfahren, das ermöglicht, Werte zu errechnen, die noch zwischen den bekannten Werten einer Funktion liegen.

Und genau das macht Fritsch auch seit Jahren mit dem Hamlet-Text, den er zersplittert, auswringt und immer neue Geschichten daraus destilliert. Diesmal wird der Stoff durch den Körper geschickt, seine Sätze ertastet, er-lebt und am eigenen Leibe erfahren. Das hat oft frappierende Wirkungen, beispielsweise wenn plötzlich mit einem ebenso sturen wie simplen Mittel – der ganzseitigen, handgemalten Seitenzahlen – plötzlich der archaische Zusammenhang von Zahl und dem Er-Zählen einer Geschichte verdeutlicht wird. Manchmal weht den einsamen Blätterer durch das monumenale Bilderbuch allerdings auch etwas leicht Kunstangestrengtes an.

 

Zuerst erschienen in Theater heute 5/2007

 

Hamlet_X – Interpolierte Fressen
von Herbert Fritsch und Sabrina Zwach
beiliegend als Heft Christoph Martin Wielands Übersetzung
Verlag Theater der Zeit, Berlin 2006
ISBN-3-934344-79-8// 978-3-934344-79-2
€ 29,00

www.theaterderzeit.de


Mehr zu Herbert Fritschs Hamlet_X im nachtkritik-Archiv: 2004 erschienen drei DVDs mit  3x11 Filmen, die Fritsch aus dem Stoff destilierte.

 

 

 
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