Der diskrete Charme des Populismus

von Esther Slevogt

Berlin, im Mai 2006. Früher befriedigte schon ein Bausparvertrag unser Sicherheitsbedürfnis. Heute sind komplexere Systeme gefragt: Denn die Welt ist unübersichtlich geworden, seit der Kommunismus zerbrach und auch der Kapitalismus nicht mehr der Alte ist. Das Maxim-Gorki-Theater befasst sich schon seit längerem mit einer ganz besonderen Form der Lebensversicherung: dem Glauben nämlich. Erst gab es Bibel pur. Dann war der Kommunismus dran. Teil drei beinhaltet Versuche über den Fundamentalismus. Zu diesem Zweck hat Theater bei dem Dramatiker Lutz Hübner ein Stück in Auftrag gegeben, welches das Zentrum der Veranstaltungsreihe bilden soll, die im Untertitel "Die schöne und einfache Welt" heißt.

Schon im Vorfeld der Premiere von Volker Hesses Inszenierung der "Gotteskrieger" am 3. Mai stellte sich jedoch die Frage, ob ein Autor wie der 1964 geborene Lutz Hübner tatsächlich geeignet ist, die zum Fundamentalismus führende Sehnsucht nach Übersichtlichkeit erhellend zu problematisieren. Denn Lutz Hübner selbst liebt die schöne und einfache Welt zu sehr, aus der er seine Stoffe pickt. Wahrscheinlich ist das sogar sein Erfolgsrezept, das ihn inzwischen zum meistgespielten Dramatiker der Gegenwart werden liess: dass die Welt in seinen Stücken immer genau so aussieht wie sie im Fernsehen gezeigt und in Zeitungsartikeln beschrieben wird. Dass er uns eigentlich nur noch einmal erklärt, was wir sowieso längst wissen .

Ressentiment der kleinen Leute

In "Creeps" zicken sich drei junge Frauen an, die es in die Endrunde eines Castings für einen Moderatorenjob geschafft haben. Im Dunklen sitzt hinter einer Glasscheibe ein Mann, hetzt die Mädchen gegeneinander und ist im Übrigen die Verkörperung sämtlicher kulturpessimistischer Vorbehalte gegen die Macht der Medien, ihre finstersten und bösesten Seiten, auf deren Analyse man im Übrigen vergeblich hofft. Auch das "Bankenstück" (ebenfalls Maxim-Gorki-Theater) greift ein Thema aus den Medien auf, nämlich den Skandal um die Bankgesellschaft Berlin. Das Stück lebt vom Ressentiment der kleinen Leute gegen "die da Oben", die sich so benehmen, wie wir es schon immer wussten: sie raffen, lügen und betrügen - natürlich stets auf Kosten des Kleinen Mannes, der am Ende die Rechnung bezahlen muß. Analyse bleibt aus, das Politische und erst recht das Revolutionäre existieren bloß als Theatergeste.

Während früher ein Autor wie Rolf Hochhuth seine Enthüllungsstücke auf knallhart recherchierte Fakten baute, leben Hübners Stücke vom diskreten Charme des Populismus, der auf Stimmungen statt auf Analysen setzt. Deswegen bleibt natürlich auch in den Gotteskriegern die seit dem 11. September oft gestellte Frage unbeantwortet, wieso säkular und in westlichen Gesellschaften sozialisierte Araber plötzlich zu fanatischen Moslems und Selbstmordattentätern werden. Hübner präsentiert mit seinem deutsch-marokkanischen Helden Zacarias stattdessen das Abziehbild eines in unzähligen Zeitungsberichten und -essays herausgearbeiteten Typus: Vater Verlierer, Mutter ebenfalls. Auf dem Arbeitsmarkt auf Grund seiner Herkunft diskriminiert, ist der junge, ehrgeizige Mann zunehmend frustriert. Die deutsche Freundin sieht in ihm nicht den Menschen, sondern nur den "arabischen Hengst" und irritiert ihn mit emanzipiertem Benehmen.

Die nötige Betroffenheit

"Gebt mir ein Leitbild!" hört man förmlich den zunehmend irr blickenden jungen Mann (Matthias Walter) innerlich flehen. Dann tauchen aus Nebel eines türkischen Dampfbades die islamistischen Verführer auf: sie tragen weiße Badetücher und reden geschwollenen Quatsch. Ganz davon abgesehen, dass es grundsätzlich nicht ohne Komik ist, brave deutsche Theaterschauspieler glutäugige Islamisten mimen zu sehen, schlägt das Klischee vom durch die westliche Zivilisation arg gebeutelten Araber an diesem Abend besonders erbarmungslos zu. Doch außer dass im Stück 1:0 bebildert wird, was der Zuschauer längst aus den Medien weiß, wird auch hier nichts hinterfragt und beleuchtet. Und damit der Zuschauer an Ende die nötige Betroffenheit angesichts der Not des jungen Mannes entwickeln kann, die ihn förmlich dazu zwingt, zum Selbstmordattentäter zu werden, muss das gute, alte Mitmachtheater her: die um die arenahafte Spielfläche herumsitzenden Zuschauer werden grob von den Schaupielern (bzw. Selbstmordattentätern) in der Mitte zusammengetrieben. Dort durften sie dann darauf warten, von Zacarias und seinen Gefährten in die Luft gesprengt zu werden.

Platter Realismus, surrealistisch erhöht

Da Lutz Hübner mit seinen griffigen Zubereitungen von Phänomenen der Gegenwart momentan offensichtlich überall unverzichtbar ist, kam auch das Theatertreffen nicht ohne ihn aus. "Hotel Paraiso" hieß der von Barbara Bürk inszenierte Abend vom Schauspiel Hannover und diesmal ging es um Tourismus im weiteren und Terror in der Familie im engeren Sinn. Wieder raschelte hinter den Figuren kräftig das Papier diverser Zeitungsartikel, die Hübner im Vorfeld gelesen hatte: Einsame Mittvierzigerin auf der Suche nach jungen Liebhabern, Spießerfamilie, hinter derer trüben Fassade der Abgrund trieft sowie ein erotisch überambitionierter, hirnloser Surfer und Touristinnenbeglücker. Doch weil wir nicht im Vorabendprogramm des deutschen Fernsehens, sondern im Theater sind, lauert im Frühstücksraum der portugiesischen Pension natürlich die Katastrophe.

Barbara Bürk inszeniert grellbunt und versucht dem platten Realismus von Hübners dramatischer Betrachtung mit surrealistischer Erhöhung zu entgehen. Hysterische Tänze, Traumsequenzen als Videoprojektion, eine echte portugisische Folkloregruppe und schließlich die ebenso nymphenhafte, wie exaltierte Sonja Beißwenger, die ihre Figur auf antikes Tragödienformat aufbläst.

Ansonsten sieht die Welt wieder wie im Fernsehen aus. Nur vielleicht ein bißchen bunter. Und wir dürfen sie hautnah miterleben. Lutz Hübner sei Dank, der das Privatfernsehen als Theaterformat neu erfunden hat.

 

Alles über Lutz Hübner auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

 

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