Besuch beim gealterten Ich

von Beat Mazenauer

Chur, 18. November 2009. Der Zeitpunkt scheint ideal getroffen. Während draußen die Schweinegrippe tobt – zumindest medial – steht drinnen im Theater Chur die Typhus-Mary auf der Bühne. Die Autorin Ruth Schweikert hat den – von Jürg Federspiels "Ballade von der Typhoid Mary" her – bekannten Stoff neu für die Bühne bearbeitet. Die zeitliche Aktualität ist dabei wohl eher Zufall. Schweikert interessiert sich nicht für pandemische Aspekte.

Mary Mallon alias "Typhoid Mary" wanderte als junges Mädchen nach Amerika aus. Auf der Überfahrt erkrankte sie an Typhus, ohne selbst daran zu sterben. Zahlreichen Menschen aber, die mit ihr in Kontakt kamen, wurde sie zum Verhängnis. Voller Unschuld trug sie den Tod in sich. Nach einem Schlaganfall starb Mary Mallon mit 69 Jahren. Soweit die spärlichen Fakten, die dazu reizen, die Lücken mit eigenen Geschichten aufzufüllen.

In ihrem Kammerspiel tut dies Ruth Schweikert, indem sie Mary Mallon in den Spiegel der Zukunft blicken – oder träumen lässt. Auf der Bühne des Theaters Chur begegnen wir einer gealterten, verbitterten, fett gewordenen Mary (Lea Schmocker). Hin und her trottend, steckt sie ihr enges Revier ab, das ihr nach einem Schlaganfall im Hospital geblieben ist. Freiheit bedarf sie keiner mehr. Einzig die Erinnerung ist ihr treu geblieben – eine verführerische Kraft, die mit einem Lichtwechsel jäh mitten auf der Bühne steht. Die junge Mary Mallon (Anya Fischer) hegt andere Erwartungen. Hübsch und unternehmungslustig ist sie gewillt, die Herausforderung anzunehmen und ihr Glück in Amerika zu finden – koste es was wolle. Der Besuch bei ihrem gealterten Alter Ego soll ihr eröffnen, wo sie enden wird.

Die gefährlichste Frau Amerikas
Aus dieser Konstellation entwickelt sich auf der Bühne ein innerer Dialog über Biographie, Vergänglichkeit, Schuld und Schicksal. Die beiden Figuren begegnen sich freundschaftlich – schließlich teilen sie das Leben miteinander. Zugleich hegen sie gegenseitiges Misstrauen, denn die ältere Mary ist das Produkt der jüngeren, was diese nicht anerkennen will. Sie hat andere Pläne. "Nie im Leben werde ich so wie du", verkündet sie eilfertig und vergeblich. Noch kennt sie ihr Geheimnis nicht. Erst durch die ältere Mary wird sie schmerzhaft damit konfrontiert, dass sie die "most dangerous woman in America" ist.

Der Blick in den Spiegel der Zukunft: Können wir ihn überhaupt ertragen? Ruth Schweikert stellt die Frage mitten in den Bühnenraum. Die alte Mary weiß, dass sich im Laufe der Zeit nicht die Dinge ändern, "sondern nur der Blick darauf". Diese Erkenntnis aber kommt immer zu spät, früher hätte sie damit etwas anzufangen gewusst. Im Schatten der Desillusionierung führt der Dialog in eine verhängnisvolle Schlaufe, aus der es kein Entrinnen gibt. Die junge Mary blickt ihrer Zukunft in die Augen, sie wird enden, wie die alte Mary. So droht die Begegnung zum Gericht zu werden: Mallon vs. Mallon. Unschuld gegen Schuld. Hat Mary mit Absicht andere angesteckt, fragt die junge Mary. Der Gedanke ist böse – zugleich verführerisch: Welche Macht wir haben!

Signale der Selbsthauptung
Die Bühne bleibt ganz diesem Zwiegespräch überlassen, ein Traum um eine Mitte, in der ein paar verlotterte Möbel stehen. Sonst gähnende Leere. Die beiden Darstellerinnen stimmen sich nach etwas Anlaufzeit immer besser aufeinander ab. Ihr Verhältnis bleibt die ganze Zeit über prekär, schwebend zwischen Hoffnung und Abgrund. Die beiden kraftvollen Gesangseinlagen zu krachenden Gitarrenriffs, die ihnen der Regisseur Manfred Ferrari in der zweiten Hälfte eingebaut hat, wirken zwar nicht unbedingt zwingend, sind aber Signale der Selbstbehauptung der jungen wie der alten Mary. Vor allem letztere überrascht mit ihrer kraftvollen Rockröhre.

Die Begegnung mit der eigenen Zukunft ist ein böser Traum, den die beiden Marys zum Schluss gütlich aufzulösen versuchen. Wenn sie kocht, ist Mary ganz gegenwärtig. Die eine hat dabei jene Zukunft noch vor sich, die die andere demnächst verlassen wird. So versöhnt der Küchen-Can-Can zum Ende, ohne die bösen Hintergedanken ganz zu verscheuchen. "Wir alle sind Mörder", orakelt die alte Mary einmal. Die heutigen Zeiten scheinen ganz danach. Einmal Händewaschen vergessen genügt. In dieser Hinsicht erhält diese unschuldige Mördergeschichte aus alten Tagen eine unverhoffte Aktualität.


Mary & Mary (UA)
von Ruth Schweikert
Regie: Manfred Ferrari, Ausstattung: Anne Hoelck, musikalisches Arrangement: Frank Gerber, mit: Lea Schmocker und Anya Fischer.
Koproduktion von Theater Chur & ressort k

www.theaterchur.ch


Zuletzt wurde auf nachtkritik.de aus dem Theater Chur Jenatsch besprochen, eine Koproduktion mit 400asa, die im Oktober 2009 Premiere hatte.

 

 

 
Kommentar schreiben