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Der Hochkulturpromi

von Tomo Mirko Pavlovic

8. August 2007. Es gibt Augenblicke im Leben, in denen man sich unsicher fühlt. In der Bank, wenn einen der grinsende Hosenanzug Anfang Zwanzig fragt, ob man noch nicht angesichts des fortgeschrittenen Alters und der aktuellen Rentendiskussion an die Erstellung eines persönlichen Liquiditätsplans für die Restzeit gedacht habe. Bei einer Fahrzeugkontrolle auf dem Balkan, wenn man bemerkt, dass der sich nähernde Polizist Turnschuhe trägt.

Am Morgen, wenn man die Augen aufschlägt und einen stark behaarten, muskulösen Arm auf der Brust entdeckt, von dem man partout nicht weiß, wem er gehört. Oder wenn einen Hochkulturpromi das unangenehme Gefühl beschleicht, noch nicht von allen Anwesenden entdeckt worden zu sein.

Es gibt für einen Theatermenschen im Theater nichts Schlimmeres als dieses kindlich gefühlte Aufmerksamkeitsdefizit. Dann vor allem, wenn er dazu verdammt ist, den Abend im Parkett zu verbringen, mit den anderen unbekannten Wesen und Abonnenten, die alle nur gekommen sind, um die Konkurrenz auf der Bühne zu begaffen. Und damit ist nicht die echte Plusterprominenz gemeint: Politiker, Filmleute oder Sportler meiden die Theater aus Dummheit, Langeweile oder weil ihnen kein bayreuthisch roter Teppich vor die Füße gerollt wurde.

Aber da gibt es ja auch noch: die teppichfreien und dennoch wichtigen Premieren. Oder die Salzburger Festspiele. Da zeigt man sich. Führt sich aus, führt sich vor. Als Fachbesucher und Alphatierchen der Hochkultur. Regisseure. Intendanten. Schauspieler. Viele kennen einen, aber längst nicht alle. Schuld daran ist der tote Winkel des Feuilletons und die verwinkelte, von vielen dunklen Seiteneingängen verschandelte Architektur der meisten Theater, welche die quälende Unsicherheit schafft. Haben mich auch wirklich alle bemerkt? Es juckt, es piekst ihn. Und dann steht er eben doch noch einmal auf. Kurz bevor sich der Vorhang hebt, wenn bereits alle sitzen.

Am liebsten und effektsichersten in Hamburg, München oder eben: auf dem Domplatz in Salzburg. Da steht er also auf, dieser höchstwahrscheinlich sehr berühmte, aber zweiflerische Fachbesucher, und dreht sich ruckartig, geradezu eichhörnchenhaft um. Und er blickt und starrt und fixiert einen Punkt in der Fluchtlinie knapp über den Köpfen der Unprominenten, dieser Jedermanns und tut so unglaublich besorgt. Die Stirn aufgeworfen, mit flackernden Pupillen. Als würde er noch jemand vermissen, als hätte sich die ersehnte Begleitung verspätet. Doch ein freier Nebensitz existiert gar nicht.

Manchmal gibt es als Zugabe noch eine elegante Geste, ein Fingerzeig oder ein träges Heben der Hand, das an Viscontis dahinsiechenden Aschenbach erinnert. Eine Mauerschau ohne Worte, ein letzter, sekundenschneller Auftritt. Schließlich erlischt das Licht, der Prominente sitzt wieder und vernimmt mit Genugtuung mindestens einen Flüsterer: "Du, sag mal, war das nicht gerade der. . . aus . . . na, du weißt schon . . ."

Ruhe bitte.

Hier lesen Sie Teil I , Teil II und Teil III der Serie "Das Parkett ist ihre Bühne".