Feinsinnig kultivierte Selbstzerstörer

von Christoph Lindenbauer

Salzburg, 11. August 2007. Im Grunde ist der Briefroman "Gefährliche Liebschaften" von Choderlos de Laclos aus dem Jahr 1782, den Heiner Müller als Vorlage für sein Zwei-Personen-Stück "Quartett" benutzt hat, eine Bankrott-Erklärung der Liebe, der Vernunft und der Zivilisation. Passend zum Jahres-Motto der Salzburger Festspiele 2007 – "Nachtseite der Vernunft" – hat sich Barbara Frey des meistgespielten Müller-Stückes angenommen und diese Text-Kaskade der bestialischen Kultiviertheit inszeniert. Mit Barbara Sukowa und Jeroen Willems in den Rollen.

Mehr als 200 Jahre nach Laclos hat Müller die komplexe Handlung inhaltlich und formal bis auf das Skelett reduziert. Nur noch die Marquise de Merteuil und ihr ehemaliger Liebhaber, der Vicomte de Valmont, intrigieren sich die Seele aus dem Leib. Ein Stochern im Schwarzen ihrer Seelen mit feiner Klinge, ein kunstfertiges Duell der Verführung. Hinter jedem Lächeln lauert ein Reißzahn, hinter jedem diabolisch-sexistischen Zitat steht die Zertrümmerung von Moral zum Zeitvertreib. Der Zynismus frisst seine Kinder, die aus Langeweile und rhetorischer Sportlichkeit in den Tod gehen, nur um dem Leben keinen Sieg zu schenken. Ironie, Bosheit, Lustfeindlichkeit und Terrorismus-Parabel eines Autors, der von Geschlechterkrieg schrieb, während seine damalige Noch-Frau Ginka Tscholakowa mit neuem Freund im selben Haus logierte.

Am Abgrund der Verführung

Der Platz für diese sprachlich hochintellektuelle Zertrümmerungsaktion von Frauenwürde und Männerstolz ist diesmal der Carabinieri-Saal der Alten Residenz in Salzburg – alles andere als ein Theaterraum. Dieser Exerzierplatz barocker Macht-Rituale ist lang wie ein Schlauch und derart überakustisch, dass sich Frey für Mikrofone entschieden hat. Wohl nötig, weil sonst Textverständlichkeit und vor allem die Intimität der leisen Töne nicht möglich wären. Gespielt wurde auf einem dreißig Meter langen, von innen her beleuchteten Tisch aus Plexiglas, den Bühnenbildnerin Bettina Meyer bauen ließ. Da saßen sie sich gegenüber, die beiden feinsinnig kultivierten Selbstzerstörer, und versuchten, den anderen in den Abgrund ihres Verführungsspiels mitzureißen.

Barbara Frey hat ihre beiden Spieler klug geführt, indem sie deren Bereitschaft, alles zu geben, sich an die Grenze von sexistischer Verletzlichkeit vorzuwagen, wohl dosiert einzusetzen verstand. So konnten Sukowa und Willems die Balance zwischen hoher Sprachkultur und derber Geilheit finden. Und sie vermochten den sperrigen Raum zu füllen, ohne dem Publikum allzu nahe zu treten. Eine requisitenlose, auf die Darsteller fokussierte Regierarbeit, die dort ihre Schwächen hat, wo sie auch im Stück des sächsischen Dramatikers nicht zu verleugnen sind: im permanenten Rollentausch der beiden Schauspieler, die vier Figuren, eben Quartett spielen. Der dramaturgische Ablauf spießt sich selbst auf, die Geschichte nimmt Kurven, die nachzuvollziehen so schnell kaum möglich sind, während die Text-Kaskaden weitersprudeln und die Handlung auch die Aufmerksamsten abwirft. Wer bitte verführt jetzt gerade wen genau?

Sinnlich erfahrbare Drastik

Also ist es doch wieder an den guten Schauspielern, den Abend zu tragen. Sukowa ist Schlange, Macho, naiv-dümmliche Klosterschwester, verzweifelte Verführerin und arrogante Frau, die zurückstößt in den Abgrund. Und auch Willems, dessen leichter niederländischer Akzent keinerlei Bürde darstellt, sondern eine absurde innere Distanz zum leidenschaftlichen Spiel entstehen lässt, gibt alles, wenn er lügt, sich entblößt, verachtet, zerstört und auf höchstem sprachlichem und körperlichem Niveau stirbt. Den beiden gelingt es, aus dem doch reichlich verkopften Stück ein sinnlich erfahrbares, drastisch spürbares Theater zu machen.

 

Quartett
von Heiner Müller
Regie: Barbara Frey, Bühne: Bettina Mayer.
Mit: Barbara Sukowa (Merteuil), Jeroen Willems (Valmont).

www.salzburgerfestspiele.at

 

Kritikenrundschau

"Eine uneingeschränkt geglückte Darbietung" sah Eva Maria Klinger (Wiener Zeitung, 12.8.2007). Denn Sukowa und Willems seien ein "Traumpaar". Mit "beklemmender Intensität" sezierten sie "die Ambivalenz zwischen vernunftbestimmter Struktur und emotionalem Chaos". Fazit: "Nicht nur die Liebe, auch die Kunst birgt manchmal ein Geheimnis."

Bernhard Flieher vermeldet für die örtlichen Salzburger Nachrichten (12.8.2007): ein "fast viertelstündig akklamierter Erfolg". Auch er weiß das Duo Sukowa und Willems zu loben: "Kein Atemzug zu lang. Keine Geste zu üppig. Jedes Zustechen gnadenlos." Und: "Kein Regieeinfall banal oder verzichtbar." Der Kritiker gerät außer sich: "Wer sich in diese so hysterische wie herrische Sukowa nicht mit jeder Körperfaser verknallt hat und wer sich nicht reinster Seele verlieben konnte in diesen geilen, verunsicherten, verlegenen Willems, der hat es gut. Der braucht nicht mehr auf einen großen Theaterabend warten. Er hat ihn schon verpasst." Einen Tag später schreibt der Kritiker erneut über die Inszenierung, diesmal etwas nüchterner.

Roland Pohl ist dagegen weit weniger angetan. Im Standard (13.8.2007) wirft er Regisseurin Barbara Frey vor, dass sie "allen Ernstes" so tue, als müssten Merteuil und der "verspielt-sportive" Valmont, "der Zuschauerinnen im Vorbeigehen anflunkert und mit der Miene des Cabrio-Lovers gegenüber seiner Verflossenen ein fletschendes Lächeln aufsetzt, einander irgendwann an die Wäsche." Von "Wäsche" sei aber in Müllers Text keine Rede. Willems prüfe als "Agent der Dauererregung" dennoch "mit aufgebocktem Bein", ob er "im Damengelände auch wirklich trittsicher" sei. "So blass und platt soll also Heiner Müller sein: Es herrscht betrübliche Dauerläufigkeit im Land der Sitzkrieger."

"Eine hervorragende Leistung in einer anspruchsvollen Inszenierung" haben Sukowa und Willems dagegen laut Norbert Mayer (Die Presse, 13.8.2007) geboten. Barbara Frey sei "die Wiederbelebung eines Klassikers gelungen, und zwar eher großartig als hoffärtig." In einer Inszenierung, die einem "Turnier" gleiche: "Rauf auf den Tisch, runter zur Frau, rauf auf den Mann, rein in den Rock." Für die Schauspiel-Sparte der Salzburger Festspiele bedeute "Quartett" die "erste Glanzpartie der Saison."

Die beiden Schauspieler begeben sich, meint Barbara Villiger Heilig (NZZ, 13.8.2007), "Wort für Wort und Gedanke für Gedanke in den Text, Schritt für Schritt und Geste für Geste in die Inszenierung hinein“ – und wahren doch Distanz. "Zum Glück: Sonst würde man ersticken ob der Intensität, mit der die Körperlichkeit sich äußert im – rezitierenden, hauchenden, wimmernden, hechelnden, schreienden, verstummenden – sprachlichen wie nichtsprachlichen Ausdruck." Man sehe: "zwei Operndiven auf der melodramatischen Prosabühne". Daraus entstehe zwar teils "wüste Komik", aber Freys Inszenierung sei "groß ausschwingend" und scheue vor der Gewalt des Textes "keinen Moment" zurück.

Barbara Sukowa sei, urteilt Ulrich Weinzierl in der Welt (13.8.2007) "eine Erscheinung: Im Reifrock schreitet sie gleich einer gealterten Infantin des Velázquez" durch den Saal. Dieser habe aber seine Tücken: "Was er an ästhetischer Atmosphäre bringt (...), nimmt er der szenischen Unmittelbarkeit - er verhindert jegliche Intimität." Und so sei bei Sukowa von "Gefährlichkeit kaum etwas zu spüren. Sie beschränkt sich auf einen gepflegten Liederabend." Intensiver dagegen ihr Widerpart Willems: "Ein verächtliches Grinsen um die Lippen, erweckt er den Eindruck, den Text erst beim Reden zu verfertigen." Langweilig sei die Inszenierung zwar nicht, "Faszination indes sieht anders aus".

Der Raum erzwinge, befindet Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (13.8.2007), den "großen Zugriff, das weitläufige Raumspiel, den Lauschangriff auf die Darsteller". Und "so entsteht an diesem schwierigen Ort mit seiner heiklen Akustik ausgerechnet über die leise Sprache das, was dem Spiel der Körper hier leider abgeht: Intimität, Nähe, Elektrisierung durch Begegnung." Sukowa sei dabei "eine Schauspielerin, der man beim Denken zusehen darf". Und "dass der Holländer Jeroen Willems wie eine reifere Version des Sängers Robbie Williams aussieht, verleiht ihm eine attraktive Erotik", meint Frau Dössel. Freys "distanziert-artifizielle Raumregie" zeige jedoch "nicht den drastischen und saftigen Müller, der wehtun kann".

Die Räumlichkeit, meint auch Martin Lhotzky in der FAZ (13.8.2007), sei "denkbar schlecht gewählt". Barabara Sukowa aber erfülle die Merteuil "mit jeder Faser, bleibt die meiste Zeit glaubwürdig, wird nur dann albern, wenn die Regie verlangt, dass die beiden einander wie Hunde beschnuppern und dazu jodeln". An Willems findet der Rezensent dagegen keinen Gefallen: "Es würde schon helfen, presste er nicht dauernd die Zähne zusammen, statt den Mund zum Artikulieren weit zu öffnen." Er sage "Pöbel" und man verstehe "Pimmel". Letztlich fehle es dem "Spiel voll Todessehnsucht" vor allem an "Intimität".

Im Münchner Merkur (13.8.2007) schreibt Sabine Dultz, Barbara Sukowa mache durch ihre Sprech- und Spielweise klar: "Dies ist ein Endzeittext." Nur kurz lasse sie "ein Erbeben des Körpers aufscheinen, ein erotisches Sichberauschen an der Sprache: ein kurzes Auflachen, der lustgesteuerte Atem, der spitze Befreiungsschrei." Dies sie "so raffiniert wie großartig." Denn Sukowa verweigere jegliche Theatralik. Jeroen Willems agiere dagegen nicht auf gleicher Augenhöhe. Die Inszenierung sei dennoch das Beste, was das Schauspiel der Salzburger Festspiele bislang zu bieten habe.

"Die Sensation der Festspielinszenierung von Barbara Frey ist erfreulicherweise eine künstlerische", urteilt Andres Müry im Tagesspiegel (14.8.2007) Denn sie verdanke sich einem Paar, "auf Salzburg herabgekommen wie von zwei fremden Sternen". In der "barocken Gruft finden sie einander und tanzen einen Abend lang hinreißend den Walzer der Untoten." Man erlebe "zwei süchtige Spieler, uralt und kindlich zugleich". Die Müller'schen "Reizworte nahm das Festspielpublikum dankbar auf, als wären es Hostien, und applaudierte begeistert."

Einen "intellektuellen Porno" habe Heiner Müller mit "Quartett" zu schreiben versucht, meint Karin Cerny in der Frankfurter Rundschau (14.8.2007): "Von der geschichtskritischen Wucht der Müllerschen Sätze bleiben eher die Ironie und das fast schon journalistisch Sloganhafte zurück." Keine Spur aber von diesem "Theorieproblem" in Freys Inszenierung: Müllers "brutal kaltes Konversationsstück über die trostlose Mechanik des Begehrens" gleiche hier eher einem "harmlosen Meditationsseminar". Doch "so unangenehm menschelnd hat Müller das nicht geschrieben. So intellektuell harmlos und unbissig will man die Schrecken einer Beziehungseiszeit nicht sehen."

 

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