Heinrich, komm grill mit mir

von Esther Boldt

Mannheim, 28. November 2009. Da haben sich zwei gefunden! Er ist Glückssucher und sie Liebessuchende. Obwohl sie beide nicht so recht dran glauben, dass Glück und Liebe ausgerechnet für sie vorgesehen sind. Er hat festgestellt, dass sich das Glück in ihm einfach nicht ansiedeln kann. Vermutlich, singsangt er wortreich, ist sein Inneres mit Fliesen ausgekleidet, so dass es darin abrutscht. Nicht verweilen kann. Sie hat sich in Sachen Liebe ohnehin schon den Prinzessinnentraum abgeschminkt, auf dass die Frauenbefreiungstheorie nicht an ihrer Alltagspraxis scheitere. Und jetzt das: Grete tanzt auf einer Privatfete, Heinrich macht die Musik. Einen Leichtigkeitsmoment lang wähnt sie sich in einem Hollywoodfilm, er braucht erst mal einen Schnaps.

Spießer auf dem Balkon

Doch Ewald Palmetshofers neues Stück, das nun am Nationaltheater Mannheim deutsche Erstaufführung hatte, ist kein Liebeslied. Das sagt bereits der grandiose Titel, "faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete". Mit hamlet ist tot. keine schwerkraft hat der 31-jährige österreichische Autor schon einmal einen Klassiker auf Zeitgenossenschaft abgetastet – und dabei den Protagonisten gekillt. Aus Goethes "Faust" greift er die Liebesgeschichte heraus. Stemmten sich in "hamlet" die Geschwister Dani und Mani bohrend, zweiflerisch gegen die Spießerwelt ihrer Eltern und Freunde, so sind es im "faust" Heinrich und Grete.

Drei Pärchen treffen sich regelmäßig zum Grillen auf dem Balkon, die verkörperte Alltagszufriedenheit und Normalitätsbehauptung. In Dieter Boyers Inszenierung tragen sie Partnerlook, damit ihre Zugehörigkeit ins Auge springt: Keine Einsamkeit, nirgends! In ganz schlechter Pärchenmanier fallen sie sich ständig korrigierend ins Wort: Nicht Gas, Elektro! Nicht verbrannt, gelöscht! Denn das Stück rollt den Fall Heinrich-Grete von hinten auf. Als Zeugenchor erzählt die Spießertruppe à la "Aktenzeichen XY", wie es so weit kam, dass sich Grete schließlich im Wald den Kindsfremdkörper aus dem Bauch kratzt.

Die drei Spießerpaare springen abwechselnd in die Rolle der Abweichler: Im grauen Kostüm werden die Schauspielerinnen zu Grete. Den Heinrich gibt Daniel Fries, begleitet von Klaus Rodewald und Tim Egloff, die Teile seines Weh und Achs spöttisch an sich ziehen: "Dieser Wichtigtuer!" Dabei waren sie doch voll Integrationswillen, als sie Heinrich und Grete zu ihren Grillpartys einluden. Diese fügten sich aber nicht ein ins Feierabendbalkonien. Sie sind Geister, die stets verneinen. Aber zweimal Minus macht hier nicht Plus, aus der doppelten Verneinung wird keine Bejahung.

Geschredderter Partnerlook

Sie sind sperrig wie Palmetshofers rasante Spracheskapaden. Aus Mundartfetzen, Umgangsphrasen und geschredderten philosophischen Diskursen schafft dieser einen ganz eigenen Kunstsprech. Wurde im "hamlet" die Ewigkeit fernöstlich quergelegt zu einem Ewigkeitsmoment, so lassen sich im "faust" Heinrich und Grete wortreich ratternd aus über Menschenkerne und Materieverhaftung, suchen mithilfe von Metaphysik und Mathematik Antworten auf die großen Fragen. Sie hadern mit dem Zeitgeist: Heinrich hätte gern eine "Wahrheit vom alten Schlag" inklusive Innenleben statt globalisierter Oberflächen- und Massenproduktion. Denn sie sind zur falschen Zeit geboren, die Aufklärung hat den Himmel leergemacht, der globalisierte Kapitalismus den letzten Funken Eigenheit aus der Welt gepustet. Alles erscheint gleich und sinnentleert.

In der kargen Bühne von Anke Niehammer verweisen von der Decke hängende Bäume auf Gretes proletarischen Provinzhintergrund. Einige Bierkisten schaffen Sitzgelegenheiten, ein aufgehängter Blumenkasten mit Petersilienpflanzen markiert den Balkon und bietet eine Gelegenheitsschaukel.

Dieter Boyers Inszenierung gelingt es, Musikalität und Komplexität, aber auch die Komik der Palmetshoferschen Tiraden hörbar zu machen. Mit schaudernder Schaulust erzählen die drei Paare von Heinrich und Grete, lassen den Revoluzzerdrang der anderen Revue passieren. Klischees und Abgründe werden gegeneinandergestellt, und in der klammernden Normalitätsbehauptung der einen wird eine ebenso drängelnde Sehnsucht sichtbar wie im zornigen Aufbegehren der anderen. Die Diagnose aber scheint so klar wie vernichtend: es ist kein Ausweg aus dieser Sinn- und Kernlosigkeit, aus Waldhütte und Balkonidyll, Partnerlook und Einsamkeitsverzweiflung. Eine wahrlich düstere Gegenwartsanalyse. Die Erde ist dunkel, Zeitgenossen!

faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete (DEA)
von Ewald Palmetshofer
Regie: Dieter Boyer, Bühne: Anke Niehammer. Kostüme: Janine Werthmann.
Mit: Klaus Rodewald, Almut Henkel, Daniel Fries, Wiltrud Schreiner, Tim Egloff, Luisa Stachowiak.

www.nationaltheater-mannheim.de


Mehr zu Stücken von Ewald Palmetshofer: hier besprochen wurde die Uraufführung von hamlet ist tot. keine schwerkraft im November 2007 in Wien, die Mannheimer Aufführung von Cilli Drexel im Januar 2009; wohnen. unter glas im März 2008 in Graz und im April 2008 in München, im Juni 2009 in Berlin; außerdem die Uraufführung von faust hat hunger im April 2009 im Schauspielhaus Wien.

 

Kritikenrundschau

Lange habe man über schwache Frauenfiguren auf deutschen Bühnen geklagt, bemerkt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (30.11.2009). "Ein (im allerpositivsten Sinne) Frauenversteher wie Ewald Palmetshofer, blickt den verschluckten Greten nun ebenso tief in die überforderten, modernen Seelen wie in ratlose Männergemüter, deren zielloser Hunger nur noch Geschäftigkeit in sich hineinfrisst." Palmetshofer habe in "faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete" "die Unmöglichkeit der glücklichen Zweierbeziehung mit ihrer kritischsten deutscher Prägung verknüpft und nach Motiven von Goethes 'Faust' ein Drama für die kapitalistische Welt entwickelt, das anstrengt, aber aufmerken lässt." Der Titel klinge "lustiger, als das, was wir in Mannheim auf Anke Niehammers suggestiver Bühne zu sehen und zu hören bekommen. Und das ist gut so, denn lustig aufgepeppte Befindlichkeitskomik gibt es zuhauf. Regisseur Dieter Boyer gelingt es dagegen, der sperrigen und mit Bezügen überfrachteten Kunstsprache, heitere, erkenntnisreiche und tief traurige Momente abzugewinnen."

Während "Er" immer wieder vom selben Mitspieler inkarniert werde, habe Palmetshofer "Sie" auf alle drei weiblichen Akteure verteilt. "Durch Kleiderwechsel markiert, funktioniert das in Mannheim ziemlich gut", findet Kristin Becker in der taz (1.12.2009). Boyer habe mit Almut Henkel, Wiltrud Schreiner und Louisa Stachowiak drei so unterschiedliche wie intensive Schauspielerinnen, von denen jede ein Puzzleteil aus Romantik, Emanzipation und Melancholie beitrage. Aber: "Die Kindstötung ist die Sollbruchstelle in Palmetshofers Stück und der Knackpunkt von Boyers eigentlich leichtfüßig gewitzter Inszenierung. Auf offener Bühne lässt er mit Kleiderbügel und Theaterblut Abreibung spielen, was außer plattem Ekelfaktor keinen Mehrwert hat." Zum Glück dürfe Wiltrud Schreiner danach die Geschichte im Kollektiv zu Ende berichten. "Denn das Unbehagen entspringt bei Palmetshofer eben nicht der einzelnen monströsen Tat, sondern dem Abgrund, der bei aller Nähe zwischen den Menschen liegt."

 
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