Schlaflos in Konstantinopel

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 28. November 2009. Rollkragen mit Schal und Unterhose in Oliv. Idealistischer Dichterscheitel und rülpsender Kahlkopf. Brille und Muskel. Gedanke und Tat. So sehen Helden aus. Zwei zu allem unentschlossene Männer der Geschichte. Golubkow, der Schöngeist und Frauenflüsterer, der auf seiner Suche nach einer schönen Frau wimmernd durch den russischen Bürgerkrieg tapst. Und General Chludow, Idol und allerletzte Hoffnung der zaristischen Truppen, dessen Rückzug vor den Bolschewisten eine Blutspur hinter sich lässt.

Nun stehen sie sich gegenüber. Das Land brennt. Die Revolution siegt. Alles leuchtet rot. Der Intellektuelle fordert Gewissheit, riskiert sein Leben. Dann schiebt ihm der Soldat einen Revolver zu und sagt: "Tun Sie mir den Gefallen, schießen Sie!" Aber der Petersburger Privatdozent kriegt das Ding nicht hoch. Ein Schuss löst sich, verfehlt das Ziel. Und doch ist diese männliche Impotenz der Beginn einer ungewöhnlichen, verzweifelten Freundschaft.

Ohne Schlaf, ohne Geld, ohne Heimat
Absurd, willkürlich, wundersam - wie so vieles. Denn bei Michail Bulgakow regiert die Dramaturgie des russischen Roulette. Täter sind Opfer. Feinde werden zu Freunden. Aus japsenden Schwangeren werden in Sekundenschnelle geschminkte Krieger. Alles geschieht nach dem Prinzip des unzureichenden Grundes. In seinem 1928 kurz vor der Uraufführung verbotenen und postum erstmals inszenierten Stück "Die Flucht" ist Logik kaum mehr als eine Ahnung im Morgengrauen. In acht Träumen erzählt Bulgakow die irrwitzige Liebesgeschichte von Golubkow und Serafima, die in die Fänge des mental derangierten Generals Chludow geraten, um am Ende in Konstantinopel mit ihm und einigen versprengten Weißgardisten ein jämmerliches Exilantendasein zu fristen. Ohne Schlaf, ohne Geld. Heimatlos.

Es ist bereits der dritte Bulgakow, den Sebastian Baumgarten auf die Bühne bringt: Im vergangenen Jahr inszenierte der 40-jährige Berliner eine Stückfassung des Romans Der Meister und Margarita und zu Beginn dieser Spielzeit - ebenfalls in Düsseldorf - Sojas Wohnung. Bulgakow liegt ihm zweifellos. Dessen Ausflüge ins Surreale. Seine Abneigung gegen das Psychologische. Diese somnambule Sehnsucht nach der Apokalypse.

Makabre Kirche der Illusionen
Baumgarten widerlegt mit musikalischer Leichtigkeit die immer wieder formulierte These, "Die Flucht" des 1940 gestorbenen Chronisten der jungen Sowjetunion sei ein unaufführbares Lesestück, und polstert seine Alptraumreise mit einem dichtgewebten Klangteppich voller Electro-Sequenzen aus: Jörg Follert, der musikalische Zeremonienmeister, sorgt für punktgenaue, nie den Text störende Donnergeräusche, Maschinengewehrsalven, angespielte Walzer.

Die Bühne von Peter Schubert sieht aus, als hätte ein spielwütiges Kind die ganze berühmte Theaterkiste umgestülpt. Überall multifunktionaler Krempel: Requisitenkoffer, Flaschen, Plastiksäcke. Zwischen Neonröhren leuchten an den mattschwarzen Wänden Darstellungen von Engeln und Drachentötern - ein russisch-orthodoxer Reliquienschrein. Zentral, im altarnen Hintergrund dieser makabren Kirche der Illusionen, schließlich: ein Triptychon als Videoleinwand, die auf einer Filmspur sowohl die Kreuzigung Jesu als auch allerlei revolutionäre Filmdokumente mit Eisensteinscher Hibbeligkeit präsentiert. Und dann und wann schaut noch ein böse blinkender Panzerzug oder ein Wohncontainer herein. Sebastian Baumgarten hat sich vor allem mit Operninszenierungen einen Namen gemacht. Jetzt weiß man, warum.

Antirealismus mit kalter Lust
Baumgarten liebt den Effekt, aber nicht die Effekthascherei. Bis zu dem geschilderten Duell zwischen Golubkow und Chludow im vierten Traum - eine wichtige Erinnerungsszene, die wie ein quietschendes Scharnier funktioniert - nimmt sich die Regie das Ganze als menschliche Tragödie vor.

Florian von Manteuffels Golubkow ist ein hysterischer Schlaumeier, der zwischen allen Fronten in der Liebe zu Serafima sein Heil sucht. Die wiederum wird von Silja Bächli mit kalter Lust zerspielt: Mit einem Furor gegen jegliche Feld-, Wald- und Wiesenpsychologisierung einer russischen Klischeeseele hält sie sich die Figur vom epileptisch geschüttelten Leib.

Überhaupt harmoniert der dekonstruktivistische Zugriff Baumgartens überraschend gut mit den Fähigkeiten seines Ensembles. Bisweilen thalheimert es ein wenig, wenn die Körper sich ungemütlich verrenken oder sich die Monologe ineinander verheddern. Ansonsten bleibt man sich und dem antirealistischen Konzept geradezu soldatisch treu: Niemand verkörpert irgendwen oder irgendwas.

Anspruchsvoll mit Theaterkiste und Agamben
Nur so kann auch die moralische Verurteilung eines Massenmörders wie General Chludow vermieden werden, der bei Sebastian Kowski im Verlauf des gut zweistündigen Abends sogar zu einem Sympath reift - welch schreckliche Anti-These! - und mit den Geistern seiner Toten in geordnetem Wahnsinn zusammenhaust, bevor er wieder freiwillig in die Heimat, seinen sicheren Tod, zurückkehrt.

Ohnehin gewinnt das Stück in den letzten Träumen an komödiantischer Energie, auch weil Baumgarten das Geschehen in die Gegenwart beamt und mit eingeblendeten Zitaten von Giorgio Agamben das Elend des modernen Nomaden und Flüchtlings karikiert.

Zum Lohn gibt es einen breiigen, selten kurzen und lustlosen Applaus. Schade. Denn diese Arbeit ist eine der gelungensten und anspruchvollsten seit langem im Stuttgarter Staatsschauspiel.

 

Die Flucht
von Michail Bulgakow
Regie: Sebastian Baumgarten, Bühne: Peter Schubert, Kostüme: Tabea Braun, Musik: Jörg Follert, Video: Philip Bußmann, Dramaturgie: Christian Holtzhauer.
Mit: Silja Bächli, Florian von Manteuffel, Till Wonka, Lisa Bitter, Sebastian Kowski, Benjamin Grueter, Rainer Philippi, Michael Stiller, Katharina Ortmayr, Bernhard Baier, Alexej Boris.

www.staatstheater.stuttgart.de

 

Zuletzt inszenierte Sebastian Baumgarten am Berliner Maxim Gorki Theater, im Juni 2009 Heinrich Manns Professor Unrat, während kürzlich am selben Ort Baumgartens Frankfurter Arbeit über Der Fremde von Albert Camus zu sehen war. Mehr zu Baumgarten in unserem Archiv.

 

Kritikenrundschau

Der von Sebastian Baumgarten inszenierte Abend mit Michail Bulgakows Stück "Die Flucht", das die von der Revolution bekämpften Bürger zu seinen Helden macht, sei "geradezu sophisticated in all seinem Elend und seiner grotesken Wirrnis, die durch Klänge und Rhythmen, martialisches Wummern, Swing, Walzer und Klaviermusik atmosphärisch aufgeladen ist", schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (30.11.): "Ohne anzuklagen, ohne konkret auf eine aktuelle Bürgerkriegssituation eingehen zu müssen, macht der Regisseur das Grauen klar, das den Verlust von Heimat bedeutet und den Verlust von Werten." Bulgakow habe "in sein Stationendrama, das er in Träume unterteilt, surreale Passagen" geschmuggelt, "es sind raffinierte Verundeutlichungen konkreter Situationen, und Baumgarten kreiert eine Situation, die man kennt: Was einem während des Träumens völlig logisch erscheint, wird in der Nacherzählung einigermaßen absurd." Und man erlebe "zehn Schauspieler, die die Traumatisierung hervorragend leicht, etwas neben sich stehend anspielen und immer auch auf ihre Würde bedacht sind."

Nach "pausenlosen zweieinhalb Stunden konzentrierter Vergegenwärtigungs- arbeit am Stuttgarter Schauspiel" bleibe einem "nichts als einzuräumen, dass die Krim, dass Taurien, dass Sewastopol und Konstantinopel künftig zu den visionären Brennpunkten zeitgenössischer Theaterrealität zählen", meint Stefan Kister in der Stuttgarter Zeitung (30.11.). Es sei, "als träumte man in fremden, historisch gefassten Bildern eine unmittelbar bedrängende Geschichte. Und so klar und thesenhaft der Dramaturgenanalytiker im Programmheft aus den Tagesresten modern-modischer Theoriebildung Tiefenschichten der Bedeutung dechiffriert, so unaufgelöst, widerspenstig und trotzdem zwingend bleibt der Zusammenhang der räumlichen, symbolischen und zeitlichen Ebenen auf der Bühne." Eine "intensive Traumarbeit" werde geleistet, "freilich ohne jeden gefällig surrealen Schnörkel." Stattdessen regiere "die messerscharfe Logik des Somnambulen".

"Baumgarten erreicht in Stuttgart nicht das Niveau, auf dem er sich in Frankfurt mit seiner Dramatisierung von Camus' 'Der Fremde' bewegte", findet dagegen Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (1.12.). Vielleicht hätte Baumgarten, der aus dem Stück unbedingt eine Parabel für heutige Migrationsbewegungen machen will, doch besser wie Jan Neumann zusammen mit den Schauspielern ein eigenes Stück erarbeiten sollen, so der Kritiker in seiner Doppelrezension. "Gegen Ende (...) treiben Silja Bächli, Till Wonka und vor allem Lisa Bitter die Inszenierung wenigstens noch entschieden in Richtung eines trashigen Containertheaters. Alles in allem aber bleibt die Frage, ob Baumgarten zusammen mit Peter Schuberts (Bühne) Papp-Panzerkreuzern und Jörg Follerts (Musik) wummernder Soundcollage nicht doch dafür sorgen wollte, dass der Text unter der Rammstein-Ästhetik so wenig wie möglich zuckt.

 

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