"Sarah, it's just like the oscars!"

von Andreas Jüttner

Düsseldorf, 6. Dezember 2009. "Othello ist also ein Schwarzer, den ihr Weiße alle kennt, wir Schwarzen aber nicht." So kommentiert der von der Elfenbeinküste stammende und in Paris lebende Schauspieler und Tänzer Franck Edmund Yao das aus Deutschland kommende Angebot, Othello zu spielen. Und erklärt auch gleich noch, was er von einer Tradition hält, die über vier Jahrhunderte hinweg einen Theatertext pflegt, indem sie ihn immer wieder anderen Schauspielern in den Mund legt. "Das ist die Kassetten-Roboter-Methode: Der Text ist eine Kassette, der Schauspieler ist ein Roboter. Das mache ich nicht."

Doch in "Othello, c'est qui", inszeniert von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen und jetzt mit dem "Impulse"-Preis als beste Off-Produktion ausgezeichnet, nähert er sich Shakespeares aufbrausendem Eifersüchtigen weitaus mehr an, als seine offensive Ablehnung erwarten lässt: Im Zusammenspiel mit seiner deutschen Partnerin Cornelia Dörr entwickelt sich aus einem Geplänkel über kulturelle Differenzen eine tiefe Kluft der Kommunikation, die ähnlich unüberwindbar ist wie die zwischen Othello und Desdemona (siehe auch die nachtkritik.de-Halbzeit-Bilanz). Von dem harmlosen Gefrotzel, dass Weiße nicht tanzen können, geht es zur Frage, wer nun mehr an Sex denkt, was erotisch aufgeladener Tanz mit Sex zu tun hat und warum es nicht so schlimm ist, die eigene Frau beim erotischen Tanz mit anderen Männern zu sehen, als wenn jemand anders aus der Familie diese Szene beobachtet.

Wiedererkennungseffekte für die Hochkultur

Ob sie es richtig finde, dass Frauen fürs Fremdgehen bestraft würden, fragt Yao seine Partnerin. Die antwortet natürlich mit Nein – worauf ihr erklärt wird, sie sei selbst fremdgegangen und wüsste das nur deshalb nicht, weil sie besessen sei, was sie natürlich auch nicht wisse, eben weil sie besessen sei. Falls sich irgendwer in einer Kassetten-Roboter-Aufführung von Othello mal gefragt haben sollte, wie sich dessen grundlose Eifersucht denn motivieren lasse – hier gibt's eine schlüssige Antwort: Glaube ist unverrückbar, sei er noch so verrückt.

Als Reflexion über kulturelle Differenzen beantwortet "Othello, c'est qui" ganz locker die Frage nach der Zeitgemäßheit von Shakespeare und ist somit ein sicher angemessener Gewinner des Impulse-Preises, bedeutet dieser doch Gastspiele auf Hochkulturevents wie dem Berliner Theatertreffen. Dort dürfte der Insider-Spaßfaktor besonders hoch sein, nimmt doch eine ausgedehnte Passage des Stücks Alexander Scheers Othello-Interpretation auseinander, die 2005 das Theatertreffen eröffnete. Aber auch beim Internationalen Theaterfestival Rotterdam und bei den Wiener Festwochen wird man sich um Wiedererkennungseffekte nicht sorgen müssen.

180-Grad-Passanten für die Nachwelt

Ebenfalls auf Reisen gehen soll Gob Squads Produktion Saving the world, laut der achtköpfigen, international zusammengesetzten Jury "ein Theaterabend, der nicht nur amüsiert und bewegt, sondern verzaubert". Mit 10.000 Euro fördert das Goethe-Institut Auslandsgastspiele dieser Produktion, die auf öffentlichen Plätzen (in diesem Fall der Kölner Rudolfplatz) Passanten befragt, was man für die Zukunft bewahren sollte, und diese Antworten in einem 180-Grad-Filmpanorama festhält – nicht nur für die Nachwelt, sondern vor allem für die zugeschalteten Zuschauer im Theater, die nun übers Festhalten für die Nachwelt nachsinnen können. Man sei von dem Preis völlig überrascht, zumal es eine Produktion sei, in der kaum live agierende Darsteller auf der Bühne seien, kommentierte Filmkoordinator Simon Will und beglaubigte seine Überraschung durch freudiges Stocken und Stottern sowie den seiner Kollegin Sarah Thom geltenden Ausruf: "Sarah, it's like the oscars!"

Nun ja, ganz so groß war der Bahnhof nicht in den Kammerspielen des FFT Düsseldorf, wo die Preisverleihung am Sonntagabend über die Bühne ging (übrigens direkt im Anschluss an eine Vorstellung von "Othello", der an eben diesem Haus mitproduziert wurde). Aber die Veranstalter zeigten sich zufrieden: Von rund 8600 Zuschauern bei über 60 Veranstaltungen an zwölf Tagen ist die Rede in der Abschluss-Pressemitteilung, und die künstlerischen Leiter Tom Stromberg und Matthias von Hartz wiesen in ihren Reden auf die Bedeutung der internationalen Vernetzung hin, die durch die Anwesenheit von rund 30 Festivalleitern und Kuratoren deutlich gefördert worden sei.

"Fördern, was es schwer macht"

Von Hartz sagte, man könne in diesen zwölf Tagen fast glauben, die Welt sei in Ordnung, weil der freien Szene endlich mal geballte Aufmerksamkeit zuteil werde – was nichts an der chronischen Unterfinanzierung ändere: "Schon in ein paar Tagen könnte ein Kommunalpolitiker beschließen, für 20 Millionen ein neues Probenzentrum fürs Stadttheater zu bauen, während 20.000 Euro für eine freie Spielstätte auf der Kippe stehen." Folgt man der Argumentation, dass die ästhetischen Frischzellenkuren der subventionierten Stadttheater sich seit Jahren aus der freien Szene speisen (worauf auch eine Auflistung von mittlerweile arrivierten Impulse-Gästen im Festivalkatalog verweist), tut sich da tatsächlich eine Diskrepanz auf, deren Tiefe der Kluft in "Othello, c'est qui" in nichts nachsteht.

Keine Scheu vor einer Kluft zeigt auch die Produktion, die den Dietmar N. Schmidt-Preis für eine besondere künstlerische Leistung erhielt: "F wie Fälschung" von Boris Nikitin mit Martin Scholz ist eine Reflektion über die Reflektion. Ein Darsteller (ob Scholz ein Schauspieler ist, bleibt offen) referiert zunächst darüber, wie er (in einer ebenfalls eingeladenen Produktion) über "Woyzeck" referiert hat und schreitet von dort aus weiter in den Raum der Simulation einer Theateraufführung, in der die Behauptung, dass etwas stattfindet, bereits das Stattfinden selbst ist.

Die Jury sah hier eine "konzeptionell dominierte Tour d'Horizon" und, gerade im Vergleich mit "Woyzeck", eine "echte Entwicklung zu einer spezifischen Theatersprache, die sowohl komplex als auch verständlich ist". Das mag zwar vor allem für einen eher engen Kreis von Gießen-Adepten zutreffend sein, außerhalb dessen sich die Relevanz-Frage (die bei der Preisverleihung mehr als einmal beschworen wurde) für diese Produktion nicht allzu drängend stellen dürfte. Aber gut: Dietmar N. Schmidts Prinzip "Fördern, was es schwer hat" kann ja auch mal paraphrasiert werden zu: "Fördern, was es schwer macht."

 

Mehr zum Festival Impulse: In einem Beitrag für nachtkritik.de fordern Impulse-Macher Matthias von Hartz und Tom Stromberg neue Fördermodelle, mit denen der Bedeutung des Freien Theaters Rechnung getragen wird. Sarah Heppekausen hat einen Halbzeitbericht geschrieben und für den Redaktionsblog Eindrücke gesammelt. Und hier die diesjährige Auswahl.

 

 

 
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