Ironisch entschärfte Testosteronbomben

von Elena Philipp

Berlin, 6. Januar 2010. Vinz, Saïd und Hubert haben keine Beschäftigung, aber jede Menge Zeit. Ihr Handlungsdrang äußert sich vorwiegend destruktiv, sie hängen herum, bereit, beim kleinsten Anlass auszurasten. Mit den drei Jugendlichen portraitierte der Filmregisseur Mathieu Kassovitz in "La Haine" (Der Hass) 1995 das Milieu der Banlieusards, der Immigranten aus den großstädtischen Sozialwohnsiedlungen, von Politik und Eliten bequem verdrängt und von der Polizei in Schach gehalten, bis es ab 1991 immer wieder zu Unruhen kam.

Das Regieduo Tamer Yiğit und Branka Prlić hat den Filmstoff nun für die Bühne adaptiert. Weitgehend werktreu, könnte man sagen: Beibehalten wurden die Personenkonstellation, weite Teile der Handlung und die chronologische Struktur. "La Haine" zeigt einen Zeitraum von etwa zwanzig Stunden, einen Tag nach den Ausschreitungen, an dem der Hass zwischen Staatsbürgern und Staatsmacht noch schwelt.

Hass, ein Bühnenspiel

Auf der schwarzen Kastenbühne im HAU2 hängen Sandsäcke, wie in Huberts Ghetto-Boxhalle. In einer Spiegelfolie verschwimmt das Publikum, links liegen auf einem weißen Stoffquadrat Fitnessutensilien, rechts hinten stehen auf einem kleinen Podest Schlagzeug, Bass und Gitarre für die Metal Band, die das Ensemble gelegentlich formiert. Mehr Requisiten braucht es nicht, kein hochpotenter Knarrenvergleich wie in "La Haine". "HASS" ist bei Yiğit und Prlić entweder eine abstrakte, verbale Angelegenheit oder reine Körperlichkeit.

Die Figuren sprechen eine Mischung aus Hochdeutsch, Berliner Schnauze und Kanaksprak. "Könnt Ihr mal Eure Klappe halten? Ihr fickt meinen Kopf" oder "was'n mit dir los, Atze?" rotzen die Darsteller mit roher verbaler Wucht. Körperlich fordernd wird es etwa, wenn der prahlerische Vinz einen Zweikampf mit einem Polizisten schildert. Der Schauspieler Christoph Bach tritt zuerst auf ein imaginiertes Opfer ein, um dann die Rolle zu wechseln, sich niederzuwerfen, mit einer Hand in seine eigenen Haare zu greifen und seinen Kopf auf den Boden zu schlagen.

Anders als in "La Haine", wo Gewalt stets bedrohlich wirkt, ist Brutalität in "HASS" ein Bühnenspiel. Vinz blickt mitten in der hochenergetischen Prügelszene auf und fragt seine Freunde beiläufig: "Schaut Ihr?". Dann folgt seine offenbar sorgsam geübte Heldenpose. "Mit letzter Kraft" aufgestanden, bohrt er den Gegner mit langsamen Fußdrehungen wie eine Zigarettenkippe in den Staub, die Hände formen gestisch zwei Revolver. Eine Machtfantasie.

Ich und mein Gaza-Dings

Während Vinz vom Bullenkrieg träumt, will Saïd vor allem 'bumsen'. In einer herrlich komischen Szene erzählt Haydar Yılmaz, ein junger palästinensischer Darsteller aus Yiğits und Prlićs Vorgängerprojekt "Warngedicht", von Saïds Eroberungen. "Ich hab sie so krass gebumst", sie, die jeder haben wollte – die Araber, die deutschen Kartoffeln, die Türken, zählt er in Deutschland beheimatete Ethnien auf, die Kosovoalbaner, muss Hubert (Tamer Yiğit) weiterhelfen, ja, auch die Vietnamesen, mit denen Yılmaz genussvoll die rhetorische Übertreibung abrundet. In den Übertiteln wird ein pralles "S" wie Sex projiziert. Alle wollten die Frau, aber "ich und mein Gaza-Dings haben's geschafft", brüstet sich der schmale Kerl. Der Nachbar habe sogar die Polizei rufen wollen, weil "die Schlampe beinahe vor Geilheit gestorben" sei. – "Und dann bist Du aufgewacht?" "Ja."

Immer wieder fabriziert das erfrischend heterogen zusammengesetzte Ensemble solch gelungene Szenen. Laien und Profis jeden Alters und mancher Ethnie trotz "HASS" in schönster Harmonie – das tut dem bislang vorwiegend deutschdeutschen Theater gut. Weniger bekömmlich für die Inszenierung ist die Disharmonie zwischen den Filmdialogen und den eigens entwickelten Texten. Dort "La Haine", schwarz-weiß die Banlieusards gegen die Bullen, hier eine politisch korrekte deutsche Welt, in der ein Polizist (Volkan T.) auch nur ein Mensch ist und Hakan Saygun, im Leben jenseits der Bühne Türkischlehrer, anmerken kann: "Hass? Sagt mir nichts".

Irritierender Eindruck der Unentschiedenheit

Dort Kassovitz' perspektivlose Jugendliche, hier eine verbindende Utopie: "das schöne Leben", wie Yiğit es seinen Kollegen im Sprechchor entlockt. Bei Kassovitz harte Drogen, im HAU2 jugendfreier 'Kokos' statt Koks. Dort pure Aggression, hier ironisch entschärfte Testosteronbomben. Wenn die sieben Mannsbilder in Jeans, Turnschuhen und Metal-Kutten unter dem Übertitel "HASSLER" brüllen, "Ich will hundert Kilo wiegen!", keuchend und gröhlend Gewichte stemmen und, egal ob schmächtig oder bullig, mit ihren Muskeln protzen, dann ist das hochkomisch.

Mit der Vorlage hat es wenig zu tun – und als Kommentar zum Film verstanden, lenkt die Männlichkeitsparodie eher auf die Frage, warum das dominierende Filmthema, die Einwandererproblematik, in den einmontierten Eigentexten außen vor gelassen wird. Vielleicht scheute das Theaterteam mit Migrationshintergrund dieses allzu nahe liegende Thema? Zurück bleibt ein irritierender Eindruck der Unentschiedenheit: weder Milieustudie à la Kassovitz noch Themenanverwandlung noch ironischer Kommentar, sondern einmal alles und nichts.

 

Hass
nach dem Film von Mathieu Kassovitz
Regie: Tamer Yiğit und Branka Prlić, Dramaturgie: Tim Staffel, Bühne: Nele Ahrens, Video: Branka Prlic und Marie Vietmann, Licht: Sebastian Zamponi. Mit: Christoph Bach, Danny Bruder, Dissput, Hakan Saygun, Volkan T., Tamer Yiğit, Haydar Yılmaz.

www.hebbel-am-ufer.de


Mehr lesen? Für ihre letzte Inszenierung Ein Warngedicht wurden Branka Prlić und Tamer Yiğit mit dem Berliner Brüder-Grimm-Preis ausgezeichnet.

 

Kritikenrundschau

"Mal wütend, mal traurig, mal selbstironisch taumelt das Stück in einem losen Strom von Szene zu Szene als eine Art ratlose, aber großartige Party, die die Jungens sich selbst bereiten", schreibt Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung (8.1.) Ein Stück über das Leben ganz unten, "in einer sehr genauen, bösen Straßensprache, die sich gleichzeitig aller abgegriffenen Klischeewendungen enthält." So haben Tamer Yigit und Branka Prlic auch schon in "Ein Warngedicht" den Ton getroffen: "Sensibel, wütend und gleichzeitig sehr reflektiert - mit Geschichten aus der eigenen Welt."

Tamer Yigit und Branka Prlic fahren schweres Geschütz auf: Rap, Video, ein Gym, so Volkmar Draeger im Neuen Deutschland (8.1.) Verhandelt werde in "Hass" die 24-Stunden-Geschichte dreier ungewöhnlicher, not-solidarischer Freunde: des Juden Vince, des Arabers Said und des Farbigen Hubert. "Was im Film der Wechsel des Schauplatzes ermöglicht, ist hier freilich mit anderen Mitteln zu lösen." Ohne Kenntnis des Films erschließe sich nicht leicht, was die Regie in Monologe, Streitgespräche und Wutanfälle umgeformt und verschachtelt hat. "Auch die Bezüge auf ähnliche Verhältnisse in Berlin, so der Handel mit Drogen im Görlitzer Park, ist, gut gedacht zwar, nicht unbedingt hilfreich." "Immens bis zur Erschöpfung" sei der Einsatz des multikulturellen Spielterteams um Tamer Yigit selbst. Fazit: "Wucht hat die 100-Minuten-Inszenierung allemal, ihr dramaturgischer Faden franst indes bisweilen etwas aus."

 

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